Deutlich mehr Frauen suchen in Luzern Rat: Coronavirus schürt Konflikte zu Hause

Der Bund rechnet damit, dass häusliche Gewalt während der Coronakrise zunimmt. Das Frauenhaus Luzern hat so viele telefonische Anfragen wie noch nie. Männer hingegen zögern länger, bis sie Hilfe suchen.

Simon Mathis
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Wer unter häuslicher Gewalt leidet, hat schon mehr als genug Sorgen. Die Coronakrise verstärkt diese noch. Denn zurzeit verbringen viele Paare Tag und Nacht miteinander – die Gefahr von Konflikten verschärft sich. Experten gehen davon aus, dass häusliche Gewalt zunimmt. Auch das Luzerner Frauenstreik-Komitee ruft dazu auf, genau hinzuschauen.

Das Zürcher Frauenhaus Violetta musste am Mittwoch einen Aufnahmestopp verhängen, da eine Bewohnerin an Corona erkrankt ist. Wichtig ist aber die Botschaft: Es ist nach wie vor möglich, Unterstützung zu erhalten – auch in Luzern. Das Frauenhaus hat hier weiterhin geöffnet und ist für misshandelte Frauen und Kinder da. Geschäftsleiterin Annelis Eichenberger sagt:

«Wir spüren eine riesige Verunsicherung unter Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind.»

Denn zusätzliche Sorgen belasten die Betroffenen: Gewaltbereite Männer seien nun ständig zu Hause, die Platzverhältnisse beengt und der Freiraum der Frau beschränkt.

Weniger Gelegenheiten, das Haus zu verlassen

Diese Situation erschwert es, eine Gelegenheit zu finden, um sich beim Frauenhaus oder anderen Institutionen zu melden. «Die Frauen haben teils nur wenige Minuten Zeit, sich mit uns in Verbindung zu setzen – etwa, wenn der Mann kurz nach draussen geht», berichtet Eichenberger. Umso wichtiger sei eine 24-Stunden-Hotline, wie sie das Frauenhaus anbiete. Die Nummer wird so oft angerufen wie noch nie: «Es gibt Tage, da führen wir ein Beratungsgespräch nach dem andern», so Eichenberger.

Telefonberatung nach wie vor möglich

Frauen, die unter häuslicher Gewalt leiden, können auch während der Coronakrise unter folgenden Nummern Hilfe und Beratung suchen:

  • Polizei (24 Stunden): 117
  • Frauenhaus Luzern (24 Stunden): 041 360 70 00
  • Sanität (24 Stunden): 144
  • Opferberatung (Bürozeiten): 041 228 74 00
  • Haus Hagar (Bürozeiten): 041 375 20 30
  • Jugend- und Familienberatung Adligenswil (13.30 bis 16 Uhr): 041 375 77 62. Für Kinder und Eltern von Adligenswil und Meierskappel kostenlos.

Agredis, die Zentralschweizer Beratungsstelle für gewaltbereite Männer, nimmt auch Anfragen von männlichen Opfern häuslicher Gewalt entgegen:

  • Agredis (7 bis 22 Uhr): 078 744 88 88

Das Luzerner Frauenhaus bietet ein Zuhause auf Zeit für sieben Frauen und zwölf Kinder. Die Nachfrage nach Plätzen ist gross. «Niemand muss sich sorgen, keine Unterkunft zu finden. Wenn das Haus voll ist, helfen wir, einen passenden Platz zu finden», versichert Eichenberger.

«Wer Zuflucht braucht, soll sich bei uns melden. Wir sind nach wie vor für die Betroffenen da.»

Sollte es zu einem Coronaverdacht kommen, sind zusätzliche Räumlichkeiten vorhanden. Einfach ist die Situation für die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses nicht. «Wir brauchen einen langen Atem», so Annelis Eichenberger. «Wir sind vor Ort und setzen uns dem Risiko einer Erkrankung aus.» Betroffenen Frauen gibt sie denselben Ratschlag wie sonst auch:

«Wenn es nicht mehr geht, verlasst euer Zuhause. Misshandlungen tun weh – ob Corona oder nicht.»

Das Haus Hagar der St.-Anna-Stiftung nimmt ebenfalls Frauen in Not auf – allerdings nicht nur solche, die unter häuslicher Gewalt leiden. Es besteht eine enge Zusammenarbeit mit dem Frauenhaus. Hagar-Leiterin und SP-Kantonsrätin Pia Engler aus Kriens sagt:

«Wir haben bereits den ersten Fall, bei dem es aufgrund des angeordneten Homeoffice zur Gewalt gekommen ist.»

Auch Pia Engler betont: «Wir sind bestrebt, für alle einen Platz zu finden.» Kapazität hat das Haus Hagar für sieben Frauen mit und ohne Kinder. Zurzeit sind fünf Frauen und fünf Kinder im Haus. Ein Zimmer wird frei bleiben, für den Fall, dass eine Bewohnerin isoliert werden muss. Aktuell beschäftige vor allem die Frage nach der Anschlusslösung, sagt Engler: «In diesen Zeiten könnte es schwieriger werden, Mietwohnungen zu finden.»

Corona darf keine mentale Blockade schaffen

Eine besondere Gefahr sieht Pia Engler darin, dass sich betroffene Frauen durch Corona noch stärker an die eigenen vier Wänden gebunden fühlen. «In diesen Zeiten brauchen Frauen erst recht den Mut, Hilfe zu suchen und – wenn nötig – das Zuhause zu verlassen.» Die Coronakrise dürfe keine mentale Blockade schaffen. Nach Möglichkeit soll man mit den Kindern täglich an die frische Luft gehen und eine kurze Auszeit nehmen, sagt Engler. «Das ist Stand jetzt möglich und wichtig.» Die ständige Nähe führe zu erhöhtem Konfliktpotenzial.

Während die Hotline des Frauenhauses stark genutzt wird, sieht es bei Agredis, der Zentralschweizer Beratungsstelle für Gefährder, ganz anders aus. Agredis-Geschäftsleiter Thomas Jost sagt:

«Bis jetzt hatten wir keine zusätzlichen Telefone. Das überrascht uns.»

Ein Grund dafür könne allenfalls sein, dass sich Männer tendenziell später melden als Frauen. «Ihre Scham verbietet es ihnen oft, frühzeitig Hilfe in Anspruch zu nehmen», sagt Jost. «Das kann sich allerdings sehr schnell ändern.» Denn: Die Anrufenden haben aufgrund von Corona mit mehr Sorgen zu kämpfen. Dazu gehören finanzielle Ängste und die Furcht vor einem Versorgungsengpass. «Wir rechnen in Zukunft mit einer Zunahme der Telefonate und wappnen uns», so Jost. Wichtig sei die Botschaft, dass auch Männer Rat holen können. «Wir sind weiterhin für sie da.»

Genaue Zahlen gibt es noch nicht

Wie stark sich die Coronakrise auf die Fallzahlen von häuslicher Gewalt auswirke, lasse sich zurzeit nicht seriös beziffern, schreibt die Luzerner Polizei auf Anfrage. «Wir analysieren die Lage täglich», so Simon Kopp, Sprecher der Staatsanwaltschaft. «Es ist die Aufgabe der Polizei, sich immer wieder neu auf mögliche Entwicklungen und Ereignisse vorzubereiten.»

Auch der Kanton Luzern meldet, Prognosen bezüglich Fallzunahmen seien zurzeit schwierig. «Die Anfragen bei der Opferberatungsstelle des Kantons Luzern – insbesondere auch im Bereich häuslicher Gewalt – schwanken generell relativ stark», schreibt Edith Lang, Dienststellenleiterin Soziales und Gesellschaft. Eine fundierte, auf verlässlichen Zahlen basierte Aussage, lasse sich daher nicht machen.