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Die Senioren bleiben zu Hause – und die Pflegebetten leer

Das Pflegezentrum Riedbach in Adligenswil hat zu wenig Bewohner gefunden, aber nicht nur dort sinkt die Nachfrage nach Pflegebetten. Der Kanton will deren Zahl stark drosseln. Ob das reicht, um dem Überangebot beizukommen, ist aber fraglich.
Simon Mathis
Pflegeheime haben zurzeit einen schweren Stand. (Symbolbild: KEYSTONE/DPA/Christoph Schmidt)

Pflegeheime haben zurzeit einen schweren Stand. (Symbolbild: KEYSTONE/DPA/Christoph Schmidt)

Obwohl die Bevölkerung älter und älter wird: Pflegeheime sind alles andere als eine sichere Bank. Das zeigt nicht zuletzt der Fall Riedbach in Adligenswil. Wie vergangene Woche bekannt wurde, hat der Gemeinderat die Auslastung des neuen Pflegezentrums massiv überschätzt. Nun müssen die Stimmbürger im Mai über eine Finanzspritze abstimmen.

In diesem konkreten Fall spiegelt sich ein gesellschaftlicher Trend; die Formel «ambulant vor stationär» ist seit längerem in aller Munde. So ist die Anzahl Stadtluzerner über 80, die in einem Heim leben, innert zehn Jahren deutlich zurückgegangen – von 27,3 auf 24,3 Prozent. Demgegenüber rechnet die Stadt mit einem waschechten Spitex-Boom. In den nächsten sechs Jahren sollen sich die in diesem Bereich geleisteten Arbeitsstunden verdoppeln, nämlich auf 550000 pro Jahr. Auch Alterswohnungen werden immer beliebter.

«Im ganzen Raum Zentralschweiz ist das Angebot der Pflegeheime sicher gross genug», sagt Roger Wicki, Präsident von Curaviva Luzern, dem Kantonalverband Luzerner Pflegeheime. Und:

«Weil die Kantone ein Überangebot fürchten, haben sie angezeigt, dass wir den Ausbau dämmen müssen.»

Laut Curaviva sind im Kanton zurzeit 81 Pflegeplätze nicht belegt. «In den letzten zwei Jahren hatten wir permanent zwischen 50 und über 80 leere Plätze», sagt Roger Wicki. «Das hat es bisher noch nie gegeben.» Ein leeres Bett mache eine Einbusse von jährlich zirka 100 000 Franken aus. Das sei Grund zur Sorge: «Wenn dieser Zustand anhält, wird sich der Druck auf die Institutionen und die Aufenthaltspreise erhöhen.»

Kanton zieht die Handbremse

Der Regierungsrat legt fest, wie viele Pflegeplätze es im Kanton maximal geben darf. Bis 2025 sind das 5410 Plätze. Zurzeit listet die Regierung 5179 Plätze auf, in der Region Luzern sind es 2758 (siehe Tabelle). Kantonsweit ist also ein Wachstum von höchstens 231 Plätzen realisierbar. Dabei handelt es sich um eine starke Drosselung; 2008 rechnete der Kanton noch damit, dass es im Jahre 2020 bis zu 8500 Pflegeheim-Plätze braucht. «Die aktuelle Planung trägt der Tatsache Rechnung, dass pflegebedürftige Personen möglichst lange zu Hause leben möchten und tendenziell immer später in ein Pflegeheim eintreten», sagt Edith Lang, Leiterin der kantonalen Dienststelle Soziales und Gesellschaft.

Wieso soll die Zahl der Plätze überhaupt noch steigen? Der Ersatz von stationären durch ambulante Angebote sei weniger gross als der Anstieg der Zahl pflegebedürftiger Personen, erläutert Lang. «Deshalb dürfte in allen Regionen bis 2025 weiterhin ein geringer Ausbau des Angebotes notwendig sein.» Wer immer Pflegebetten anbieten will, braucht die Bewilligung des Kantons. «Allerdings ist mit der Annahme der beantragten Plätze keine Garantie verbunden, dass die aufgenommenen Plätze immer belegt sein werden.» Schon die zusätzlichen 231 Plätze dürften die Situation verschärfen, sagt Roger Wicki. Hauptproblem sei aber die demografische Entwicklung: «Zurzeit kommen die geburtenschwachen Jahrgänge ins Pflegeheim», so Wicki. Diese «Dürrestrecke» könne noch gut zehn Jahre dauern – bis die Generation der Babyboomer ins pflegeheimreife Alter komme.

Besonders neue Heime haben’s schwer

Hat der Gemeinderat Adligenswil den Zeitpunkt verfehlt – oder mit 56 Plätzen mit zu grosser Kelle angerührt? Roger Wicki ist sich da nicht so sicher:«Die ideale Grösse eines Heimes zu bestimmen, ist sehr schwierig.» Das sei ein Drahtseilakt zwischen Wirtschaftlichkeit und Qualität. «Neue Heime stehen vor grossen Herausforderungen», sagt Wicki. «Denn ältere Institutionen können von ihrer Substanz leben.»

Dass die Aufenthaltstaxe eines neuen Pflegeheims unter 170 Franken liege, sei beinahe undenkbar. Demgegenüber seien ältere Unternehmen dazu in der Lage, 150 Franken zu unterbieten. Diese Schere werde sich in den nächsten Jahren allerdings etwas schliessen – denn bald stünden bei einigen Institutionen im Kanton Luzern Sanierungs- und Erneuerungsarbeiten an.

Buchrain hat in letzter Sekunde abgebrochen

Jeder Gemeinde ein Pflegeheim – ist diese Formel ein Auslaufmodell? Das glaubt Roger Wicki trotz allem nicht: «Tendenziell wollen Menschen noch immer möglichst wohnnah ins Pflegeheim.» So schnell werde sich das nicht ändern. «Udligenswil und Adligenswil hatten seit Jahrzehnten kein Angebot. Dass beide in kürzester Zeit ein Pflegeheim und Pflegewohnungen aufgemacht haben, ist kein Zufall.» Der Wunsch nach einem ortsnahen Angebot sei immer noch gross.

Aber nicht alle Gemeinden setzen auf Pflegeplätze, wie das Beispiel Buchrain zeigt. Anfang 2018 stoppte die Gemeinde im letzten Moment den Ausbau des Zentrums Tschann, weil das Projekt zu teuer und die Nachfrage zu flau war. «Wir sind heute erst recht überzeugt, dass wir, obwohl schweren Herzens, den richtigen Entscheid getroffen haben», sagt Gemeindepräsidentin Käthy Ruckli. Denn der Druck auf mehr zusätzliche Pflegeplätze im Alterszentrum habe nachgelassen. Hingegen nehme der Bedarf an Wohnformen mit zusätzlichen Pflegeleistungen markant zu.

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