Analyse

Bau der Cheerstrasse in Littau bleibt ungewiss

Unzureichende Planung, Mehrkosten und Verzögerungen: Die Umfahrung Cheerstrasse hat einen schweren Stand. Womöglich braucht es gar noch eine dritte Volksabstimmung. Deren Ausgang wäre mehr als ungewiss.

Robert Knobel
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Robert Knobel.

Robert Knobel.

Die geplante Umfahrung Cheerstrasse im Littauerboden sorgt für neuen Ärger. Ein Gutachten kommt zum Schluss, dass die Behörden von Littau und Luzern die Kosten schöngeredet haben – etwa indem sie Risiken für Kostenschwankungen ausblendeten und keine Reserven einplanten. Das ist umso brisanter, als das Projekt Cheerstrasse schon zweimal die Hürde einer Volksabstimmung passieren musste: Das erste Mal 2009, als die Littauer klar Ja sagten zu einem 13,8-Millionen-Kredit. Bei der zweiten Abstimmung 2017 sagten die Stadtluzerner hauchdünn Ja zu einem Zusatzkredit von 4,8 Millionen Franken.

Der Wirbel um die Cheerstrasse ist auch ein Lehrstück zur Fusion Littau-Luzern. Während die Umfahrungsstrasse für viele Littauer eine Herzensangelegenheit war, fand der Luzerner Stadtrat, die Strasse sei gar nicht nötig und habe ein schlechtes Kosten-Nutzen-Verhältnis (was der Bund bestätigte). So ist zu erklären, dass der Stadtrat nach der Fusion das Strassenprojekt erst einmal liegenliess und sich lieber anderweitig in Littau engagierte – etwa indem er für über 50 Millionen Franken ein neues Schulhaus baute. Allerdings musste er sich dann anhören, er verschlampe wichtige Verkehrsprojekte und ignoriere den Volksentscheid. Nach Druck aus der Politik nahm der Stadtrat 2015 die Planungen für die Cheerstrasse wieder auf.

Doch die Ernüchterung folgte rasch: Es zeigte sich, dass sich mit den bewilligten 13,8 Millionen unmöglich eine neue Strasse bauen lässt. Es brauche zusätzliche 9 Millionen, um das Projekt umzusetzen, erklärte der Stadtrat – und nahm gleichzeitig neue Elemente ins Projekt hinein, die die Kosten ebenfalls in die Höhe trieben. Dazu gehörte insbesondere eine Fuss-/Velounterführung unter der Bahnlinie. Diese war zwar zu Littauer Zeiten auch schon im Gespräch, war aber nicht Teil des Kredits von 2009. Jedenfalls passte dies perfekt ins gängige Schema: Hier die bodenständige Gemeinde Littau, die mit bescheidenen Mitteln und wenig Bürokratie eine neue Strasse bauen will – dort die stolze Stadt Luzern, in der jedes Bauvorhaben sofort zum Luxusprojekt wird. Entsprechende Voten waren bei der Behandlung des Geschäfts im Stadtparlament zu hören.

Die Bürgerlichen im Stadtparlament retteten Littaus «Ehre» dann so, indem sie die Unterführung aus dem Projekt strichen. So war das Projekt «nur» noch 4,8 Millionen Franken teurer. Derweil wollte auch der Stadtrat das Projekt möglichst rasch vorantreiben: Nachdem man mehrere Jahre untätig geblieben war, wollte man bloss nicht den Eindruck erwecken, die Stadt Luzern nähme Entscheide des Littauer Stimmvolks nicht ernst. In der Abstimmungsbotschaft zum Zusatzkredit schrieb der Stadtrat 2017, er wolle das Projekt Cheerstrasse aus «demokratiepolitischen» Gründen weiterverfolgen. Das Gutachten zeigt nun, dass der Stadtrat die Vorarbeiten der Gemeinde Littau durchaus sehr ernst nahm – zu ernst. Es wurde viel zu wenig beachtet, dass das Littauer Projekt noch meilenweit von der Baureife entfernt war und in mehreren Punkten den gängigen Modellen zur Kostenberechnung widersprach. So kumulierten sich die Versäumnisse, bis die Stunde der Wahrheit kam. Der vermutlich erste umfassende Kostenvoranschlag zeigte im August 2019, dass das Projekt nochmals deutlich mehr Geld benötigt. Wie viel genau, soll im Laufe dieses Jahres klar werden.

Die planerischen Versäumnisse haben nicht nur Mehrkosten zur Folge, sondern auch Verzögerungen: Hatten die Littauer noch gehofft, die neue Umfahrungsstrasse 2013 zu eröffnen, so galt bis vor kurzem Ende 2023 als Eröffnungstermin. Und seit Veröffentlichung des Gutachtens lautet der neue Fahrplan: Baustart frühestens Ende 2021, Eröffnung Ende 2024. Doch sicher ist selbst das nicht: Das Parlament und womöglich auch das Volk werden die nötigen Mehrkosten erst noch bewilligen müssen. Ob dies gelingt, ist angesichts der Planungsfehler und des Zufalls-Ja zum Cheerstrassen-Kredit von 2017 (281 Stimmen gaben den Ausschlag) ungewiss. Bei einem Nein wäre der Scherbenhaufen perfekt – und die Umfahrung Cheerstrasse definitiv Geschichte.

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