Im Bahnhof Luzern zu Höchstleistungen getrimmt: Der Sporttest im Selbstversuch

Viele nehmen sich vor, im neuen Jahr mehr Sport zu treiben. Da kann sich vorab ein sportmedizinischer Test lohnen. Dieser ist allerdings kein Sonntagsspaziergang, wie ein Selbstversuch zeigt.

Yasmin Kunz
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Redaktorin Yasmin Kunz beim Leistungsdiagnostik-Test in der Klinik St. Anna. Hier werden ihre Atemgase gemessen, während sie auf dem Velo strampelt. (Bild: Manuela Jans-Koch, Luzern 21. Dezember 2018)

Redaktorin Yasmin Kunz beim Leistungsdiagnostik-Test in der Klinik St. Anna. Hier werden ihre Atemgase gemessen, während sie auf dem Velo strampelt. (Bild: Manuela Jans-Koch, Luzern 21. Dezember 2018)

Der Puls steigt schon bevor ich am Bahnhof Luzern ankomme. Einerseits weil ich knapp dran bin und heftig in die Pedalen treten muss, andererseits weil sich die Nervosität langsam bemerkbar macht. Grund für die leichte Anspannung ist der grosse Leistungs-Check, der mir bevorsteht. Ich habe mich für einen grossen Leistungsdiagnostik-Test angemeldet – schliesslich gibt es keinen geeigneteren Zeitpunkt für eine sportliche Zielvereinbarung als der Jahreswechsel.

Durchgecheckt werde ich im fünften Stock des Luzerner Bahnhofs, wo die Hirslanden Klinik St. Anna seit Mitte Dezember die Abteilung Sportmedizin betreibt. Neben Leistungsdiagnostik, Physiotherapie und Fitness werden hier auch diverse Kurse wie Pilates angeboten. Der grosse sportmedizinische Check-Up kostet 1040 Franken und wird von der Krankenkasse nicht bezahlt. Er eignet sich etwa für Menschen, die sich während längerer Zeit nur wenig bewegt haben, oder für ältere Personen, die plötzlich sportliche Ambitionen hegen und beispielsweise einen längeren Lauf absolvieren wollen. Doch auch Personen mit ambitionierten sportlichen Zielen können dank der Testergebnisse ihr Training unter Umständen effizienter gestalten.

Fussballer und Polizisten machen den Test

Daniel Wegmann, 48, Sportmediziner im St. Anna, führt seit acht Jahren im Bahnhof Leistungstests bei Hobby- und Leistungssportlern durch. So absolvieren hier etwa die Fussballspieler des FCL ihre Tests. Auch die Luzerner Polizei und Feuerwehren lassen hier ihre sportliche Leistungsfähigkeit prüfen. Der Mediziner, der überdies bei den Handballern des HC Kriens und bei den Schweizer Skirennfahrerinnen als Teamarzt wirkt, stellt fest, dass vermehrt auch Manager Leistungs-Checks absolvieren. Meist täten sie dies aus präventiven Gründen, wie er sagt. Auch Hobbysportler würden zunehmend ihre Leistungen eruieren wollen.

Für mich hingegen stellt der Test weder eine vorsorgliche Massnahme dar, noch habe ich demnächst vor, einen Marathon unter vier Stunden zu laufen. Vielmehr geht es darum, nach einer verletzungsbedingten Sportpause abzuklären, wie mir ein sinnvoller Neustart gelingen kann. Es gilt, festzustellen, wo Defizite vorhanden sind und in welchen Bereichen eine solide Basis besteht.

Der Laktatstufentest hat es in sich

Um diese Werte zu ermitteln, muss ich mich mächtig anstrengen. Der Laktatstufentest, einer der zum Check-Up gehörenden Tests, der zur Bestimmung der individuellen Trainingsintensität dient, hat es nämlich in sich.

Mit der Maske werden Atemgase wie Sauerstoff oder Kohlendioxid gemessen. (Bild: Manuela Jans-Koch, Luzern 21. Dezember 2018)

Mit der Maske werden Atemgase wie Sauerstoff oder Kohlendioxid gemessen. (Bild: Manuela Jans-Koch, Luzern 21. Dezember 2018)

Doch von vorne: Das Elektrokardiogramm zeichnet normale Kurven auf das Blatt und somit ist klar: Mein Herz ist fit für den Test auf dem Velo. Pirmin Bühler, 32, Sportwissenschaftler und Teamleiter Sportmedizin im St. Anna im Bahnhof, zieht mir eine Maske – im Fachjargon Spiroergometriegerät – über. Es erinnert mich an Menschen, die sich vor giftigen Gasen schützen. Das ist bei mir nicht der Fall. Diese Maske misst die Atemgase während körperlicher Belastung. Also den eingeatmeten Sauerstoff und das ausgeatmete Kohlendioxid.

Alle drei Minuten einen Pieks ins Ohrläppchen

Die Atemmaske misst exakt die ausgestossenen Atemgase. (Bild: Manuela Jans-Koch, Luzern 21. Dezember 2018)

Die Atemmaske misst exakt die ausgestossenen Atemgase. (Bild: Manuela Jans-Koch, Luzern 21. Dezember 2018)

Die ersten paar Minuten auf dem Velo sind locker, ich kann nebenher plaudern. Insgeheim denke ich: Das ist ein Klacks. Es verstreichen allerdings nur wenige Minuten – im 3-Minuten-Rhythmus wird der Widerstand grösser. Oder anders ausgedrückt: Der Hang steiler – und schon werde ich wortkarg. Nach jeder Stufe gibt es einen Pieks ins Ohrläppchen. Im abgenommenen Blut wird die Konzentration des Laktats bestimmt. Einfach erklärt, gibt der Blutlaktatspiegel Aufschluss darüber, bei welcher körperlicher Anstrengung, die Muskeln übersäuern. Pirmin Bühler sagt dazu:

«Die Messung der Blutlaktatkonzentration bei körperlicher Belastung ist ein wichtigstes diagnostisches Verfahren. Anhand dieser Resultate kann man hinsichtlich der Ausdauerfähigkeit einen geeigneten Trainingsplan zusammenstellen.»

Dieses Verfahren wird sowohl bei Leistungs- als auch bei Hobbysportlern angewendet. Bühler gibt im Anschluss für jede Person individuelle Trainingsempfehlungen ab. Nach rund 17 Minuten auf dem Velo macht sich bei 190 Watt Widerstand eine leichte Übelkeit bemerkbar. Meine Beine und meine Lungen brennen. Ich gebe auf. Von einer Blamage, wie anfänglich befürchtet, bin ich den Auswertungen zufolge weit entfernt. Dennoch: Verbesserungen sind natürlich möglich.

Laut Pirmin Bühler müsste ich, um meine Leistung im Ausdauerbereich zu optimieren, drei Viertel meiner Trainings in der Grundlagenausdauer – bei lockerem Belastungsempfinden – absolvieren. Heisst an einem Beispiel: Drei Mal wöchentlich rund eine Stunde Joggen. Zusätzlich einmal pro Woche intensives Intervall-Training: Vier Minuten rennen, vier Minuten spazieren – davon drei bis fünf Einheiten. Belastungsempfinden: hart bis sehr hart. Das Grundlagentraining führe zu einer besseren Ausdauerleistung und die intensiven Trainings zu einer höheren Sauerstoffaufnahme, weil der Herzkreislauf dann maximal ausgelastet sei, erklärt der Sportwissenschaftler. Dieses sogenannte polarisierende Modell empfiehlt Bühler oft, individuell angepasst auf die erbrachte und erwünschte Leistung.

Der grosse Test dauert einen halben Tag

Redaktorin Yasmin Kunz (liegend) bei Übungen zur Bestimmung der Grundfitness mit Physiotherapeutin Helen Wäspe. (Bild: Manuela Jans-Koch, Luzern 21. Dezember 2018)

Redaktorin Yasmin Kunz (liegend) bei Übungen zur Bestimmung der Grundfitness mit Physiotherapeutin Helen Wäspe. (Bild: Manuela Jans-Koch, Luzern 21. Dezember 2018)

Wer die grosse sportmedizinische Abklärung machen lässt, der weiss nachher so ziemlich alles über seinen Körper: Herzrhythmus, Körperfettanteil, Vitaminmängel, Lungenvolumen und Beweglichkeitsfähigkeit.

Es besteht auch die Möglichkeit, nur einzelne Punkte zu testen. Also beispielsweise nur den Laktatstufentest zu absolvieren. Wer den umfassenden Check-Up durchführen will, der muss inklusive Nachbesprechung einen halben Tag Zeit aufwenden und nüchtern zum Termin erscheinen. Denn vor der Durchführung der Leistungstests werden noch Blut- und Urinproben abgenommen. Im Anschluss an das Sportprogramm erklärt der Arzt Daniel Wegmann diese Werte. So kann beispielsweise ein Eisenmangel die Leistungsfähigkeit reduzieren. Denn das Eisen transportiert den Sauerstoff im Blut.

Neben dem ärztlichen Untersuch, der ungefähr eine Stunde dauert, und der Laktatmessung beinhaltet der Check-Up ein Functional Movement Screen, der mit Hilfe einer Physiotherapeutin durchgeführt wird.

Mit 7 Übungen körperliche Schwächen feststellen

Defizite in Beweglichkeit, Muskelkraft und Stabilisierungsfähigkeit der Extremitäten und des Rumpfes werden mittels Functional Movement Screen (FMS) ermittelt. Das standardisierte Testverfahren wurde in den USA entwickelt und hat sich mittlerweile auch hier etabliert. Mit den Übungen werden konditionelle Fähigkeiten zur Erfassung potenzieller Verletzungsrisiken und ineffizienter Bewegungsmuster überprüft. Es geht darum, Schwächen rechtzeitig zu erkennen und falls nötig Korrekturen vorzunehmen. Der Test besteht aus sieben Übungen wie Kniebeuge, Hürdenschritt, Ausfallschritt, Schulterbeweglichkeit, Liegestütze, Beinheben, Rotationsstabilität. Schüler von Sportgymnasien oder Leistungssportler müssen den FMS absolvieren. Pro Übung gibt es drei Punkte. Maximal können also 21 Punkte erreicht werden. Das habe im St. Anna im Bahnhof bisher erst ein Sportler geschafft, wie die zuständige Physiotherapeutin Helen Wäspe sagt. 

Ratgeber

Abnehmen: Mehr Kalorien an Tagen mit Joggen?

Ich (51, w, 1,67 m, 63 kg) bin am Abnehmen. Anfänglich wog ich 66,5 kg, Ziel sind 60 kg. Ich achte auf die tägliche Kalorienzufuhr (1500 kcal) und treibe regelmässig Sport. Zwei Fragen: Darf ich an Tagen, an denen ich jogge, mehr Kalorien zu mir nehmen? Und welchen Kalorienbedarf habe ich, wenn das Zielgewicht erreicht ist?
Natascha Potoczna*

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Im Kanton Zürich steht die Klinik Hirslanden in der Kritik, weil sie zu wenig Allgemeinversicherte behandle. Im Kanton Luzern hingegen geniesst die zur gleichen Gruppe gehörende Klinik St. Anna bei Grundversicherten wachsende Beliebtheit.
Roseline Troxler