Die Agglo Luzern ist linker geworden – das sind die möglichen Gründe

Bei den Wahlen konnten die Linken in allen Luzerner Parlamentsgemeinden zulegen. Das dürfte mit der städtebaulichen Entwicklung zu tun haben, doch vor allem in Kriens spielten auch andere Faktoren eine Rolle.

Stefan Dähler
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Die grüne Welle ist trotz Coronavirus nicht verebbt. Bei den kommunalen Wahlen am 29. März konnten die Grünen in allen Luzerner Parlamentsgemeinden Emmen, Kriens, Horw und Luzern zulegen. Da die SP insgesamt stabil blieb, wurden die rot-grünen Kräfte als Ganzes gestärkt.

Hinweis: Details zu den einzelnen Gemeinden finden sie in der Infobox am Ende des Textes.

Die Urbanisierung ist ein möglicher Grund für das Erstarken der rot-grünen Parteien in der Agglo Luzern. Hier im Bild die neue Überbauung Mattenhof in Kriens.

Die Urbanisierung ist ein möglicher Grund für das Erstarken der rot-grünen Parteien in der Agglo Luzern. Hier im Bild die neue Überbauung Mattenhof in Kriens.

Bild: Pius Amrein (25. April 2019)

In der Stadt Luzern ist dieser Trend nicht neu. Er entspricht auch der Entwicklung anderer Zentrumsstädte. Auffällig ist aber, dass die rot-grünen Parteien auch in der Agglomeration teils deutlich zugelegt haben. Besonders für Diskussionen sorgte das Wahlresultat in Kriens. Nicht nur im Parlament, sondern auch beim Stadtrat schnitten Grüne und SP sehr gut ab. Maurus Frey (Grüne) schaffte die Wahl auf Anhieb. Cla Büchi (SP) landete auf Platz 2, Judith Luthiger (SP) auf Platz 4 – sie verpassten jedoch das absolute Mehr und müssen in den 2. Wahlgang.

Klassischer Fall: Junge Familie, die in Luzern keine Wohnung findet

Eine Erklärung könnte die städtebauliche Entwicklung sein. Alle grossen Agglomerationsgemeinden sind urbaner geworden. Kriens verlieh diesem Wandel Ausdruck, indem es sich seit 2019 als Stadt und nicht mehr als Gemeinde bezeichnet. Dass in Agglomerationsgemeinden, in denen viel gebaut wird, die links-grünen Parteien tendenziell zulegen, könne man schon länger beobachten, sagt Joachim Blatter, Professor für Politikwissenschaft an der Uni Luzern. «Im Raum Zürich etwa war das schon vor einigen Jahren der Fall.» Der «Prototyp» neuer linker Wähler sei eine junge Familie, die in der Zentrumsstadt keine bezahlbare Wohnung mehr findet und in die Agglo zügelt. «Diese Leute haben oft ein modernes, progressives Weltbild, etwa was Geschlechterrollen angeht, und wählen tendenziell grün.»

Neben der Zuwanderung, welche durch Neubauten in Agglomerationsgemeinden möglich wird, gebe es aber auch noch eine weitere Erklärung für den Linksrutsch in diesen sich urbanisierenden Gebieten, so Blatter. Dichte und Diversität sorgten für eine «urbane Kultur», welche unter anderem durch Toleranz und Innovationsfreudigkeit gekennzeichnet ist, was wiederum tendenziell den Grünen und der GLP zugutekommt. Blatter:

«Das heisst, die wachsende Verdichtung in den Agglomerationsgemeinden lässt nicht nur progressive Wählerinnen und Wähler zuwandern, sondern schafft auch die Umgebung für ein progressiveres Milieu.»

Wachstum hat aber nicht automatisch eine Stärkung rot-grüner Parteien zur Folge. In Emmen legten diese nur marginal zu. «Emmen etwa hat einen hohen Ausländeranteil. Das kann dazu führen, dass die alteingesessenen, etablierten Bewohner sich abgrenzen wollen und konservativ oder nationalistisch wählen», so Blatter. Einen Einfluss habe auch das Wohnungsangebot. «Teure Wohnungen ziehen eher weniger linksorientierte Leute an. Einen Linksrutsch kann man dort beobachten, wo das Angebot divers ist.»

Maurus Frey: «Kriens ist nach wie vor nicht links»

Ein Beispiel für ein progressives Milieu ist das Teiggi-Areal in Kriens, auf dem eine neue genossenschaftliche Siedlung entstanden ist, in der grosser Wert auf die Mitwirkung der Bewohner und die Gemeinschaftspflege gelegt wird. Dort wohnt unter anderem auch der gewählte Grüne Stadtrat Maurus Frey. Er selbst glaubt aber nicht, dass das Wahlresultat in Kriens Ausdruck eines Linksrutsches ist. «Es hat eher mit der Unzufriedenheit mit dem bisherigen Stadtrat zu tun. Kriens ist nach wie vor nicht links. Es ging bei der Wahl nicht um den Gegensatz links-rechts, sondern um Verwalten oder Gestalten.» So haben im 1. Wahlgang die Bisherigen teils sehr schlecht abgeschnitten. Die Erklärung, dass Neuzuzüger für einen Linksrutsch sorgen, sei für Kriens ausserdem unzureichend, sagt Frey:

«Der Bezug der Neubauten erfolgt
ja eher langsam, es sind zu wenige Leute, um einen grossen Unterschied auszumachen.»

Frey beobachtet dennoch, dass städtische Themen auch in Kriens wichtiger werden, etwa die Mobilität, die Kinderbetreuung oder eine attraktive Gestaltung des Aussenraumes in verdichteter Umgebung.

Resultat ist schon mal gekippt

Wie dem auch sei. Das gute Resultat der linken Stadtratskandidierenden im 1. Wahlgang muss noch nicht heissen, dass es im 2. Wahlgang so bleibt. Bei den Regierungsratswahlen 2019 etwa holte Korintha Bärtsch (Grüne) im 1. Wahlgang in Kriens die meisten Stimmen, die drittmeisten gingen an Jörg Meyer (SP), der sich dann zurückzog. Im 2. Wahlgang wurde Bärtsch aber von den bisherigen Lokalmatadoren Paul Winiker (SVP) und Marcel Schwerzmann (parteilos) überholt.

So legte Links-Grün in den Luzerner Parlamenten zu

Im Grossen Stadtrat Luzern holten Grüne und Junge Grüne 4 zusätzliche Sitze und besetzen deren 11. Die Juso verlor ihren einzigen Sitz, die SP hielt ihre 13. Zusammen kommen die Linken so in der nächsten Legislatur auf die Hälfte der total 48 Sitze im Stadtparlament.

Im Emmer Einwohnerrat holten die Grünen einen Sitz und kommen neu auf deren 5. Die SP hielt ihre 6. Der Einwohnerrat hat total 40 Sitze. Die GLP ist neu mit einem Sitz erstmals im Rat vertreten, wobei die Partei in Emmen mit der CVP eine Listenverbindung einging. 

Im Krienser Einwohnerrat holten die Grünen 2 Sitze mehr und kommen so auf 6. Weiter legte die GLP, die in Kriens mit den Grünen eine Fraktionsgemeinschaft bilden, um einen Sitz auf 2 zu. Damit stellen Grüne/GLP in der nächsten Legislatur mit 8 Sitzen die grösste Fraktion im Einwohnerrat. Zusammen mit den 5 SP-Sitzen belegen die links-grünen Parteien 13 von 30 Sitzen im Rat. 

Im Horwer Einwohnerrat, der ebenfalls 30 Sitze zählt, holte die links-grüne L20 2 Sitze mehr und kommt neu auf 10. Sie wird damit zur grössten Fraktion. Noch offen ist, welcher Fraktion sich die GLP anschliesst. Die Partei schaffte erstmals den Einzug ins Parlament und holte 2 Sitze.