Diese Sportart ist für Corona gerüstet: Das Online-Schachspiel boomt – auch in Luzern

Das Coronavirus gibt dem Online-Boom im Schach einen weiteren Schub: Schülerturniere gehen von Luzern aus in die ganze Schweiz – mit einem Bezug zum nun gestoppten WM-Kandidatenturnier in Russland.

Urs Mattenberger
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Kultur- und Sportveranstaltungen sind von der Coronakrise gleichermassen betroffen. Allerdings mit einem wesentlichen Unterschied: Kulturelle Institutionen, Veranstalter und Kulturschaffende können auf Online-Angebote ausweichen. Im Sport ist das schwieriger, aber es gibt eine gewichtige Ausnahme: das Schachspiel. Als Denksport hat es seit jeher eine Zwischenstellung zwischen Kultur, Wissenschaft und Sport.

Den Beweis dafür erbrachte das WM-Kandidatenturnier im russischen Jekaterinburg. Da fochten seit dem 17. März acht Grossmeister aus, wer von ihnen im Dezember Weltmeister Magnus Carlsen herausfordern darf. Das Kandidatenturnier fand als einzige Sportveranstaltung auf Topniveau trotz des Coronavirus statt und wurde erst am Donnerstag gestoppt.

Online-Schachpartien, anschaulich erklärt: Grossmeister Ilja Zaragatski kommentiert auf www.lichess.org Turniere mit Kindern aus der Region.

Online-Schachpartien, anschaulich erklärt: Grossmeister Ilja Zaragatski kommentiert auf www.lichess.org Turniere mit Kindern aus der Region.

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Dass man das Turnier bis am Donnerstag online und interaktiv mitverfolgen konnte, zeigt eine weitere Besonderheit dieser Sportart. Denn der Computer spielt in ihr spätestens seit dem legendären Sieg von «Deep Blue» gegen den damaligen Schach-Weltmeister Gary Kasparow eine zentrale Rolle. Und seine Bedeutung für das Schach erreichte 2018 nochmals eine neue Stufe mit Alpha Zero: einem Programm, das sich mit künstlicher Intelligenz das Spiel selber beibrachte und den bislang stärksten Schachcomputer Stockfish schlug. Live-Kommentatoren haben darauf hingewiesen, dass ein typischer Alpha-Zero-Zug – das aggressive Vorrücken des Randbauern gegen die gegnerische Königsburg – von mehreren Spielern am Kandidatenturnier verwendet wurde.

Dank Online-Boom gewappnet für die Krise

Für die Coronazeit bedeutsam ist, dass Schach dank der engen Verbindung zum Computer längst online gegangen ist: Websites wie www.lichess.org, www.chess.com oder www.chess24.com bieten Trainingsmöglichkeiten auf allen Stufen an und verbinden als Plattform für Spiele und Turniere Schachspieler rund um den Globus. Damit ist diese Sportart bestens darauf vorbereitet, ihre Aktivitäten jetzt stärker ins Internet zu verschieben. Im Normalfall sind beispielsweise auf www.lichess.org jeweils über 30'000 User gleichzeitig online, gegenwärtig hat sich diese Zahl mehr als verdoppelt.

Und nun gibt es auch aus unserer Region heraus Online-Schachangebote. Sie sind nötig, weil hierzulande ebenfalls alle Schach-Turniere abgesagt wurden – darunter das Bundesturnier im Mai, zu dem in Luzern rund 500 Spieler erwartet worden wären. Nicht stattfinden können auch Clubmeisterschaften sowie der Schachunterricht für Kinder. Das gilt nicht nur für das Jugendschach der Clubs, sondern auch für die Angebote privater Schachschulen.

Kinder bekommen Lob vom Grossmeister persönlich

So haben die «Chessmates Zug» ihren Unterricht umgehend ins Internet verlegt. Eine andere Möglichkeit bieten «Die Schulschachprofis», die in unserer Region Schachunterricht in Luzern, Zug und Meggen sowie an verschiedenen Schulen anbieten. Als Ersatz für den ausfallenden Unterricht organisiert Schulschachprofi Peter Hug auf www.lichess.org von Montag bis Samstag Schnellschach-Turniere. Speziell für Schüler aus der Region ist jeweils der Mittwoch von 16 bis 19.30 Uhr vorgesehen.

Allen offen steht – ebenfalls auf www.lichess.org – die jetzt lancierte Schulhaus-Schachmeisterschaft. Die Anmeldung erfolgt über die Schulschachprofi-Website www.dssp.ch. Den Wettbewerb zwischen den Schulhäusern verstärkt, dass die Namen der Teilnehmer aus jenem der Schule und dem Vornamen des Kindes gebildet werden. Somit ist klar, wer für welches Schulhaus antritt. Hug sagt:

«Bisher haben sich an den Turnieren jeweils bis zu rund 120 Schülerinnen und Schüler beteiligt.»

«Für zusätzliches Turnier-Feeling sorgen die Pokale, die wir den Podestsiegern nach Hause schicken.» Turnieratmosphäre schaffen auch die Live-­Kommentare. «Die schauen sich vor allem die Eltern an, während ihre Kinder am Computer spielen», sagt Hug und lacht.

Schulhausturnier: So meldet man sich an

Die kostenlosen Online-Schachturniere der Schulschachprofis auf www.lichess.org nahmen ihren Ausgang in Luzern, wo die Schachschule mit vielen Unterrichtsgruppen vertreten ist. Die nächste, für alle zugängliche Schulhaus-Schachmeisterschaft findet am Freitag, 11 Uhr, statt und wird live von Ilja Zaragatski kommentiert. Anmeldung: ww.lichess.org/tournament/P6j2hQNm. Für alle Arena-Turniere für Schüler kann man sich auf www.dssp.ch anmelden. 

Wenn man Glück hat, wird die eigene Partie von Ilja Zaragatski kommentiert. Der Grossmeister (aktuelle Elo-Zahl 2518) gehört zum Schulschachprofi-Trainerteam und hat auf www.chess24.com auch Partien des WM-Kandidatenturniers kommentiert. Der 34-jährige Deutsche mit russischen Wurzeln entdeckt selbst in Partien von 10-, 12- oder 15-Jährigen neben Patzern raffiniertes Stellungsspiel. Auch dank der bunten Pfeile, mit denen er taktische Motive wie «Spiess», «Abzug» oder Doppelbedrohungen aufzeigt, lässt sich bei solchen Turnieren Schachluft schnuppern.

Was sind aus Sicht des Schachlehrers die Vor- und Nachteile des Online-Schachs und des aktuellen Booms? «Ein klarer Vorteil ist, dass sich Kinder rasch vernetzen können. Das wird mit dem gegenwärtigen technischen Schub deutlich zunehmen», sagt Hug.

«Es wird in nächster Zeit schnell bessere Schachspieler geben.»

Für die Schach-Kids selber ist aufregend, dass man online immer wieder neue Gegner findet, die einem das Programm in ähnlicher Spielstärke zuweist. Es gibt online sogar echte Tränen und Jubel nach Niederlage oder Sieg gegen anonyme Gegner oder befreundete Followers.

Peter Hug sieht auch Nachteile: «Die Hemmschwelle, nach zwei, drei Niederlagen aus einem Turnier auszusteigen, ist tiefer als in realen Turnieren.» Denn man könne sich vermeintlich anonym ausloggen. «Andere lassen, wenn sie auf Verlust stehen, einfach die Zeit ablaufen. In einem realen Turnier wäre der soziale Druck gross, in einem solchen Fall aufzugeben.»

Das grösste Risiko schafft der Computer selber

Der grösste Nachteil aber hängt mit dem Computer selber zusammen. Langzeitpartien sind auf Online-Plattformen nicht beliebt, weil das Risiko besteht, dass der anonyme Gegner die «Engine» zu Rate zieht. Spieler, die auffällig viele Computerzüge über ihrem Spielniveau machen, werden von Online-Plattformen auch mal als Schummler gekennzeichnet. Deshalb werden online und auch in den erwähnten Schülerturnieren ausnahmslos Partien mit kurzer Bedenkzeit von drei bis sieben Minuten pro Spieler gespielt.

Das hat momentan einen weiteren Vorteil. Denn Kurzpartien verbinden kombinatorisches Denken mit dem Thrill und der Reaktionsgeschwindigkeit digitaler Games und sind damit ein ideales Freizeitangebot in Coronazeiten.

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