Die Geburtsstunde der Luzerner Neustadt

Dank des Durchgangsbahnhofs wird in Luzern sehr viel Land frei. Eine ähnliche Situation gab es schon mal vor über 100 Jahren.

Stefan Dähler
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Undatierte Aufnahme des alten Luzerner Bahnhofs vor dem Umbau 1896.

Undatierte Aufnahme des alten Luzerner Bahnhofs vor dem Umbau 1896.

Bild: Stadtarchiv Luzern/F2a/Strassen/Bahnhofplatz 01.02

Das Luzerner Zentrum könnte dereinst ein neues Gesicht erhalten. Wenn der Durchgangsbahnhof realisiert ist, werden rund sechs Hektaren überirdische Gleisfläche frei und können neu bespielt werden. Es entstehen dadurch zahlreiche Möglichkeiten: öffentliche Freiräume, Quartierverbindungen, neue Verkehrslösungen, bezahlbarer Wohnraum – die Wunschliste dürfte lang sein. Es handelt sich um eine Jahrhundert-Chance, diesen Teil der Stadt neu zu gestalten.

Eine vergleichbare Gelegenheit bot sich der Stadt gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Damals wurde die Gleisführung des Bahnhofs ebenfalls stark abgeändert – in jene, die seit 1896 bis heute in Betrieb ist. Zuvor verlief das Trassee entlang der heutigen Pilatusstrasse, das Bahnhofsgebäude befand sich direkt am See (siehe Grafik unten).

Konflikt mit der Centralbahn

Diese Infrastruktur wiederum entstand in den 1850er-Jahren und sorgte in der Stadt immer wieder für Kritik, wie dem Buch «Die Bodenpolitik der Stadt Luzern» von Beat Mugglin zu entnehmen ist. Die Gleise trennten die Stadt in zwei Teile, das Queren via Bahnübergänge sei mit langen Wartezeiten verbunden gewesen. Im Verlauf der Jahre geriet die damalige Centralbahn, die 1902 in die SBB integriert wurde, unter Druck, weil sie sich städtebaulichen Aufwertungsprojekten verweigerte. In diesem Konflikt habe sich die «politische und ökonomische Randposition von Stadt und Kanton Luzern» bemerkbar gemacht, so Mugglin. Doch allmählich schlug die Stimmung um. Das «Tagblatt» lancierte 1888 eine Artikelserie gegen die sture Haltung des privaten Bahnunternehmens.

Schliesslich lenkte die Centralbahn ein – aber nur dank eines Landtausches mit der Stadt, für den Letztere 1,8 Millionen Franken aufbringen musste. Dafür erhielt die Stadt Grundstücke mit einer Fläche von total 5,3 Hektaren Grösse, die sie neu bespielen konnte. Es handelte sich einerseits um das Gebiet, auf dem sich heute das KKL und der Europaplatz befinden. Andererseits um Teile der heutigen Neustadt auf der südlichen Seite der Pilatusstrasse rund um das Vögeligärtli, die damals noch nicht dicht bebaut waren, wie es heute der Fall ist. Bei der Frage, wie das Land genutzt werden sollte, spielten jedoch finanzielle Überlegungen die Hauptrolle, denn die Stadt hatte durch den Landtausch mit der Centralbahn wie erwähnt viel Geld verloren. Ein Teil der Parzellen wurde daher 1898 versteigert, ein Teil später verkauft. So konnte die Stadt den durch das Tauschgeschäft entstandenen Verlust mehr als wettmachen, wie Mugglin schreibt.

Dieses Vorhaben war jedoch umstritten. Die demokratische Partei, Vorgängerin der SP, forderte, dass die Stadt das Land im heutigen Neustadt-Gebiet behält. Ihr schwebten etwa die Realisierung stadteigener Wohnungen, eines Verwaltungsgebäudes, eines Gewerbemuseums, einer Markthalle oder eines Volkshauses vor. Das ist der Lizenziatsarbeit des späteren Luzerner Stadtrats Ruedi Meier über die Geschichte der Luzerner Arbeiterbewegung zu entnehmen. Eine entsprechende Motion der Linken scheiterte jedoch im Grossen Stadtrat. Immerhin wurde entschieden, dass das heutige Vögeligärtli, in dem sich damals noch ein Gaswerk befand, in Zukunft freizuhalten sei.

Die Überbauung des Hirschmatt-Gebiets habe dann um 1900 begonnen. Zu diesem Zweck lancierte die Stadt im Vorfeld einen Ideenwettbewerb, schreibt Mugglin. Aus diesem resultierte die heute schachbrettähnliche, grossstädtisch anmutende Bebauung der Neustadt. Es folgte ein regelrechter Bauboom. Innerhalb von nicht einmal 15 Jahren sei das Hirschmattquartier fast vollständig überbaut gewesen, ist der Website des Quartiervereins Hirschmatt-Neustadt zu entnehmen. Die Bewohner hätten vor allem dem Mittelstand angehört, bestehend aus Beamten, Unternehmern, Angestellten und Arbeitern. Auch im Tribschenmoosgebiet war eine schachbrettähnliche Bebauung vorgesehen – inklusive Stadtpark am See. Die Hochkonjunktur sei nach dem Bauboom in der Neustadt jedoch abgeflacht, weiter wären aufwendige Fundamentierungen nötig gewesen, heisst es in Mugglins Buch.

Langes Tauziehen um das Vögeligärtli

Das Gaswerk wurde 1898/1899 von der Stadt ins Gebiet Steghof verlegt. In der Folge habe es mehrere Interessenten gegeben, die das Areal überbauen wollten: etwa eine Baufirma oder eine private Hallenbad AG, wie Mugglins Buch zu entnehmen ist. Der Stadtrat sei jedoch standhaft geblieben und habe die Haltung vertreten, das Gelände nur für öffentliche Zwecke verwenden zu wollen. Allerdings zog er das nicht konsequent durch. So habe der Stadtrat das Grundstück 1913 der Suva zum Kauf angeboten, Letztere lehnte jedoch ab. 1951 schliesslich wurde ein Teil des Platzes durch die Zentralbibliothek überbaut. Dies, nachdem die Stadt zuvor das entsprechende Grundstück an den Kanton abgetreten hatte – mit der Bedingung, dass es nur für öffentliche Zwecke genutzt werden darf. Im Gegenzug erhielt die Stadt die Fläche zwischen Theater und Jesuitenkirche, wo sich früher der Freienhof befand und der Kanton die Bibliothek ursprünglich hätte errichten wollen.

Quellen: Beat Mugglin: Die Bodenpolitik der Stadt Luzern, 1993, Stadt Luzern; Ruedi Meier: Die Anfänge der Luzerner Arbeiterbewegung, 1983, Lizenziatsarbeit an der Universität Zürich

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