«Die beschimpfen ja nicht mich, die beschimpfen nur mein Gwändli»

Der Entlebucher Urs Schnyder studiert in Bern für den Doktortitel in Sportwissenschaften. Damit sind 60 Prozent seiner beruflichen Tätigkeit belegt. Die anderen 40 Prozent füllt er mit Fussball aus: Der 29-Jährige aus Escholzmatt ist letzte Saison zum Super-League-Schiedsrichter aufgestiegen.

Interview Turi Bucher
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Ist Schiedsrichter in der Super League: Urs Schnyder. (Bild: Boris Bügrisser / Neue LZ)

Ist Schiedsrichter in der Super League: Urs Schnyder. (Bild: Boris Bügrisser / Neue LZ)

Und ... aufgepasst: In seiner Freizeit spielt Schnyder noch in einer Doom-Metal-Band als Gitarrist und Sänger.

Urs Schnyder, ich versuche verzweifelt, die Fussball-Schiedsrichterei und die düstere Doom-Metal-Musik irgendwie in Verbindung zu bringen. Aber ehrlich gesagt, es gelingt mir – ausser der Farbe Schwarz vielleicht – nicht. Können Sie mir helfen?

Urs Schnyder: Ich denke, bei mir beruhen die beiden Tätigkeiten darauf, dass sich Gegensätze anziehen können. Wenn ich als Schiedsrichter auf dem Platz stehe, versuche ich, als Person dezent im Hintergrund zu stehen. Und mit der Band stehe ich gern im Mittelpunkt. Die Band ist ein Ventil für mich, für etwas, das in mir schlummert und das ich mit der Musik ausleben kann.

Wie fingen Sie eigentlich als Schiedsrichter an?

Schnyder: Als 16-jähriger Fussballer beim FC Escholzmatt-Marbach musste ich mich entscheiden: Will ich mehr Fussball oder mehr Musik? Da ich an der Jazzschule Luzern noch das Jazz-Gitarrenspiel studierte, wollte ich mit dem Fussballspielen aufhören. Da der Klub, den mein Vater mitbegründet hat, Schiedsrichter suchte, habe ich mich dafür entschieden, als Schiedsrichter anzufangen. Und natürlich, weil ich den Fussball extrem liebe.

Das war vor 14 Jahren. Und jetzt sind Sie in der Super League angelangt.

Schnyder: Via 5. Liga in die 3. Liga, und 2008 wurde ich angefragt, um bei der Referee Academy U 18 mit dabei zu sein. Das war für mich sozusagen der richtige Startschuss.

Unterdessen haben Sie schon Dutzende von Challenge-League-Spielen und vor allem vier Super-League-Partien gepfiffen. Noch kein Theater mit Fans, Klubs und Medien wegen irgendwelchen Fehlentscheidungen gehabt?

Schnyder: Nein, bis jetzt noch nicht.

Das kommt schon noch. Was ist Ihre Stärke als Schiedsrichter?

Schnyder: Ich bin eine ruhige Person, strahle überlegene Ruhe aus, auch wenn es um mich herum brennt. Ich kann meine Emotionen gut kontrollieren. Klar, auch ich komme mal aus mir heraus, auf dem Rasen selten, aber auch dann, glaube ich, kommt das authentisch rüber.

Und Ihre Schwächen?

Schnyder: Ich merke, dass ich bei umstrittenen Szenen, sei es bei Fouls, Freistössen oder Eckbällen, manchmal noch Mühe mit dem «Decision Making» habe, also damit, die richtige Entscheidung sofort zu treffen. In der Challenge League werden die Fehler nicht so schonungslos aufgedeckt wie in der Super League, weil in der zweithöchsten Liga nicht so viele Kameras platziert sind. Ich muss also noch genauer werden und teilweise meine Wahrnehmung sozusagen durch das Kameraauge justieren.

Sie haben bei anderer Gelegenheit gesagt: «Es ist immer leicht, die Zeitlupe aus verschiedenen Winkeln anzuschauen. Dieses Hilfsmittel haben wir auf dem Spielfeld noch nicht ...» Die sofortige Konsultation der Kameras, wie beispielsweise im Tennis oder Eishockey, könnte dem Schiedsrichter auch helfen ...

Schnyder: Grundsätzlich bin ich für den Kamerabeweis. Bei «Tor oder nicht Tor» haben wir das ja schon. Ich befürworte den Videobeweis bei Schwarz-Weiss-Entscheidungen. Abseits oder nicht Abseits zum Beispiel. Bedenken habe ich allerdings bei strittigen Strafraumszenen. War es absichtliches Handspiel oder nicht? Das ist auch mit der Kamera schwer zu belegen.

Was ist für Sie schlimmer: ein übles Foul oder eine üble Schiedsrichterbeleidigung?

Schnyder: Ein übles Foul finde ich schlimmer.

Was ist das Schlimmste, das Sie sich bisher anhören mussten?

Schnyder: Ich habe bis jetzt noch nie richtig heftige Sachen erlebt. Das Publikum kann ich gut «ausschalten». Das hilft besonders in den unteren Ligen, wenn man zwischen den Leuten durch in die Garderobe laufen muss. Ich sage mir dann immer: Die beschimpfen ja nicht mich, die beschimpfen nur mein Gwändli.

Sie waren im Januar mit den Schweizer Topschiedsrichtern für eine Woche im Trainingslager auf Gran Canaria.

Schnyder: Da war ich jetzt schon zum fünften Mal mit dabei. Ich betone: Das ist kein Ferienlager. Morgens um 8.30 Uhr gehts zum ersten Training, das rund drei Stunden dauert. Dann gibts Theorie, Mittagessen, wieder Theorie, nochmals ein Aktivtraining und dann Nachtessen. Und das die ganze Woche lang.

Und trotzdem hat die Schweiz momentan keinen Schiedsrichter, der internationales Ansehen geniesst.

Schnyder: Vom Niveau her, und das sage ich mit absoluter Überzeugung, hat die Schweiz genug Schiedsrichter, die international mithalten können. Und in Zukunft werden wir auch wieder Schiedsrichter bei grossen Endrunden haben. Vielleicht haben wir uns ein wenig zu lange auf den Lorbeeren ausgeruht, haben es während der Zeit eines Urs Meier oder Massimo Busacca verpasst, aufzurüsten, ja die Professionalisierung einzuführen.

Wären Sie denn für Schweizer Ref-Profis?

Schnyder: Ich kann für mich sagen: Ich möchte Profi werden. Aber ich bin für individuelle Lösungen für jeden einzelnen Schiedsrichter. Was bringt es einem Schiedsrichter, kurz vor seinem Karriereende seinen angestammten Beruf aufzugeben, um zu den Profis zu wechseln?

Ihr Schiedsrichtervorbild?

Schnyder: Ich schaue mir sehr viele Spiele an und picke mir die Vorzüge der internationalen Schiedsrichter raus. Auch aus deren Fehlern versuche ich zu lernen. Mein grösster Traum ist es, ein Champions-League-Spiel zu pfeifen.

Und der FC Luzern ..., dürfen Sie als Entlebucher überhaupt einen Ernstkampf des FCL arbitrieren?

Schnyder: Warum nicht? Als Schiedsrichter bin ich neutral, da spielt es absolut keine Rolle, woher die Teams kommen. (Anm. d. Red: Schiedsrichter-Chef Cyril Zimmermann klärte übrigens direkt aus dem Trainingslager in Gran Canaria auf: «Bei der Besetzung der Spiele schauen wir nicht auf den Wohnort. Somit kann Urs Schnyder grundsätzlich auch FCL-Spiele leiten.»)

Und nun wechseln wir sozusagen mit einem richtig harten, dunklen, langgezogenen Gitarrenriff rüber zu Preamp Disaster, Ihrer Band. Wie kams dazu?

Schnyder: Bis ich 16 Jahre alt war, hatte ich schon in einigen Bands gespielt. Preamp Disaster wurden 2007 gegründet, ein Gitarrist und der Bassist stammen auch aus dem Entlebuch, der Schlagzeuger ist ein in Luzern wohnhafter Aargauer. Wir üben jeweils im Sedel in Luzern, das heisst, pro wöchentliche Probe habe ich eine Wegdauer von vier Stunden hin und zurück. Dieser Weg drückt meine Leidenschaft für meine Band und die Musik aus.

Und wieso gerade diese düstere Doom-Musik, wo Sie doch einst Jazz-Gitarre studiert haben?

Schnyder: Als ich Jazz-Gitarre studierte, schwärmte ich von Wes Montgomery und vom Mahavishnu Orchestra. Eigentlich spielen wir heute gar nicht mehr Doom Metal (Anm. d. Red: schwere, langsame Gitarrenriffs mit einer als düster wahrgenommenen Grundstimmung), sondern Post Rock (Anm. d. Red: Sammelbegriff für unterschiedliche Spielarten des Rocks) mit sogenannten atmosphärischen Soundteppichen.

Wann kann man Super-League-Schiedsrichter Urs Schnyder das nächste Mal als Rockmusiker erleben?

Schnyder: Am Mittwoch, 16. März, treten wir in der Bruchbrothers-Bar in Luzern im Rahmen des There-are-worse-Bands-Festivals auf.

Interview Turi Bucher