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Diese Brüder brauchen die Action auf dem Fluss

Die Brüder Timon (20) und Fabrice Sieber (17) des Pontonier-Sportvereins Luzern haben an der Schweizer Meisterschaft in Schmerikon am 2. und 3. Juli in ihrer Kategorie den 1. Rang erreicht. Was die jungen Männer an dieser Randsportart faszinierend finden und weshalb man als Pontonierfahrer einen Fluss lesen muss, haben sie uns bei sich zu Hause in Kriens erzählt.
Interview Roger Rüegger
Die Brüder Fabrice (links, 17) und Timon Sieber (20) sind leidenschaftliche Pontonierfahrer. (Bild: pd)

Die Brüder Fabrice (links, 17) und Timon Sieber (20) sind leidenschaftliche Pontonierfahrer. (Bild: pd)

Fabrice und Timon Sieber, ihr habt an der Schweizer Meisterschaft der Pontonierfahrer die Goldmedaille gewonnen. Gratulation hierfür! Ich fürchte allerdings, dass viele Leute keine Vorstellung haben, welchen Sport ihr betreibt.

Timon Sieber: Das ist wahrscheinlich so. Wir üben eine Randsportart aus, die in unserer Region nicht sehr bekannt ist. Unser Nachbarverein an der Reuss ist Ottenbach, der übernächste ist Bremgarten.

Genau deshalb fragte ich einen Kollegen, ob er wisse, was Pontonierfahrer sind. Er machte grosse Augen und schüttelte den Kopf. Doch vielleicht ist er nicht repräsentativ, er glaubte nämlich auch, dass Angy Burri die amtierende Schwingerkönigin sei. Aber viele andere Leute wussten ebenfalls nichts über euer Hobby. Also, was macht ihr?

Fabrice Sieber: Wir umfahren Hindernisse auf dem Wasser. Im weitesten Sinne hat es Ähnlichkeiten mit dem Kajakfahren.

Also seid ihr so etwas wie Ruderer. Da wir in Luzern den weltbekannten Rotsee haben, läge es auf der Hand, dass ihr diese weit verbreiterte Sportart ausübt. Warum habt ihr euch anders entschieden?

Timon: Weil wir die Action auf dem Fluss brauchen. Wir Pontonierfahrer rudern zu zweit stehend und vorwärtsblickend in einem 400 Kilogramm schweren Schiff. Das ist eine echte Herausforderung. Die Jung­pontoniere bis 20 Jahre fahren im Weidling, später wechseln wir auf das Übersetzboot.

Stehend in Blickrichtung paddeln kennt man auch von der trendigen Freizeitsportart Stand-up-Paddeling – oder zu Deutsch: Stehpaddeln. Dann seid ihr Pontoniere quasi Trendsetter. Geht es in diese Richtung?

Timon: Genau. Ich spiele mit dem Gedanken, ein Stand-up-Paddle­board zu kaufen.

Fabrice: Das ist ähnlich. Mit dem Unterschied, dass wir nicht nur zum Plausch fahren. Wir bestreiten Wettfahren auf dem Fluss. Die Hindernisse müssen auf Zeit präzise umfahren werden. Bei Berührungen gibt es Strafpunkte.

Klingt anstrengend. Ich wohne an einem Fluss und beobachte, dass Pontonierfahrer auch am Ufer entlangfahren und dabei nicht rudern, sondern sich am Grund abstossen. Gehört das auch zum Wettkampf, oder sind das Notübungen, weil es sie zu nahe ans Ufer treibt?

Timon: Das sind keine Notszenarios. Bei den Wettkämpfen fahren wir einen vorgegebenen Parcours ab, der immer eine Passage enthält, die am Ufer entlangführt. Dort wechseln wir das Ruder gegen den sogenannten Stachel aus. Die Bedienung mit diesem Gerät erfordert Kraft und Geschicklichkeit.

Wie lange dauert so ein Wettfahren?

Timon: Rund eine halbe Stunde. Mit den ganzen Vorbereitungen und Parcoursbesichtigungen kann es aber schnell mal zwei Stunden dauern.

Welches ist die eigentliche Herausforderung bei eurem Sport; oder anders gefragt, wie gewinnt man die Schweizermeisterschaft?

Fabrice: Ein Pontonierfahrer muss den Fluss lesen können und vorausschauend die Hindernisse angehen. Denn unser schweres Boot lässt sich in der Strömung nicht so einfach wenden. Also müssen wir den Verlauf des Wassers mit einberechnen, wenn wir auf ein Hindernis zusteuern.

Timon: Zumal es wichtig ist, in welchem Winkel wir das Hindernis anfahren. Vorgegeben sind 45 Grad. Weicht man davon ab, gibt es Abzüge.

Ist das in der Praxis gravierend?

Fabrice: So etwas hat uns 2015 die Schweizer Meisterschaft gekostet.

Ihr seid dennoch ein erfolgreiches Team. Wie sind eure Aufgaben im Wettkampf verteilt?

Timon: Unsere Positionen haben wir früh gefunden. Fabrice steht hinten im Boot als Steuermann. Der gibt mir, also dem Vorderfahrer, die Befehle.

Der jüngere Bruder gibt dem älteren und routinierteren Befehle?

Facrice: Ganz recht. Timon ist vorne, weil er der kräftigere ist. Ich verfüge dafür über ein stärkeres Nervenkostüm, deshalb ist unsere Aufstellung ideal. Zudem gibt er mir auch Signale, wie ich steuern muss, denn von meiner Position aus sehe ich nicht, was unmittelbar vor dem Schiff passiert.

Ist es ein Vorteil, mit einem Bruder ein Team zu bilden? Ich stelle mir vor, dass man sich auch mal distanzieren möchte, wenn man zusammen unter einem Dach wohnt?

Timon: Ich erachte es als Vorteil, weil wir einander wirklich gut kennen und ähnlich denken. Weil wir gleich ticken, funktionieren wir wie automatisch. Zudem rede ich viel mit Fabrice auf dem Fluss. Dass fällt sogar fremden Zuschauern bei Wettkämpfen auf.

Zumal der Erfolg zeigte, dass ihr harmoniert. Nun müsst ihr euch aber trennen, da Timon nach der Rekrutenschule 21 Jahre alt sein wird und deshalb nicht mehr in der Kategorie 3 fahren darf. Findet man leicht einen neuen Teampartner – allzu viele Pontoniere sind ja nicht aktiv in der Region?

Timon: Ich werde voraussichtlich nächstes Jahr mit meinem früheren Partner fahren.

Fabrice: Ich bin weiterhin am suchen und würde mich freuen, wenn ich jemand motiviertes finden würde.

Und wie bringt man jemanden dazu, Pontonierfahrer zu werden?

Fabrice: Ich versuche meinen Freunden die Vorzüge des Sports aufzuzeigen. Für mich ist die Action, die ich beim Fahren auf dem Fluss und dadurch in der Natur erlebe, durch nichts zu ersetzen. Es ist nicht wie «Böötlifahren» auf dem See. Du musst ständig werken, wachsam sein und bleibst dabei körperlich fit. Ausserdem können wir in den Pontonierlagern die Motorbootprüfung ablegen.

Kann man als Anfänger auch an Wettkämpfen teilnehmen?

Timon: Da braucht man Geduld. Zu Beginn ist der Sport etwas kompliziert. Aber wenn man den Dreh raus hat, kann man sich bald mit anderen Teams messen. Man geht ja nie mit einem anderen Anfänger auf den Fluss, sondern immer mit routinierten Fahrern.

Tatsache ist, dass ihr eine Randsportart betreibt. Nun habt ihr während der Fussball-Europameisterschaft ein wichtiges Fahren gewonnen. Euer Erfolg fand so ja noch weniger Beachtung als sonst. Ist das frustrierend?

Fabrice: Nein, das ist nicht so schlimm. Ich finde unseren Sport cool, und in unserem Verein läuft auch sehr viel nebenbei. Wir unternehmen Talfahrten mit Militärgummibooten, einwöchige Flussfahrten und engagieren uns auch an Anlässen. Etwa beim Luzernerfest bei der Seerettung oder bei unserem Fischessen. Da kommen jeweils viele Leute vorbei, die nicht unbedingt etwas mit unserem Sport am Hut haben. Wir zeigen uns zwar schon, aber viele junge Leute finden es interessanter, einem Ball hinterherzurennen.

Warum ihr nicht?

Timon: Wir haben beide Handball gespielt. Aber jetzt sind wir auf dem Wasser zu Hause.

Interview Roger Rüegger

Hinweis

Weitere Infos zu den Pontonieren finden Sie auf www.pontoniereluzern.ch

Alle Beiträge der Serie «Das andere Interview» finden Sie auf www.luzernerzeitung.ch/interview

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