Trampoline und ein Dach-Labyrinth: In Luzern können Kinder bei der Stadtplanung mitreden

Wie würde eine neue Wohnüberbauung aussehen, die von Kindern geplant wurde? Dieses Szenario wurde bei der Industriestrasse in Luzern durchgespielt. Nun sollen die Architekten nachbessern.

Robert Knobel
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Das Areal Industriestrasse soll neu überbaut werden.

Das Areal Industriestrasse soll neu überbaut werden.

Bild: Pius Amrein (Luzern, 22. März 2016)

Schon seit Jahren wird an der künftigen Überbauung Industriestrasse in Luzern herumgefeilt. Dass die Planung so lange dauert, hat auch mit dem speziellen Ansatz der «Kooperation Industriestrasse», einem Zusammenschluss mehrerer Genossenschaften, zu tun. Wie die Wohn- und Gewerbesiedlung genau aussehen soll, wurde in einem jahrelangen Dialogprozess intensiv erarbeitet. Zu Wort kamen nicht nur die Baugenossenschaften, sondern auch Nachbarn, künftige Nutzer der Siedlung – und Kinder. Dies macht Sinn, weil vorgesehen ist, 50 Prozent der Wohnungen als Familienwohnungen anzubieten.

Erwachsene denken nur an Rutschbahn und Schaukel

In einer am Donnerstag herausgegebenen Publikation zeigt die Kooperation Industriestrasse, was geschieht, wenn Kinder eine neue Stadt planen. In mehreren Workshops hat 2018 eine 5. Primarklasse aus dem Schulhaus Wartegg die künftige Überbauung nach ihren Wünschen modelliert. Interessant ist, dass die insgesamt 18 Kinder sehr schnell ihren Fokus auf diejenigen Dinge richteten, die von Architekten gerne stiefmütterlich behandelt werden: die Aussenräume und die Dächer. Für die Kinder war rasch klar, dass es in der Mitte der Siedlung einen grossen Platz mit viel Freiraum braucht. Die Vorstellungen, wie dieser Platz ausgestaltet sein soll, liegen allerdings weit entfernt von gängigen Spielplätzen. Die zwölfjährige Irina bringt es so auf den Punkt: «Die Erwachsenen würden vielleicht eher nur eine Schaukel und eine Rutschbahn planen. Aber Kinder wollen auch hüpfen, planschen und klettern. Wenn Kinder jeden Tag das Gleiche tun, verleidet es ihnen.»

Die Fünftklässler arbeiten am Industriestrasse-Modell.

Die Fünftklässler arbeiten am Industriestrasse-Modell.

Stefano Schroeter

So kreierten sie eine Spiellandschaft, die hohe Bäume, Brunnen, Bäche, Baumhütten, Erdhügel sowie Grillstellen und Trampoline umfasst. Dabei blieb es nicht bei vagen Ideen, sondern die kleinen Stadtplaner setzten ihre Vorstellungen in Modellen von 1:100 und 1:500 um – mit Säge, Schere, Leim, Ton und anderen Materialien. Dabei lernten sie schnell, wie Vision und Realität sich manchmal ausschliessen. Ein Labyrinth zum Verstecken hatte auf dem Modell beim besten Willen keinen Platz. Also wurde es kurzerhand auf ein Flachdach verfrachtet. Die Nutzung der Dächer war denn auch ein weiteres wichtiges Anliegen der Kinder. Zudem planten sie Verbindungsbrücken ein, über die man von Haus zu Haus gehen konnte.

Auch die Architekten planten Brücken

So weit, so gut. Doch was bleibt von den Kinder-Ideen ausser einem spannenden Exkurs in die Welt der Architektur? Werden die Fünftklässler der neuen Überbauung wirklich den Stempel aufdrücken? Klar ist: Die Ausgestaltung der Überbauung ist zumindest in groben Zügen inzwischen bekannt. Die Basis bildet das Projekt «Mon Oncle» des Architektenteams Mühlethaler-Schläppi, das 2018 als Sieger des Architekturwettbewerbs hervorgegangen war. Tatsächlich sieht dies unter anderem Brücken zwischen den Gebäuden vor.

Ein grosser zusammenhängender Freiraum, die Kernforderung der Kinder, ist hingegen nicht Teil des Projekts. Noch nicht, wie Cla Büchi, Projektleiter bei der Kooperation Industriestrasse, hofft. Man habe die Architekten deshalb aufgefordert, die Ideen der Kinder bei der weiteren Ausgestaltung des Projekts zu prüfen. Eine Option wäre laut Büchi, mehrere kleinere Plätze, Höfe und Gärten so zu verbinden, dass doch ein grosser Freiraum entsteht.

Wo bleibt das Labyrinth?

Auch das Labyrinth wird sich wohl kaum exakt nach den Wünschen der Kinder realisieren lassen. Dennoch sei man dankbar um den Input, wird Julie Studer vom Architekturbüro Mühlethaler zitiert. Denkbar sei zum Beispiel, das ganze Areal als eine Art grosses Labyrinth zu gestalten. «Die Kinder finden dort versteckte Plätze, an denen sie sich wohl fühlen – und die Erwachsenen auch.» Quartierarbeiter Tobias Naunheim erklärt derweil: «Ich glaube nicht, dass es in erster Linie nur darum geht, dass die Architektinnen und Architekten die von den Kindern formulierten Wünsche eins zu eins so umsetzen.» Entscheidend sei, dass die Planer überhaupt für die Bedürfnisse der Kinder sensibilisiert würden. Und das geht nun einmal am besten, wenn man die Kinder selber fragt.

Die Aussenräume waren der Industriestrassen-Siedlung waren den Kindern besonders wichtig.

Die Aussenräume waren der Industriestrassen-Siedlung waren den Kindern besonders wichtig.

Stefano Schroeter

Ein Teil der Schulklasse ist übrigens bis heute an der Planung der Industriestrasse beteiligt: Fünf Kinder bilden ein Fachgremium, das die weitere Ausgestaltung des Projekts begleitet.

Jährlich publiziert die Kooperation Industriestrasse Praxisberichte. Auf der Website der Kooperation können die Publikationen kostenlos heruntergeladen werden. Sie können zudem in gedruckter Form für 15 Franken bestellt werden. Die erste Publikation ist im Dezember 2019 erschienen. Weitere Publikationen wie zum Beispiel «Kooperation», «Dialog – partizipatives Bauen» oder «Die Geschichte der Industriestrasse» sind in Planung.