Interview

Die erste Surseer Stadtpräsidentin: «Ich bin überwältigt»

Sabine Beck-Pflugshaupt ist die erste Surseer Stadtpräsidentin – und sie wird weiter nicht auf die Fasnacht verzichten.

Ernesto Piazza
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Sabine Beck will den Dialog mit den Nachbargemeinden suchen.

Sabine Beck will den Dialog mit den Nachbargemeinden suchen.

Jakob Ineichen
(Sursee, 1. April 2020)

Sabine Beck-Pflugshaupt (CVP) heisst die neue Stadtpräsidentin von Sursee. Mit der 48-jährigen Familienunternehmerin bekleidet erstmals eine Frau dieses Exekutivamt. Mit unserer Zeitung spricht sie über Wachstum, Verkehr, finanziell erschwinglichen Wohnraum, aber auch über Kultur und Erholung.

Seit Dienstagabend sind Sie offiziell die erste Stadtpräsidentin von Sursee. Wie fühlt sich das zwei Tage danach an?

Sabine Beck: Ich denke, bis ich es richtig realisieren werde, brauche ich noch etwas Zeit. Mich umgibt ein Gefühl von grosser Freude und Dankbarkeit. Ich bin überwältigt von den vielen positiven Reaktionen, auch von der grossen Zahl von Glückwünschen. Aber der Respekt vor der herausfordernden Aufgabe ist ebenfalls vorhanden, ganz klar.

Gab es bei der aktuellen Situation zumindest eine Feier in kleiner Runde?

Es war natürlich schön, das Gremium, mit dem ich die nächsten vier Jahre zusammenarbeite, zu treffen. Zu Hause hat mich die Familie mit einem wunderbaren Znacht in stimmiger Atmosphäre überrascht. Da gehörte auch ein Glas guter Wein dazu.

Zur Person

Sabine Beck-Pflugshaupt - Stadtpräsidentin Sursee
Jakob Ineichen (Sursee, (1. April 2020)

Sabine Beck-Pflugshaupt - Stadtpräsidentin Sursee

Sabine Beck-Pflugshaupt ist 48-jährig. Sie ist verheiratet mit Stephan Beck. Gemeinsam betreiben sie die Beck Umweltservice AG, Sursee. Sie haben zwei Kinder: Anna (19) und Jonas (17). Die Geschäftsfrau gehört der CVP Sursee an. Politisch gilt sie als Quereinsteigerin. Seit 2011 ist sie Präsidentin der Korporation Sursee. Von 2004 bis 2010 war sie Schreiberin bei der Korporation. Ihre Hobbys sind Lesen, Fasnacht und mit Familie und Freunden zusammensein. (ep)

Wie wird sich Ihr Leben als Familienunternehmerin mit dem Amt als Stadtpräsidentin verändern?

Ich war mich bisher schon gewohnt, zwischen Familie, Geschäft und Korporation (bis Ende August ist Beck noch Präsidentin der Korporation Sursee, Anm. d. Red.) zu switchen. Diese Flexibilität wird mir künftig helfen.

Sie treten das Amt zwar erst am 1. September an. Machen Sie sich trotzdem bereits Gedanken, was die Coronakrise für Auswirkungen auf Sursee mit den vielen Arbeitsplätzen haben könnte?

Natürlich mache ich mir dazu den einen oder anderen Gedanken. Es ist für die Stadt ganz wichtig, zu analysieren, was Sursee braucht, um dann entsprechende Massnahmen zu definieren und in die Wege zu leiten. Ich finde es entscheidend, dass man in einer solchen Situationen einander hilft. Zudem sind neue Ideen gefragt, um durchhalten zu können. Aber klar: Gerade für KMU dürfte es eine riesige Herausforderung sein, wirtschaftlich zu überleben.

In Sursee ist Historisches passiert. Erstmals führt eine Stadtpräsidentin die Geschäfte. Zudem ist der Rat mehrheitlich mit Frauen bestückt. Wie macht sich das in der Politik bemerkbar?

Ich denke, die Politik wird nicht besser oder schlechter. Sie wird anders. Frauen haben oft eine eigene Art, Dinge anzupacken. Berücksichtigen wir den Stadtschreiber noch mit, besteht das Gremium aus sechs Persönlichkeiten. Jede hat seine Ecken und Kanten, und das ist gut so. Im Korporationsrat sind wir drei Frauen und zwei Männer, was bereichernd ist. Für mich stellt sich die Männer-/Frauenfrage so nicht. Die Menschen sind für mich entscheidend.

Im Rat nehmen mit Romeo Venetz (CVP) und Daniel Gloor (FDP) zwei Mitglieder neu Einsitz, die sich gewohnt sind, zu führen. Haben Sie keine Bedenken, dabei zu kurz zu kommen?

Jeder hat auf seinem Gebiet seine Stärken und soll sie im Rat auch zur Geltung bringen. Davon können alle profitieren. Ich sehe überhaupt kein Konkurrenzdenken. Letztlich sind wir zwar fünf Führungspersönlichkeiten, aber müssen geeint als ein Team auftreten.

In der Vergangenheit wurde dem Stadtrat zuweilen unterstellt, er politisiere am Volk vorbei, kommuniziere zu wenig. Welchen Führungsstil wollen Sie pflegen?

Es ist mir wichtig, gut zuzuhören, verständlich und volksnah zu politisieren und für die Anliegen der Bevölkerung ein offenes Ohr zu haben. Dass dies jedoch immer gelingt – dessen bin ich mir bewusst – dürfte eine Herkulesaufgabe sein. Ganz entscheidend ist für mich, dass der Bürger den Stadtrat wahrnimmt. Die Menschen liegen mir am Herzen.

Wissen Sie bereits, welche Aufgabe Sie zuerst anpacken?

Die Zusammenarbeit mit den andern Gemeinden der Region erscheint mir sehr wichtig. Schliesslich bilden wir zusammen ein Zentrum, das zweite des Kantons. Hier müssen wir vermehrt strategisch miteinander arbeiten, ohne dass die einzelnen Gemeinden ihre Identität verlieren. Jede Kommune hat ihre Geschichte, die prägt, im Guten wie im Schlechten. In dem Zusammenhang müssen wir als Zentrumsgemeinde auch die Zentrumslasten anschauen.

Immer wieder steht in Sursee der Verkehr, aber auch das Wachstum zur Debatte. Wie begegnen Sie diesen Diskussionen?

Mehr Wachstum bringt zusätzlichen Verkehr und umgekehrt. Hier braucht es neue Wege, innovative Ideen. Wir haben beispielsweise das Trassee der Sursee-Triengen-Bahn, das lediglich sporadisch genutzt wird. Warum nicht darüber eine erfolgversprechende Diskussion anstossen? Was aber auch Fakt ist: Viele Arbeitnehmer aus ländlichen Gegenden benötigen ihr Fahrzeug, um nach Sursee zu kommen. Und möglicherweise gibt die aktuelle Situation dem Modell Homeoffice einen anderen Stellenwert, wobei diese Arbeitsweise auch ihre Grenzen hat. Beim Wachstum ist wichtig, in welcher Geschwindigkeit es vor sich geht. Wir müssen die Bevölkerung in diesem Prozess mitnehmen, deren Ängste berücksichtigen.

Wie sehen Sie den vor allem von der politischen Linken geforderten bezahlbaren Wohnraum?

Ich bin der Meinung, dass es für Sursee wertvoll ist, eine gute, facettenreiche Durchmischung zu haben. Man müsste ein wenig von einem gewissen Individualismus wegkommen, was aber eine Herausforderung darstellt.

Und dann wäre da noch die Ortsplanungsrevision, die dem Stadtrat noch einige Knacknüsse beschert.

Das ist ein sehr komplexes Geschäft. Und auch da: Wir schaffen es nur, wenn wir die Leute mit auf den Weg nehmen.

Wie wollen Sie für Sursee die Balance zwischen Wirtschaftsstandort, kulturellen Events und Erholung finden?

Das ist ein schwieriger Spagat. Doch wir müssen versuchen, ihn zu machen. Wir sind nebst einem wichtigen Wirtschaftsraum auch ein bedeutender Ort für wertvolles kulturelles Leben und traditionelles Brauchtum. Alles zusammen prägt den Charakter und die Menschen unserer Stadt. Die Gansabhauet ist beispielsweise ein Anlass, der einfach zu Sursee gehört. Dort laden wir auch immer wieder Auswärtige ein, um bei uns einen Blick hinter die Kulissen werfen zu können. Wir haben den See, den Wald und den Surebereich. Das sind Naherholungsgebiete, die man unbedingt pflegen muss.

Und da ist noch die Fasnacht.

Die Fasnacht habe ich von Kindsbeinen an erfahren. Seit vielen Jahren ist meine Familie eng mit der Zunft Heini von Uri verbunden. Seit einigen Jahren gehöre ich zur Kulturfasnachtsgruppe Schenkastico. Diese Tage geniesse ich immer in vollen Zügen.

Hätten Sie einen politischen Wunsch frei, wie würden Sie diesen formulieren?

Dass die Surseer Bürger mit Freude ein Teil des grossen Ganzen sind. Und dass jeder seinen Teil dazu beiträgt und etwas für die Gesellschaft beisteuert. Sei es in Institutionen oder dort, wo jeder Selbstverantwortung übernimmt.