Die besten Streiche unserer Kantonsräte

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Farblose Politiker? Ein abgedroschenes Klischee. Jedenfalls zeigten sich die 58 Parlamentarier, die sich am Montag vor der Kantonsratssession an ihre Jugendstreiche erinnerten, alles andere als farblos. Die Gelegenheit dazu bot ihnen die neu gegründete parlamentarische Gruppe Kinder und Jugend (PKJ, siehe Kasten): Im Eingangsbereich des Ratsgebäudes wurden die Kantonsrätinnen und Kantonsräte angehalten, mit einer Polaroidkamera ein Selbstporträt, ein sogenanntes Selfie, zu schiessen und auf einem Zettel einen Jugendstreich aufzuschreiben. «Gerechnet haben wir nur mit 20 bis 30 Beiträgen», freut sich Initiantin Ylfete Fanaj. Auch Anna Balbi, Leiterin der Kinder- und Jugendförderung infoklick.ch Zentralschweiz, zieht eine positive Bilanz: «Die Erinnerungen an die eigene Jugend zu wecken, kam bei den Parlamentariern gut an. Sie hatten offensichtlich Spass, und es herrschte eine lockere Atmosphäre.»

Eine Auswahl von Jugendsünden unserer Parlamentarier – finden Sie heraus, wer hinter den Streichen steckt und gewinnen Sie bei unserem Wettbewerb (siehe Kasten)

Zum Beispiel Mobbing: Oder wie anders würde man es heutzutage nennen, wenn «einer Streberin in der Klasse» der Haarzopf abgeschnitten (1) wird? Und ob die FDP-Geschäftsfrau heute noch so rabiat mit alten Zöpfen verfährt? Die Schule ist natürlich ein ideales Biotop für Streiche. Da wird dann auch mal ein Nacktfoto hinter der Wandtafel aufgehängt (2), «zur Empörung der Lehrerin», wie der Verfasser mit einer gewissen Genugtuung vermerkt. Hat hier die antiautoritäre Erziehung der 68er mitgespielt? Möglich wäre es – ist es doch der Jahrgang des Lehrerinnenschrecks. Altbekannt ist auch die Streichung von Schulstunden. Allerdings waren früher eher nicht Sparmassnahmen der Grund dafür: «Schrauben am Lehrertisch gelöst – Zusammenbruch total – Stunde ausgefallen!» (3) Ein gewisser Stolz über die Aktion ist der Autorin auch heute noch anzumerken.

Es gibt natürlich noch weitere Methoden, um zu einer unterrichtsfreien Zeit zu kommen: Sei es, indem man den Werklehrer in ein Schulzimmer einsperrt (4) oder indem man sich während der Turnstunde im Wald versteckt (5), um nicht rennen zu müssen. Bewegungsfaulheit bei Kindern ist also kein ganz neues Phänomen ...

Sinn für Gerechtigkeit beweist hingegen eine andere Aktion: «Habe mal einem sadistischen Lehrer die Ärmel seiner Jacke zugenäht.» (6) Die Fähigkeit, mit Nadel und Faden umzugehen, deuten bei diesem SP-Politiker zudem auf eine frühe Prägung hin zur Gleichberechtigung.

Auch Tiere gehen immer: Sei es, dass man seiner Lehrerin eine lebende Forelle fürs Brünneli im Schulzimmer «schenkt» (7) oder «für einen Freund eine Schoggimaus mit einer echten Maus ‹präpariert›.» (8)

Gespenstische Schwester

Aber es gibt auch schwerere Fälle. Opferstock-Diebstahl (9) zum Beispiel. Immerhin hat die Delinquentin ihre Beute später «beichtend zurückgebracht». Die Juristin wird wissen, dass die Tat mittlerweile verjährt ist. Auch Sprengstoffdelikte, gepaart mit Ruhestörung, sind dem Parlament nicht fremd: Ein Sack voller abbrennender Frauenfürze im elterlichen Wohnzimmer (10) sorgte nachts um 23 Uhr für ein fünfminütiges Feuerwerk – und einen beschädigten Teppich. Die elterliche Wohnung wurde auch beim Streich einer Grünen-Politikerin zum Tatort. Sie setzte aber weniger auf Knalleffekte und mehr auf Übersinnliches: «Ich lag oft unter dem Bett meiner Schwester und spielte ‹Gespenst› – mit Erfolg!» (11)

An Josef «Joe» Ackermann, den ehemaligen Chef der Deutschen Bank, erinnert hingegen die Aktion «Spanische Nüssli in den Nachttresor der Luzerner Kantonalbank gefüllt» (12). Eine frühe kapitalismuskritische Aktion eines Vollblutlinken? Eher nicht: Der Urheber dieser «Peanuts» politisiert heute bürgerlich bei der CVP und ist Inhaber eines KMU.

Nächtliche Poesie

Die Erinnerung an vergangene Jugendzeiten führt auch zu poetischen Anwandlungen. «Lüüte i de Nacht – alli send wach» (13), schreibt etwa ein rechtsbürgerlicher Kantonsrat verzückt. Immerhin zu einem Erkenntnisgewinn führte das Anzünden eines Heustocks (14): «Seitdem weiss ich, dass Feuer brennt», gesteht die SP-Kantonsrätin. Nicht alle Kantonsräte wollen sich aber an ihre Jugendstreiche erinnern. Oder wie anders ist der Beitrag «Braver Bub!» (15) zu erklären? Vielleicht ist dieser Beitrag aber auch einfach als Wunschdenken zu interpretieren – der Mann arbeitet heute im Bildungsbereich.
Was mit den gebeichteten Jugendstreichen der Parlamentarier nun geschieht, ist laut Ylfete Fanaj noch nicht ganz klar. Werden sie etwa für politische Zwecke benutzt? Fanaj: «Wahrscheinlich nicht ...»

Diese Kantonsräte stecken hinter den Streichen: Giorgio Pardini (SP, Luzern), Romy Odoni (FDP, Rain), Martin Krummenacher (SP, Willisau), Mar-cel Zimmermann (SVP, Horw), Trix Dettling (SP, Buchrain), Peter Bucher (CVP, Horw), Jörg Meyer (SP, Adligenswil), Hasan Candan (Juso, Luzern), Michèle Bucher (Grüne, Luzern), Markus Gehrig (CVP, Luzern), Priska Lorenz (SP, Grosswangen), Hildegard Meier (FDP, Willisau), Peter Zosso (CVP, Luzern), Christina Reusser (Grüne, Ebikon), Ylfete Fanaj (SP, Luzern).
* Der Autor hat einst das Anfeuern mittels Brennsprit und Giesskanne geübt. Ergebnis: eine gewaltige Verpuffung und angesengte Haare beim noch etwas mutigeren Kollegen ...

Einsatz für Kinder- und Jugendpolitik

Die parlamentarische Gruppe Kinder und Jugend (PKJ) ist eine Interessengemeinschaft von Kantonsräten, die gemäss eigenen Angaben die Kinder- und Jugendpolitik stärken und fördern will. Dazu arbeite man mit Akteuren der kantonalen Kinder- und Jugendförderung zusammen und fördere so die Vernetzung mit dem Kantonsrat.

Initiiert wurde die Gruppe, die bislang rund 50 Kantonsräte aus allen Fraktionen umfasst, von Ylfete Fanaj (SP). Die Kerngruppe besteht aus Markus Baumann (GLP), Damian Müller (FDP), Christina Reusser (Grüne) und Priska Wismer (CVP). «Die Mitgliedschaft ist ideell, sie verpflichtet zu nichts», so Fanaj. «Uns verbindet als gemeinsames Ziel die Jugendförderung. Der Weg dorthin ist aber je nach Partei unterschiedlich.» Ziel sei es, jährlich zwei Aktionen zu lancieren.

Partnerorganisationen: Jugendarbeit Region Luzern, Infoklick.ch Zentralschweiz, JuBla Luzern, Pfadi Luzern; Pro Juventute Luzern, Lea Fuchs, Initiantin Jugendparlament Luzern, Askja Luzern, Zentrum für Menschenrechtsbildung.