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Die klügere Demokratie

Das Modell der «Epistokratie» lässt nur diejenigen Bürgerinnen und Bürger über einen Sachverhalt abstimmen, die das nötige Wissen dazu haben.

Von unserem Balkon in der Luzerner Altstadt hat man den perfekten Überblick über die Touristenströme, die täglich dem See und der Reuss entlangwandern. Neulich hatten wir 12000 Chinesen zu Besuch, an einem einzigen Tag. Ein im wahrsten Sinne des Wortes befremdlicher Anblick – aber gleichzeitig fragte ich mich, wie diese Chinesen uns wohl unterdessen sehen? Im Vergleich mit Peking, Schanghai oder Shen­zhen muss ihnen Luzern wie ein Altertumsmuseum vorkommen. Schau mal, eine angekohlte Brücke aus Holz, müsste man die nicht mal ersetzen? Und guck, diese alten Uhren – die bauen sie tatsächlich noch von Hand! Und hast du die Autos gehört? Die machen puff-puff, wenn sie fahren!

Die Schweiz ist daran, zu einem Themenpark zu verkommen, zu einem historischen Kuriositätenkabinett. Ähnliches gilt für ganz Europa und weitere Teile der westlichen Welt. Wir Schweizer sind stolz auf unsere Vergangenheit – auf Demokratie, Sozialsysteme und wirtschaftliche Leistungen – doch wir haben keine Ahnung, was wir mit der Gegenwart anfangen sollen, von der Zukunft gar nicht zu sprechen.

Demokratie ist ein dauerndes Ringen um die bestmögliche Lösung. Das wusste Platon schon – und beschäftigt auch unsere Nationalräte. Bild: P. Klaunzer/Keystone (Bern, 21. Juni 2019)

Demokratie ist ein dauerndes Ringen um die bestmögliche Lösung. Das wusste Platon schon – und beschäftigt auch unsere Nationalräte. Bild: P. Klaunzer/Keystone (Bern, 21. Juni 2019)

Wir haben Angst vor den falschen Sachen – Immigration, Digitalisierung, Globalisierung und Terrorismus – und sind blind für das Ausmass der echten Gefahren: Klima­wandel, Bevölkerungsdruck, Tyrannei und Totalitarismus. Wir halten uns mit «First-World-Problems» auf und lassen die echten ungelöst. Dabei wäre jedes Problem eine Chance: Irgendjemand muss es lösen. Warum nicht wir?

Stattdessen warten wir einfach mal ab, beziehungsweise zaudern – aus einer Mischung aus Überheblichkeit und schlecht verborgener Unsicherheit heraus. Wir glauben, wir hätten die sichersten Tresoren, deshalb würde uns bis in alle Zukunft die ganze Welt ihr Geld anvertrauen. Wir glauben, unsere Alpen seien eine touristische Trutzburg, die auf immer und ewig Besucher anlockt, dabei fliesst ihr ästhetisches Kapital – der Schnee, das Eis – wortwörtlich davon. Wir glauben, Fleiss und Tüftelei würden uns die wirtschaftliche Vormacht sichern, und sehen nicht, dass heutige Fleissarbeit am besten von Robotern gemacht wird, und dass die besten Tüftler der Gegenwart an Sachen tüfteln, die wir lieber verbieten. Statt uns etwas Neues zuzutrauen, vertrauen wir auf Altes, Überholtes.

Was wäre nötig, um uns von diesem selbstgelegten Abstellgleis zu ziehen und uns flott für eine Zukunft zu machen, die stattfindet, ob wir nun wollen oder nicht? Die Antwort: Bessere, weitsichtigere Politik.

Das klingt erst mal ziemlich aussichtslos, denn eine autoritäre Ein-Partei-Politik nach chinesischem Vorbild wollen wir nicht, und unsere hiesige, defizitäre – die machen wir ja selbst. Wir ärgern uns zwar alle gerne über unfähige Repräsentanten, aber die können nun mal nicht besser sein als wir Wählerinnen und Wähler es verdient haben. Bei Referenden und Initiativen dürfen wir sogar selber mitdilettieren. Jede Schweizerin, jeder Schweizer würde bejahen, dass ein schöner Teil der Wählerschaft einfach zu doof ist. Aber niemand zählt sich zu diesem Teil.

Dieser Makel der Demokratie – ihre Resultate können bestenfalls mittelmässig sein – ist alles andere als eine Neuigkeit. Schon Platon hat sich daran gestossen, vor ungefähr 2400 Jahren. Sich selbst für klüger haltend als den Rest – in seinem Fall wahrscheinlich zu Recht –, hat er eine Alternative vorgeschlagen, die er «Philosophenherrschaft» nannte. Neuerdings wird sie als «Epistokratie» bezeichnet, als «Herrschaft der Wissenden». Nicht jeder und jede dürfte hierbei mitbestimmen – sondern nur, wer das Wissen und den Kopf dazu hat; diejenigen, denen eine vernünftige Meinung zuzutrauen ist.

Ich fand diese Idee – wie wahrscheinlich die meisten, die bis hierhin lesen – immer irgendwie attraktiv. Aber gleichzeitig leider, wenn nicht gefährlich, sodann zumindest komplett impraktikabel. Eine Mehrheit, egal ob doof oder nicht, lässt sich auf lange Zeit nicht gängeln, erst recht nicht von einem elitären Häufchen selbsternannter Besserwisser. Irgendwann wird sie die Bevormundung leid sein und zu Heugabeln greifen – beziehungsweise zur gelben Weste oder zum Molotowcocktail. Ein schöner Gedanke, diese Wissensherrschaft, dachte ich immer – nur leider funktioniert sie nicht.

Inzwischen aber frage ich mich, ob sie nicht doch einen Versuch wert wäre. Unter einer Bedingung nämlich könnten Wählerinnen und Wähler eben doch bereit sein, ihre Rechte einzuschränken: Wenn sie gar nicht erst wüssten, ob sie selbst davon betroffen sind. Die Idee ist folgende: Ein Gremium von frei gewählten Experten würde zu jeder Abstimmungsfrage und zu jeder Wahl einen Katalog von 100 Sachfragen vorbereiten. Jeder Stimmbürgerin und jedem Stimmbürger würden auf Zufallsbasis fünf dieser Fragen zugespielt, die sie beantworten müssten, um stimmen zu können. Bei einer Abstimmung zu einem neuen Energiegesetz könnte man etwa Fragen vorgelegt bekommen wie:

Wie wird sich der weltweite Energiebedarf in den nächsten 50 Jahren voraussichtlich entwickeln? A) Der Energiebedarf wird deutlich steigen. B) Der Energiebedarf wird ungefähr gleich bleiben. C) Der Energiebedarf wird leicht sinken.

Was passiert, wenn Eisberge schmelzen? A) der Meeresspiegel steigt. B) der Meeresspiegel bleibt gleich. C) der Meeresspiegel sinkt.

In welchem Bereich wird am meisten Erdöl verwendet? A) Verkehr. B) Industrie. C) Heizen.

Was versteht man unter Permafrost? A) Ein Mittel, das Eis und Schnee am Schmelzen hindert. B) Böden, die das ganze Jahr gefroren sind. C) Einen besonders langen Winter.

Was setzt am meisten CO2 frei? A) Kernenergie. B) Wasserkraft. C) Erdgas.

Gezählt würden nur die Stimmen jener Personen, die eine Mehrheit der Fragen, also mindestens drei, richtig beantwortet hätten. Alle anderen Stimmen würden ignoriert. Damit würde sichergestellt, dass Volksentscheide immer nur von jenen Teilen des Volkes gefällt würden, die über ein Mindestmass an Wissen verfügen – die also wenigstens wissen, was sie tun.

Natürlich würden wir alle hoffen, dass wir zu dieser Stimm-Elite gehören. Erfahren aber – das ist wichtig – würden wir es nie. Das Frustrationspotenzial wäre gering. Wir könnten entweder auf unsere Überdurchschnittlichkeit vertrauen oder uns vorgängig über die Abstimmungsthemen informieren und so unsere Chancen erhöhen. Das allein wäre schon mal wünschenswert. Ob die Abstimmungsresultate dann auch tatsächlich besser, also vernünftiger, würden, müsste sich über die Jahre weisen. Schlechter jedenfalls würden sie kaum.

Der Luzerner Autor Niko Stoifberg (42) ist studierter Germanist. Kürzlich erschien mit «Dort» im Verlag Nagel & Kimche sein erster Roman.

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