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Die Obwaldnerin mit den vielen Geschichten

Sprache und Geschichten erzählen sind ihr Metier. Soeben ist ihr dritter Roman erschienen. Am ehesten kennt man die Obwaldnerin Elisabeth Zurgilgen (63) aber aus 20 Jahren morgendlichen Worten auf Radio SRF 1.
Pirmin Bossart
«In Obwalden habe ich Wurzeln, kenne viele Leute, manche davon, seit ich lebe»: Elisabeth Zurgilgen im Kernwald. (Bild: Dominik Wunderli (18. Juni 2018))

«In Obwalden habe ich Wurzeln, kenne viele Leute, manche davon, seit ich lebe»: Elisabeth Zurgilgen im Kernwald. (Bild: Dominik Wunderli (18. Juni 2018))

Vielen Leuten sind Sie vorab durch Ihre Stimme bekannt. Im Obwaldner Dialekt erzählen Sie seit 20 Jahren auf Radio SRF 1 im Wechsel mit anderen Autoren jeweils eine Woche lang «Morgengeschichten». Ist Ihnen das nie verleidet?

Nein, mir gefällt an diesem Format nach wie vor, dass es mündlich ist, dass Dialekt gesprochen wird und dass viele Leute erreicht werden. Die «Morgengeschichte» im Radio hatte früher einen anderen Namen und war eher besinnlich-theologisch ausgerichtet. Das hat sich zum Glück geändert. Einfach eine Geschichte erzählen zu können, bewahrt einen davor, den Leuten zu sagen, was sie zu tun und lassen haben im Leben.

Sind Sie jeweils intensiv am Feilen, bis die Texte in ihrer Kürze sitzen?

Je kürzer der Text, desto mehr gibt er zu tun, das wissen alle, die schreiben. Ich achte darauf, dass ich auch sinnlich arbeite und mal eine direkte Rede einschalte, statt nur Fakten aneinanderzureihen. Das Radio-Format zwingt mich, eine Geschichte auf ein Minimum zu reduzieren. Es kann aber vorkommen, dass ich eine Geschichte, die mir gefallen hat, später ausführlicher in einen Roman einbaue.

Wie stark beeinflusst der urchige Obwaldner Dialekt die Geschichte?

Ich bemühe mich nicht, besonders urchig zu klingen. Aber ich schaue auch nicht darauf, dass alle jedes Wort immer verstehen. Wörter, die nicht in meinem Sprachgebrauch sind, benutze ich nicht. Es kann vorkommen, dass ich für eine Eigenschaft oder eine Tätigkeit einen ­bestimmten Mundartausdruck im Kopf habe, den ich grad nicht abrufen kann. Dann telefoniere ich meiner Mutter.

«Ich habe früher erlebt, wie gross die soziale Kontrolle war. Das hat mir nicht immer gepasst. Heute vermisst man das schon fast.» (Bild: Dominik Wunderli (18. Juni 2018))

«Ich habe früher erlebt, wie gross die soziale Kontrolle war. Das hat mir nicht immer gepasst. Heute vermisst man das schon fast.» (Bild: Dominik Wunderli (18. Juni 2018))

Fällt es Ihnen leicht, auch nach 20 Jahren noch Themen zu finden?

Ich gehe mit offenen Augen und Ohren durch den Alltag. Oft beginnt eine Geschichte dort, wo es eine Abweichung vom Genormten gibt. Wenn zum Beispiel ein Schal auf der Strasse liegt. Vielleicht beschäftigt mich etwas, oder mir fällt ein Satz auf. Auch daraus entstehen Geschichten. Ich bin ständig am Schauen und Hören und notiere bestimmte Ideen in ein schwarzes Buch. Aber Wochen später weiss ich manchmal selber nicht mehr, was ich genau damit meinte.

Ihr neuer Roman «Solange sie die Trommel schlagen» (siehe Hinweis am Schluss) ist der dritte mit der Figur Lea Pfister. War das geplant?

Nein, ich wollte eigentlich keine Trilogie schreiben, aber dann gefielen mir die Figuren, und ich blieb dran. Das erste Buch spielte im Sommer, das zweite im Herbst, das aktuelle im Winter. Jetzt kribbelt es mich langsam, noch einen vierten Band zu schreiben, der im Frühling spielt.

Worum geht es im aktuellen Buch?

Die Protagonistin lebt in einem Hochtal und hat den Auftrag, die dortigen Leute zu porträtieren. Aber niemand will etwas sagen, weil sie sich lieber auf Facebook und Co. selber designen wollen. Über Neujahr setzt ein Bergsturz eine Höhle frei. Das bringt plötzlich wieder alte ­Geschichten an die Oberfläche, die etwas unheimlich sind. Ein geheimnisvoller Mann taucht auf.

Ist dieses Vermischen von realen und mythischen Begebenheiten eine Spezialität von Ihnen?

Es reizt mich, Grenzen zu überschreiten und gewisse Türen aufzustossen. Ich spiele gerne mit Möglichkeiten. Aber ich hüte mich, das Geheimnisvolle immer erklären oder auflösen zu wollen. Lieber lasse ich gewisse Sachen in der Schwebe.

Wie diszipliniert schreiben Sie an Ihren Büchern? Sind Sie da immer wieder mal ein wenig dran?

Nein, ich tauche gerne 100 Prozent in etwas ein, egal, was ich mache. Durch meine Arbeit an der Hochschule Luzern Wirtschaft bin ich einen grossen Teil des Jahres besetzt. Da hat es höchstens noch Platz für ein paar «Morgengeschichten». An den Romanen schreibe ich in den Sommerferien.

Ziehen Sie sich dann auf die Alp oder sonst an einen einsamen Ort zurück?

Ich könnte das nicht. Ich brauche das ­Leben um mich, den Alltag. Trotzdem bleibe ich relativ diszipliniert dran. Ich beginne am Morgen, vergesse alles und schreibe, bis ich müde bin. Heutzutage wartet niemand auf ein Buch. Es ist also egal, was am Ende herauskommt. Aber wenn etwas gelingt, habe ich Freude.

Woher kommt Ihre Lust zu schreiben, zu erzählen, mit Sprache zu arbeiten? Haben Sie schon als Kind viel gelesen oder gar geschrieben?

Ich habe immer sehr viel gelesen. Wir wohnten im Unterdorf in Sarnen, dort hatte es eine Bibliothek. Bücher haben mich von Anfang an fasziniert. Als meine ältere Schwester schreiben lernte, begann auch ich, Buchstaben zusammenzusetzen. Auch die Hörspiele im Radio haben mich begeistert. Und als ich zum ersten Mal einen Film sah, entdeckte ich neue Möglichkeiten, etwas zu erzählen.

Sie haben lange als Journalistin gearbeitet? Haben Sie das gerne gemacht, oder war das mehr ein «Brotjob»?

Ich habe es sehr gerne gemacht. Ich war lange im Newsbereich tätig. Man musste schnell arbeiten, einen Text auf den Punkt bringen können, das hat mir gefallen. Mit zunehmendem Alter bin ich gerne länger an einem Stoff geblieben, schrieb Porträts oder Reportagen.

Würde Sie diese Arbeit heute noch interessieren?

Es hat sich auf den Redaktionen sehr vieles verändert. Ich weiss nicht, ob mir diese Arbeitsweise gefallen würde und ob ich das mit der gleichen Begeisterung machen könnte. Vor 16 Jahren habe ich meine journalistische Arbeit beendet. Ich leitete am Schluss das «Obwaldner Wochenblatt», das ich neu konzipiert hatte.

Wie erleben Sie den Unterschied zwischen dem journalistischen und dem literarischen Schreiben?

Als Journalistin habe ich oft gedacht: Wenn diese oder jene Geschichte doch anders verlaufen wäre, das wäre interessanter gewesen. Das ist in der Literatur möglich, man hat Freiheiten. Im Journalismus musst du scharf bei der Wahrheit bleiben, das ist eine andere Herausforderung. Ich habe dort sicher das Schreibhandwerk gelernt: wie man einen Text beginnt, wie man etwas aufbaut, wie die Leser bei der Stange gehalten werden. Das hat mir geholfen, gute Geschichten zu schreiben, die mich am literarischen Schreiben interessieren.

Sie sind Professorin für Kommunikation Deutsch an der Hochschule Luzern Wirtschaft. Wie muss man sich Ihre Arbeit vorstellen?

Ich bringe den Wirtschaftstudierenden praxisbezogen bei, wie sie verständlich schreiben, reden und sich präsentieren können. Ich habe mehrere Module entwickelt wie «kreatives Schreiben» oder «biografisches Schreiben», oder ich arbeite in einer Werkstatt mit, in der die Studierenden am Ende ein Porträt oder eine Reportage vorlegen müssen. Ich habe das 16 Jahre lang gemacht, immer 80 bis 100 Prozent. Ende Jahr gehe ich – acht Monate vorzeitig – in Pension.

Und wie ist das mit der psychologischen Beraterin, die in Ihren Lebensdaten auch ab und zu auftaucht?

Ich habe am Institut für Angewandte Psychologie mal eine Weiterbildung als ­Beraterin gemacht und daraufhin die Immertag-Erzähl-Manufaktur gegründet. Die Idee ist, Menschen zu coachen, die ihre Geschichte oder jene eines Familienmitglieds aufschreiben möchten. Ich habe in all den Jahren erlebt, wie heftig es viele Leute bewegt, wenn sie mal selber zu erzählen beginnen. Diesen Bereich möchte ich näher verfolgen und die Erzählenden und Schreibenden begleiten. Aufgrund meines 100-Prozent-Jobs war ich bis jetzt sehr zurückhaltend. Ab nächstem Jahr möchte ich die Erzähl-­Manufaktur neu aktivieren.

Wie gehen Sie mit der fortschreitenden Digitalisierung um?

Ich bin offen für die Welt der digitalen Möglichkeiten. Ich beobachte die Entwicklung. Es gibt faszinierende Plattformen, wo das Erzählen und Schreiben neue Chancen erhält und andere Formen entwickelt. Auch ein Nobody kann sich plötzlich Aufmerksamkeit verschaffen. Die Gefahr ist, dass sich Leute, betört von der Technik, ins Zeug legen, ohne dass sie das Handwerk beherrschen, unpräzise werden, nicht mehr die Quellen kritisch hinterfragen. Ein positives Beispiel ist die Onlinezeitung «Republik». Sie zeigt, wie journalistisches Handwerk sein soll. Persönlich bin ich eher zurückhaltend. Ich bin nicht bei Facebook, schätze aber Twitter als Informationstool.

Mit Ihrem Jahrgang dürften Sie den Umbruch der 1960er-Jahre miterlebt haben. Waren Sie eine Rebellin?

Natürlich haben mich der ganze Geist dieser Zeit und die Flower-Power-Jahre beeinflusst. Es war in den 1960er-Jahren einfach, rebellisch zu sein. Ich fand es damals extrem befreiend. Wir konnten uns reiben an der «Bürgerwelt», mussten gewisse Sachen erkämpfen, konnten eigene Wege gehen. Die jungen Leute von heute funktionieren ganz anders. Ich sehe wenig Rebellion, wenig Widerstand. Sie sind intelligent, gut erzogen, gut ausgebildet, ich mag sie sehr. Aber manchmal habe ich Mitleid mit ihnen. Obwohl sie viele Opfer bringen, haben sie keine Garantie, dass sie etwas erreichen.

Hatten Sie als Kind eine Vorstellung, was Sie einmal werden wollten?

Als Kind haben mir die «Postfräuleins» gefallen. Sie haben geschrieben, Marken geklebt, gestempelt. Schon früh wollte ich Geschichten schreiben. Deswegen habe ich Germanistik studiert und dann die Journalistenschule gemacht. Ich habe mich gerne mit Texten beschäftigt, sie analysiert oder sie aus dem Kontext der Zeit heraus zu verstehen gelernt. Aber ich wollte nicht in die Forschung gehen. Ich wollte selber schreiben.

Haben Sie immer in Obwalden gelebt?

Mit 20 bin ich von zu Hause weggegangen. Zuerst nach Bern, dann nach Winterthur. In Bern wurde meine Tochter geboren, in Winterthur mein Sohn. 1990 bin ich nach Obwalden zurückgekehrt.

Was macht Obwalden für Sie zur Heimat?

Ich habe hier Wurzeln, kenne viele Leute, manche davon, seit ich lebe. Es ist aber nicht so, dass all meine Freunde und Bekannten hier wären. Sie sind auch ausserhalb, in andern Städten. Aber ich bin gerne hier. Das hat auch mit der Landschaft zu tun. Ich bin in einer halben Stunde am See oder in den Bergen, ich muss das nicht planen. Wenn ich von Leuten höre, dass sie auswandern, denke ich: Ich möchte hier nicht meine Zelte abbrechen, es wäre unerträglich.

Gibt es Sachen in Obwalden, die Ihnen nicht gefallen, die Sie ärgern?

Natürlich gibt es auch Dinge, die mich stören. Zum Beispiel, dass ich bei Abstimmungen meistens auf der «falschen» Seite stehe, gibt mir zu denken. Aber ich lasse den Leuten ihre Meinung. Mehr Sorgen macht mir das Desinteresse der Leute, nicht nur in Obwalden. Das Leben ist anonymer geworden, jeder zieht sich in seine private Zelle zurück. Immer weniger wollen an etwas beteiligt sein, das Gemeinschaftliche schwindet. Ich habe früher erlebt, wie gross die soziale Kontrolle war. Das hat mir nicht immer gepasst. Heute vermisst man das schon fast.

Bald winkt die Pensionierung: Wie denken Sie über diesen Lebensabschnitt?

Es ist ein komisches Gefühl. Ich war mir gewohnt, immer ein Ziel vor Augen zu haben. Ich werde herausfinden müssen, wie das ist, wenn die Optionen schwinden. Schon raten mir erste Pensionierte, ich müsse mir dann eine Struktur geben, sonst verliere man sich. Was soll ich sagen? Die Möglichkeiten in diesem Alter schwinden tatsächlich. Das ist ein ungewohntes Gefühl, eine Art Vakuum. Ich lasse dieses Vakuum mal weiterziehen und schaue, was passiert.

Sie könnten das Buch schreiben, das Sie schon immer schreiben wollten.

Schreiben tue ich eh. Es macht keinen Unterschied, ob es gedruckt wird oder nicht. Es gibt allerdings einen Stoff, der mich reizen würde. Meine Tochter lebte fünf Jahre in Prag. Durch sie habe ich viele Leute kennen gelernt, vor allem Amerikaner und Engländer, die sich eine Weile dort niederliessen. Eine Ansammlung von Ratlosen, Durchgeknallten, Liebenswürdigen, Spinnern, Bünzlis und Geldmenschen. Dieses Panorama von Menschen und ihren Befindlichkeiten würde ich gerne in einem Roman darstellen.

Was lesen Sie selber gerne? Haben Sie von den Genres oder den Autoren und Autorinnen her Favoriten?

Ich lese querbeet und lasse mich gerne unterhalten. Faszinierend finde ich das Crowdfunding-Literatur-Projekt von Tim Krohn «777 menschliche Regungen». Die ersten zwei Bände haben mich begeistert, bald erscheint der dritte. Gerne habe ich auch Flurin Jecker gelesen, der in «Lanz» aus der Perspektive eines 14-Jährigen erzählt. Sonst gefallen mir vor allem Nordländer wie Stieg Larsson oder Johan Theorin. Oder der irischstämmige Autor Frank McCourt. Wahnsinnig sind die Geschichten von Alice Munro. Da kann ich jeweils – wie ein Truffe von Sprüngli – nur eine goutieren, die sind so dicht und gut.

Und was spricht Sie musikalisch an?

Ich höre immer noch die alte Rockmusik. Stones, Dylan, Nazareth. Auch Bruce Springsteen bin ich treu geblieben. Ebenso BAP. Ich bin nicht diejenige, die musikalisch gerne Neues entdecken will.

Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?

Ich habe keine Hobbys. Für mich wäre es unverständlich, Arbeit und so etwas wie Freizeit voneinander zu trennen. Für mich ist alles eine Einheit und gleich wichtig. Das heisst nicht, dass ich immer am Arbeiten bin. Ich kann auch nichts machen, mir ist es deswegen nicht langweilig. Sport mache ich überhaupt nicht. Wenn ich an den See spazieren gehe oder eine Wanderung mache, mache ich das nicht aus Fitnessgründen, sondern um den Kopf freizuhalten.

Wie gross ist Ihre Lust zu reisen? Gibt es Wunschdestinationen?

Am liebsten würde ich mal in den Norden fahren, Skandinavien, Island. Es sind Gegenden mit besonderen Stimmungen. Aber auf keinen Fall in ein sonniges Land. Zu viel Sonne und Fröhlichkeit langweilen mich ziemlich schnell. Herbst und Winter habe ich lieber als den Sommer. Etwas vom Schönsten ist für mich, an einem wunderschönen Sommertag zu Hause zu sitzen.

Hinweis
Elisabeth Zurgilgens neuste «Morgengeschichten» sind ab morgen Montag eine Woche lang jeweils um 8.40 Uhr auf Radio SRF 1 zu hören.
Neuer Roman: «Solange sie die Trommel schlagen», Lava-Verlag Lungern, Fr. 22.–

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