Die Insel als Ort der Sehnsucht und Selbstfindung

Sehnsucht nach der Insel? Das Luzerner Theater stellt Fragen in einem spannenden Opernexperiment.

Roman Kühne
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Das Harfenspiel ist wichtig beim Opernexperiment.

Das Harfenspiel ist wichtig beim Opernexperiment.

Bild: PD

Ich bin der Guru. Nicht dass ich diesen Job gesucht hätte. Es war einfach der Platz, der mir am interessantesten und bequemsten schien. Drei Kissen auf einer Treppenstufe, ein paar Topfpflanzen (falsch) und ein Gong daneben – fertig ist das Inselparadies. Hängende, leicht durchschimmernde Vorhänge grenzen mich zu den anderen Bewohnern ab. Schattige Schemen. Gestrandete wie ich. Jeder auf seiner Insel. Elektrische Kerzen, auch Schiffbrüchige gehen mit der Zeit, setzen zuckende Lichter. Vierecke öffnen das Dach, blau und weiss.

Meeresrauschen über Kopfhörer

Der aufgesetzte Kopfhörer reisst mich endgültig aus Tag und All, reduziert mich auf meine kleine Welt. Dystopische Ewigkeit im winzigen Raum einer Box. Das einsame Inseldasein als Türöffner zu Kosmos und Unendlichkeit – oder zumindest was man persönlich dafür hält. Denn darum geht es bei dieser dichten Opernpremiere des Luzerner Theaters vom Mittwochabend in der Box. Es ist Robinson persönlich, welcher die Zuschauer durch seine meditative Insel leitet. Freudianische Übervater aller Schiffbrüchigen, der in der Figur des ausgezeichneten Tenors Robert Maszl die Menschen sucht und sie doch gleichzeitig meidet.

Er ist im Theater der Vermittler von Ruhe und Rückzug, der Animator für die gestrandeten Gäste. Über die aufgesetzten Kopfhörer rauscht das Meer. Möwengelächter, ein Specht in der Ferne. Auch die Insel selber lebt. Das «Dream-Pop-Island» ist bevölkert von Stimmen und Klängen. Das Cello von Joachim Flüeler übernimmt, gibt dem ziellosen Drehen Struktur und Weite. Aber muss das tatsächlich sein? Ich alleine auf meinen Liegekissen? Schon Corona reduziert unser Leben. Jetzt soll ich auch noch im Theater die Welt in mir selber suchen? Doch einerseits haben Julia Jordà und Rebekka Meyer das Konzept schon vor Corona entworfen. Und andererseits bringt der Abend vergnügliche 80 Minuten. Immer wieder geben die Zuschauer die Richtung des Stückes vor.

Stücke clever arrangiert

Der «Wikinger» muss entscheiden, ob er Mitgefühl zeigen möchte oder doch lieber draufhaut. Eine andere Zuschauerin, die «Priesterin», spendet mit der Sonne Trost. Das romantische «Und morgen wird die Sonne wieder scheinen» von Richard Strauss erklingt. Daneben spielen jedoch auch slappstickartige Musicalnummern oder der Song «Creep» von Radiohead. Letzterer wird eingesetzt, um die Katastrophe des französischen Segelschiffes «Medusa» zu begleiten. Eine schaurige Geschichte, wo Schiffbrüchige auf ihrem eiligst gezimmerten Floss die schon Verstorbenen verspiesen. «Your skin makes me cry. But I’m a weirdo» erhält so eine neue düstere Bedeutung.

Der Musiker Janos Mijnssen hat die Stücke clever arrangiert und gibt mit Synthesizer und teils improvisierender Harfe den Rhythmus vor. Die beiden Sängerinnen Serafina Giannoni (Sopran) und Julia Zeier (Mezzosopran) setzten diese behexende Welt aus Meditation, Unterhaltung und Satire in überzeugende Töne – auch mit Flüstern und Zischen. Ihr Gesang formt die nötigen Emotionen. Zusammen mit der reduzierten, aber fantasiegewaltigen Bühne von Silja Senn ist es ein verführendes Spiel aus Musik und Zeit. Die Insel als Ort der Sehnsucht und der Selbstfindung.Doch am Ende bleibt es eine Box. Säuselnd und lockend, aber halt doch eine Blase. Das Publikum darf abstimmen, ob es bleiben möchte. Das Verdikt ist klar. So vergnüglich der Abend auch war, das Leben hält ausserhalb der Insel einiges bereit.