Die vernachlässigte Krone über Luzern

Als Krone über der Stadt Luzern wird sie gerne bezeichnet, doch im alltäglichen Treiben gerät sie schnell mal aus den Augen: die mittelalterliche Befestigung mit ihren neun Türmen. Ein Bildband rückt die Museggmauer wieder ins Blickfeld.

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Bilder und Beschreibungen dokumentieren, wie lebendig und erhaltenswert Luzerns Stadtmauer mit ihren Türmen ist. (Bild: PD)

Bilder und Beschreibungen dokumentieren, wie lebendig und erhaltenswert Luzerns Stadtmauer mit ihren Türmen ist. (Bild: PD)

Die knapp 900 Meter lange Museggmauer ist der heute noch bestehende nördliche Teil der Stadtbefestigung. Diese erstreckte sich einst über drei Kilometer, umfasste 31 Türme und schloss auch die beiden Holzbrücken über die Reuss - die Kapell- und die Spreuerbrücke - ein.

Erbaut wurde die Museggmauer zwischen 1370 und 1420. Der Luzerner Katonsarchäologe Jürg Manser vermutet, dass sie eher ein Statussymbol als eine notwendige Verteidigungsanlage war. Wäre man auf die Befestigung dringend angewiesen gewesen, hätte man den Bau schneller vorangetrieben, so Manser.

Zwischen 1833 und 1867 wurde der grösste Teil der Befestigung abgerissen. Man empfand sie inzwischen als ein zu enges Korsett für die sich auch dank des Tourismus entwickelnde Stadt. Sie stand dem stark zunehmenden Verkehr buchstäblich im Weg.

Die Museggmauer entging diesem Schicksal. Dank ihrer Lage abseits der wichtigen Strassen kam sie dem Fortschritt nicht in die Quere. Auch wuchs bei Bürgern und Politikern das Bewusstsein für die Geschichte und die baulichen Zeugen der Vergangenheit. Zugleich wurden diese als touristische Sehenswürdigkeiten erkannt.

Unterhalt mangelhaft

Allerdings genoss das Wahrzeichen bei den Behörden nicht immer erste Priorität. Schon früh verpflichte die Stadt die Anwohner, für den Unterhalt zu sorgen. Diese wiederum schwächten die Wehrkraft, indem sie Türen und andere Öffnungen in die Mauer schlugen. Mangels Unterhalt stürzten immer wieder Mauerteile ein.

Mangelnde Substanzerhaltung während Jahrzehnten hätten dem Denkmal zugesetzt, heisst es in dem neuen Buch «Die Museggmauer». Die Stadt habe lange wenig oder das Falsche getan, um es zu erhalten. Und obwohl niemand die Notwendigkeit der Restaurierung bezweifelt, hat man nicht den Eindruck, dass sie bei den Behörden oberste Priorität hat.

So sind es denn ein Verein und eine Stiftung (an der Stadt und Kanton allerdings beteiligt sind), die jetzt die Sanierung der Mauer vorantreiben. Die Arbeiten begannen 2007 und sollen 2015 abgeschlossen sein. Rund zwei Drittel der geschätzten Kosten von 12 Millionen Franken übernehmen Stadt und Denkmalpflege, den Rest will man mit Spenden finanzieren.

Verein und Stiftung sind es auch, die jetzt den Bildband über die Museggmauer herausgegeben haben. Kantonsarchäologe Jürg Manser und Georg Carlen, ehemaliger Denkmalpfleger des Kantons, schreiben darin über die Geschichte der Mauer, über Verwitterung und Verfall und über die Bemühungen und Techniken des Bewahrens.

Dohlen-Boom dank schottischen Immigranten

Der ehemalige städtische Kulturbeauftragte Ueli Habegger taucht in die Geschichte ein und lässt einzelne Ereignisse und Szenen aufleben, die alle durch die Museggmauer verbunden sind. So etwa, wie der Weinbau im Schutz der Mauer entdeckt und 1575 der erste Wein gekeltert wurde.

Stefan Herfort vom Natur- und Landschaftsschutz der Stadt Luzern nimmt die Bewohner der Mauer ins Visier: Kolonien von Turmdohlen, Mauerseglern, Gänsesägern, Fledermäusen. Gerade der Bestand an Turmdohlen hat stark zugenommen, er verdoppelte sich innerhalb von zehn Jahren und gehört damit zu den grössten der Schweiz.

Immigranten sind laut Herfort die Hauptursache für diesen Zuwachs. Seit einigen Jahren werden nämlich auf dem Bauernhof an der Museggmauer schottische Hochlandrinder gehalten. Herfort: «Während der Brutzeit nutzen die Dohlen den breiten Rücken der zotteligen Tiere sogar als Landeplatz, um an die begehrten Haare zu kommen.»

Damit nicht genug. Der Mist der Schotten sei ein nahezu paradiesischer Lebensraum für eine Vielzahl von Kleintieren, die wiederum zu einer der wichtigsten Nahrungsquellen für die Dohlen an der Museggmauer geworden sind.

Meinrad Buholzer, sda

Hinweis:
Jürg Manser, Georg Carlen u.a.: «Die Museggmauer», Verlag UD Print AG, Luzern 2012, 152 Seiten, 58 Franken