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Er lebt seit 60 Jahren mit einer Schreibschwäche: «Ich mache noch heute Fehler eines Primarschülers»

Am Sonntag ist Weltalphabetisierungstag. Dieser ist auch in der Schweiz von Bedeutung, denn jeder Zehnte hat eine Lese- oder Schreibschwäche. Ein Betroffener erklärt, wieso er mit Mitte sechzig in Luzern nochmals die Schulbank drückt.
Julian Spörri
Mitte sechzig und von Schreibschwäche betroffen: Walter Imhof in einer Bibliothek. (Bild: Boris Bürgisser, 6. September 2019)

Mitte sechzig und von Schreibschwäche betroffen: Walter Imhof in einer Bibliothek. (Bild: Boris Bürgisser, 6. September 2019)

Mit einem Menschen, den man nur selten sieht, in Kontakt bleiben? Das ist in der heutigen Zeit mit den technischen Möglichkeiten einfach – denkt man zumindest. Doch wer von einer Schreibschwäche betroffen ist, hat eine Hemmschwelle. «Obwohl ich mehr zu sagen hätte, halte ich mich in meinen Nachrichten kurz», sagt Walter Imhof*. «Der Empfänger wird denken, dass ich kein Interesse habe.» Und weiter:

«Das tut mir weh und grenzt mich ein Stück weit von anderen Menschen aus.»

Manchmal habe er sich trotzdem überwinden können, einen längeren Text zu schreiben – zum Beispiel einen Liebesbrief im Jahr 1978. Als die Freundin ihm diesen Jahrzehnte später gezeigt habe, seien ihm die «gewaltigen Fehler» darin bewusst geworden.

Walter Imhof ist Mitte sechzig und im Kanton Zug aufgewachsen. Bei unserem Treffen trägt er einen Anzug mit Krawatte – nichts deutet darauf hin, dass der Mann seit seiner Kindheit Mühe mit Schreiben hat. Doch er ist kein Einzelfall: In der Schweiz leben schätzungsweise 800'000 Erwachsene mit einer Lese- oder Schreibschwäche. Auf diese Tatsache macht der Schweizer Dachverband Lesen und Schreiben anlässlich des Weltalphabetisierungstages vom Sonntag, 8. September, aufmerksam. «Die Lese- und Schreibschwäche trotz Schulbildung, der sogenannte Illettrismus, ist in der Schweiz eine hochaktuelle Thematik», sagt Brigitte Aschwanden, Leiterin des Verbandes in der Deutschschweiz. «Unsere Gesellschaft muss lernen, mit Menschen umzugehen, die ihren Anforderungen nicht genügen.»

Von der ganzen Klasse ausgelacht

Walter Imhof bemerkte seine Schreibschwäche erstmals in der Primarschule. Obwohl die Lehrer ihr Möglichstes getan hätten, konnten sie ihn in einer Klasse mit vierzig Schülern nicht persönlich fördern, sagt Imhof. «Ich bin in der Schule immer mehr ins Hintertreffen geraten.» Bei Prüfungen und Diktaten habe er Angst bekommen und sei blockiert gewesen. Dies zeigte sich dann in schlechten Resultaten, welche die Situation nicht besser machten.

«Als der Lehrer die Diktate vorgelesen hat, wurde ich wegen meiner vielen Fehler von der Klasse ausgelacht.»

Trotz aller Widrigkeiten: Imhof hat seinen Weg gefunden. «Ich habe mich auf meine Stärken konzentriert, die im technischen Bereich und im direkten Umgang mit anderen Menschen liegen.» Seine Berufslehre hat Imhof als Maschinenmechaniker abgeschlossen, heute arbeitet er im Aussendienst bei der Betreuung von Grosskunden im Bereich Inneneinrichtung. Schreibaufgaben wie Arbeitsrapporte oder Nachrichten an Kunden gibt es trotzdem zu erledigen. «Meine Texte muss ich entweder zeitaufwändig mit einem Wörterbuch überarbeiten, oder ich lasse sie von einer Vertrauensperson korrigieren», erklärt Imhof. Damit die Zusammenarbeit funktioniere, habe er am Arbeitsplatz an einer Sitzung seine Schreibschwäche offengelegt. In seinem privaten Umfeld würden ebenfalls die wichtigsten Personen Bescheid wissen. «Aber ich will das nicht zu stark nach aussen tragen.»

Bei seiner Arbeit spürt Imhof die Auswirkungen der Digitalisierung. «In den letzten Jahrzehnten hat die Geschwindigkeit des schriftlichen Verkehrs zugenommen. Jedes Ereignis muss schriftlich erfasst werden und Kundenanfragen sind innert Kürze zu bearbeiten.» Das führe gerade für Menschen mit einer Lese- und Schreibschwäche zu einer zusätzlichen Belastung.

Im Kanton Luzern sind bis zu 45'000 Erwachsene betroffen

Der Kanton Luzern hat vor kurzem mit einer Umfrage bei Arbeitgebern ermittelt, wie viele Personen Probleme mit Lesen, Schreiben, Rechnen und einfachen Computeranwendungen haben. Das Ergebnis: Es sind zwischen 15'000 und 45'000 Erwachsene.

Das Weiterbildungszentrum des Kantons bietet die einjährigen Kurse «Lesen und Schreiben» an. Diese sind an alle deutschsprachigen Erwachsenen aus der Zentralschweiz gerichtet. Imhof geht dort bereits seit zweieinhalb Jahren in die Schule. Der Zuger sagt:

«Ich mache noch heute Rechtschreibfehler eines Primarschülers.»

Einmal pro Woche übt er mit rund zehn weiteren Personen Rechtschreibregeln, etwa zur Gross- und Kleinschreibung, und verfasst Texte, die von der Lehrerin korrigiert werden. Auch freiwillige Hausaufgaben gibt es.

Mit dem Besuch des Unterrichts wolle er sich unabhängig machen, sagt Imhof. «Dass man sich im Erwachsenenalter für einen Kurs anmeldet, der Inhalte der Basisstufe vermittelt, das muss man sich schon zuerst eingestehen.» Tatsächlich gelingt dies nur wenigen Betroffenen: Gemäss Daniel Preckel, Leiter Schulische Bildung der Dienststelle Berufs- und Weiterbildung des Kantons Luzern, werden pro Jahr ein bis zwei Kurse mit rund zehn Teilnehmern durchgeführt. Für die Teilnehmer kostet dies 800 Franken pro Jahr, das Angebot wird teilweise von den Zentralschweizer Kantonen mitfinanziert. «Die Nachfrage ist angesichts der grossen Zahl potenzieller Betroffener extrem tief», sagt Preckel.

«Die meisten belegen keinen Kurs, weil man seine Schwierigkeiten nicht gerne zugibt. Das lässt oft das Selbstwertgefühl nicht zu.»

Der Regierungsrat des Kantons Luzern habe aber erkannt, dass die Zielgruppe nicht erreicht werde und darum Massnahmen in die Wege geleitet (siehe Box unten am Text).

Auch der Verband Lesen und Schreiben stellt den Zugang zu betroffenen Personen her – mit sogenannten Botschaftergruppen. Die Idee dahinter: Ehemalige oder aktuelle Kursteilnehmer sensibilisieren die Öffentlichkeit und stehen als Anlaufstelle für Betroffene zur Verfügung. In der Deutschschweiz gibt es diese Gruppen bereits in den Kantonen beider Basel, in der Region Mittelland und bald auch in Zürich. In der Zentralschweiz konnte bisher mangels Personal noch keine aufgebaut werden. Brigitte Aschwanden mutmasst:

«In ländlichen und kleinräumigen Gebieten fällt es den Menschen oftmals schwerer, zu ihrer Lese- oder Schreibschwäche zu stehen.»

Die Schaffung eines Angebots in der Zentralschweiz bleibe aber das Ziel.

«Ich hätte mir viel Stress ersparen können»

Walter Imhof hat seinen eigenen Zugang zum Schreiben gefunden: Er erfindet Kindergeschichten und bringt diese aufs Papier. «Schreiben ist etwas Wunderschönes, es ist Ausdruck der Persönlichkeit jedes Menschen.» Ob er seine Texte dereinst veröffentlichen werde, wisse er noch nicht. Er werde jetzt noch etwa zwei Jahre den Unterricht besuchen, weil dieser ihm Sicherheit gebe. Sein Ziel: «Ich will dereinst Menschen schreiben können, ohne eine Blockade zu haben, und ohne dass andere den Text korrigieren müssen.» Zum Schluss sagt Imhof: «Ich empfehle den Kurs allen Betroffenen. Hätte ich ihn früher gemacht, dann wäre mir viel Stress erspart geblieben.»

*Name der Redaktion bekannt

So fördert der Kanton Luzern die Grundkompetenzen der Erwachsenen

Mit dem Inkrafttreten des nationalen Weiterbildungsgesetzes im Jahr 2017 haben Bund und Kantone den Auftrag zur Förderung der Grundkompetenzen von Erwachsenen erhalten. Darum hat der Luzerner Regierungsrat am 24. Juni Massnahmen im Bereich Aus- und Weiterbildung beschlossen. Lange seien die Grundkompetenzen politisch nur ein Nebenthema gewesen, sagt Daniel Preckel, Leiter Schulische Bildung der Dienststelle Berufs- und Weiterbildung des Kantons Luzern. «Nun wird ein systematischer Ansatz verfolgt, um die betroffenen Personen besser zu erreichen: Wir haben die rechtliche Grundlage, den politischen Auftrag und die finanziellen Möglichkeiten.»

Mit dem Budget von 600'000 Franken pro Jahr – davon steuert der Bund 350'000 Franken bei – sind verschiedene Massnahmen vorgesehen. Dazu zählen der Ausbau des Kursangebotes, der Aufbau einer Website und die Zusammenarbeit mit dem kantonalen Gewerbeverband und weiteren Partnern. Um die betroffenen Personen abzuholen, gehe man den Weg über die Arbeitgeber, sagt Preckel. «In den Unternehmen der Region weiss man über die Schwierigkeiten der Angestellten Bescheid.» Die ersten Kurse sollen 2020 durchgeführt werden, voraussichtlich im Weiterbildungszentrum Sursee. Sie stehen wie bis anhin Personen aus der ganzen Zentralschweiz offen.

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