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DIASPORA: So romanisch ist unser Kanton Luzern

Seit nunmehr 80 Jahren ist Rätoromanisch als offizielle Landessprache anerkannt. So manche Muttersprachler haben sich auch in Luzern niedergelassen. Vereine aber haben einen schweren Stand.
Raphael Zemp
Der Chor Viril Romontsch Lucerna bei den Proben im Schulhaus Hubelmatt. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 13. März 2018))

Der Chor Viril Romontsch Lucerna bei den Proben im Schulhaus Hubelmatt. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 13. März 2018))

Raphael Zemp

raphael.zemp@luzernerzeitung.ch

Allegra? Grüezi! Romanisch erklingt selten in Luzerns Gassen. Eher hört man hier russisches Stakkato, fernöstlichen Singsang oder langfädiges Amerikanisch. Und natürlich Schweizerdeutsch in den verschiedensten Ausprägungen. Rund ein Drittel der – zurückhaltend geschätzt – rund 60 000 Romanischsprechenden lebt im Unterland, einige davon auch hier, unter uns.

Wie viele es genau sind, lässt sich nur schwer sagen. Romanisch fällt bei der Statistikstelle des Kantons Luzern in die Kategorie «andere Sprachen». Verlässliche Aussagen seien nicht möglich, die erhobenen Fallzahlen zu gering, erklärt Isabelle Brunner, wissenschaftliche Mitarbeiterin von Lustat. Der Bund hingegen publiziert fürs Jahr 2016 die Zahl von 821 im Kanton Luzern wohnhaften romanischsprachigen Personen. Zugleich warnt er in einer Fussnote: Dieser hochgerechnete Wert sei mit «grosser Vorsicht» zu interpretieren.

Romanische Spielgruppe bleibt Idee

Die Wahl-Luzernerin Claudia Bühler lässt sich gar nicht erst auf dieses Zahlenbeigen ein. Die Frage, wie viele Rätoromanen in der Region leben, beantwortet sie ebenso lapidar wie elegant mit einem «mehr als man denkt». Aber offensichtlich trotzdem zu wenige, um in der Stadt Luzern eine romanische Spielgruppe zu betreiben, wie es der Plan war von Bühler und ihrer Kollegin Tamara Monn. Ihre Idee löste vor rund zwei Jahren zwar «viel positive Resonanz» aus. Anmeldungen für den Kurs, der jeweils am Freitagnachmittag hätte stattfinden sollen, gingen jedoch nur zwei ein. Auch im Jahr darauf fiel das Interesse zu gering aus. Bühler: «Viele hatten ihre Kinderbetreuung schon organisiert, andere bevorzugten einen anderen Wochentag.»

Fehlendes Interesse setzt auch dem Chor Viril Romontsch Lucerna zu, der einzigen offiziellen Vereinigung von Rätoromanen im Kanton Luzern. «In den vergangenen Jahren haben wir hie und da schon über die Auflösung nachgedacht», gesteht Adalgott Berther, langjähriger Präsident des Männerchors, der inzwischen noch zehn Mitglieder zählt. Allesamt Rätoromanen, allesamt über 70 Jahre alt. Geprobt wird einmal im Monat. Richtige Konzerte hingegen könne man mit dieser Besetzung nicht mehr stemmen, bedauert Berther. Ihre romanischen Lieder singen sie daher etwa noch in Altersheimen, für Senioren-Anlässe, manchmal auch in Kirchen, an Gottesdiensten «und leider auch an den Beerdigungen unserer Kollegen».

Tod und Krankheit erklären gleichzeitig auch, warum der Chor weiter beständig schrumpft. Mitglieder sagten sich keine vom Verein los. Allerdings rückten auch keine jungen Sänger nach. Gründe dafür verortet Berther vor allem in der «veränderten Mentalität der Jungen», aber auch in der Tatsache, dass man heute ohne Weiteres in wenigen Stunden in die Heimat reisen kann. «Das war früher nicht möglich», sagt Berther, der vor mehr als 50 Jahren der Arbeit bis in die Innerschweiz gefolgt ist. Im romanischen Chor zu singen, bedeutete damals: vertraute Melodien, Kontakt und Muttersprache pflegen. Dasselbe, was die Senioren noch heute davon abhält, den Verein einfach aufzugeben. Aber Berther gibt sich keinen Illusionen hin: «Letztlich ist es eine Frage der Zeit, bis es uns nicht mehr gibt.»

Vereinsnetz ist grobmaschiger geworden

Der romanische Männerchor Luzern ist gleichzeitig auch der letzte offizielle Verein von Heimwehbündnern, Italienisch und Deutsch sprechende eingeschlossen (siehe Kasten). Und trotzdem steht er nicht sinnbildlich für die romanische Diaspora in der Region. Denn die wächst sogar an. Das zumindest behauptet Jon Carl Tall, seit zehn Jahren Präsident der «Uniun dals Rumantschs en la Bassa» (URB) – der Dachorganisation von rund 50 Rätoromanen-Vereinen im Unterland: «Es ziehen viele junge Rätoromanen in die Region.» Daran hätten sicherlich auch die Hochschulen einen Anteil, wo momentan rund 60 Bündner studieren (Uni), respektive knapp 120 (Hochschule). Wie viele davon Romanisch reden, ist unklar. Generell aber dürfte sich laut Tall die Anzahl romanischsprechender Personen im Kanton Luzern auf knapp 1000 belaufen – was mehr ist, als der Bund schätzt. Die Spracherhebungen würden stets danach fragen, welche Sprachen man im Alltag brauche. «Bei dieser Methode kommen wir Rätoromanen erfahrungsgemäss schlecht weg.»

Organisiert sind die Rätoromanen aber anders als früher. Zwar sind noch nicht sämtliche Vereine verschwunden. Deren Einzugsgebiete aber haben sich deutlich vergrössert. Vorbei sind die Zeiten, als die Rätoromanen in Luzern in einem eigenen Klub vereint waren und jene in Zug etwa in einem weiteren. Übrig geblieben ist in der Zentralschweiz nunmehr ein grosser Rätoromanen-Zusammenschluss: der «Rumantschs Ladins Rigi». So wie es in der Zentralschweiz, ja gar im gesamten «Unterland» auch nur noch einen starken Rätoromanen-Männer-Chor gibt: den 40 Stimmen starke Chor Rumantsch Zug. «In beiden Vereinen mischen auch einige Rätoromanen aus Luzern mit», weiss Tall. Zudem gäbe es noch viele Gruppierungen, die nicht als offizielle Vereine eingetragen sind.

Am grössten und lebhaftesten ist die Diaspora aber in Zürich, wo rund 3000 Rätoromanen zu Hause sind. Dort gibt es einen romanischen Kinderhort und Romanisch-Kurse für Schüler. Dort organisiert die Union der Rätoromanen im Unterland Referate, Konzerte und Vorlesungen, die Romanischsprechende aus dem Unterland anlocken – Sprache kittet. Dort arbeiten die Rätoromanen eng mit der Universität und der Volkshochschule zusammen, die ihrerseits Romanisch-Sprachkurse anbieten – was in Luzern nicht der Fall ist.

Gelehrt wird Romanisch weder an der Uni noch am Sprachenzentrum der Hochschule, wo zwar Chinesisch, Japanisch wie auch Russisch und Arabisch angeboten werden, die vierte Landessprache aber auch in absehbarer Zeit nicht. Zu gering falle das Interesse aus, nur gerade eine Anfrage sei bisher eingegangen, teilt die Medienstelle der Hochschule mit.

Romanischkurse bietet hingegen die Migros Klubschule an, gar in den zwei verschiedenen Idiomen Vallader und Sursilvan. Unter anderem in Zug – nicht aber in Luzern. Das Interesse am Rätoromanisch sei zwar moderat, aber konstant. Als «führende Schweizer Bildungsinstitution» müsse man aber dieses «schweizerische Kulturelement» im Angebot haben, erklärt Daniela Canclini-Beinke, Projektleiterin Sprache der Migros Klubschule.

Darüber ist auch Tall im Bilde, bekräftigt aber gleichzeitig: «Wir setzen alles daran, damit wir das Verschwinden des Rätoromanischen zumindest verzögern können.» Rund 60 Romanisch-Sprachkurse würden im Unterland jährlich angeboten. Auch mit den Luzerner Hochschulen werde man das Gespräch suchen. Und auch wenn Tall, ganz der Realist, nicht daran glaubt, dass in 1000 Jahren noch Romanisch gesprochen wird: Seinem Engagement für die fünf verschiedenen Idiome und der Schriftsprache Rumantsch Grischun tut das keinen Abbruch. Denn es gibt Anlass für verhaltenen Optimismus: Noch interessieren sich Junge fürs Romanisch, besuchen Veranstaltungen und treten Vereinen und Verbänden bei – «wo dann aber freilich nicht alle gleich aktiv sind», so Tall.

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