Diese zwei Surseer erhalten den Kulturpreis: Ein Schlagabtausch

Elias Zürcher (27) und Sven Stalder (28), beides Streetart-Künstler, erhalten für ihre Kunst den Kulturpreis der Stadt Sursee. In einem Telefongespräch diskutieren sie über Rebellion, Interaktionen mit der Polizei - und sie schmieden gemeinsame Zukunftspläne.

Martina Odermatt
Hören
Drucken
Teilen
Künstler Elias Zürcher hat den Burkhardt-Kreisel in Sursee mit seinen Gänsen gestaltet, während Graffitikünstler Sven Stalder sein Wissen bei einem Workshop an Kinder und Jugendliche weitergibt.

Künstler Elias Zürcher hat den Burkhardt-Kreisel in Sursee mit seinen Gänsen gestaltet, während Graffitikünstler Sven Stalder sein Wissen bei einem Workshop an Kinder und Jugendliche weitergibt. 

Bilder: Dominik Wunderli (Sursee, 23. Juli und 11. August 2019)

Morgen erhalten zwei junge Surseer Künstler der Kulturpreis der Stadt Sursee. Elias Zürcher kreiert seit zwei Jahren Gans-Statuen für den Münster-Kreisel bei der Burkhard-Garage und Sven Stalder zeichnet in Form von Graffiti Kunstwerke an öffentliche Wände – ganz legal. Wir haben zugehört, als die beiden miteinander telefoniert haben.

Elias: Hey Sven, wie geht's dir? Du bist aktuell in den Ferien, gell?

Sven: Gut, danke. Ja, ich bin gerade in Thailand und werde noch bis nächsten Oktober auf Reisen sein.

Elias: Finde ich cool, aber auch schade, dass du dann nicht an der Preisverleihung am 1. Januar dabei sein kannst.

Sven: Ich werde zwar physisch nicht vor Ort sein, aber über Videoinstallationen werde ich doch Teil dieser Veranstaltung sein. Ich finde es schliesslich eine riesige Ehre, diesen Preis zu bekommen! Dann kann ich nicht nicht präsent sein!

Elias: Ja, sehe ich auch so. Es hätte sicher viele andere Künstler gegeben, die diesen Preis auch verdient hätten. Aber ich finde es schön, dass sie ihn an Junge verleihen. Das ist für mich ein Zeichen der Anerkennung meiner Arbeit.

Sven: Total! Und ich finde es übrigens toll, dass sie den Preis an uns beide gemeinsam überreichen. Das macht schon Sinn so. Wir machen beide Streetart, haben ein ähnliches Konzept. Wir hatten eine Idee und haben einfach mal gemacht und geschaut was dabei rauskommt. Ich wollte malen, mich als Künstler weiterentwickeln. Mittlerweile gebe ich im Sommer mein Wissen weiter, etwa in Graffiti-Workshops für Kinder, zum Beispiel beim Ferienpass; von der Stadt Wände dafür zur Verfügung gestellt zu bekommen, ist echt harte Arbeit. Und du hast guerilla-mässig einfach mal eine Gans aufgestellt und geschaut, was passiert.

Elias: Das stimmt. Als ich meine erste Gans in den Kreisel gestellt habe, dachte ich , dass die innerhalb von ein paar Tagen weg sein würde. Immerhin habe ich die Stadt Sursee nie über mein Vorhaben informiert. Aber die Gans blieb stehen, und so habe ich immer wieder neue Gänse gemacht.

Sven: Du stellst die meistens in der Nacht auf, gell? Hat dich da die Polizei nie erwischt?

Elias: Die Polizei hat mich bereits zwei oder drei Mal beim Aufstellen beobachtet, mich aber immer walten lassen. Einmal, da hat der Streifenwagen angehalten und die Polizisten sind aus dem Auto ausgestiegen. Ich hatte da schon etwas Bammel, bin aber freundlich auf sie zu und habe ihnen einen guten Abend gewünscht. Es hat sich dann herausgestellt, dass sie die Kunst sehr lässig finden und mich nur ermuntern wollten, unbedingt damit weiter zu machen (*lach*). Zwei Wochen später haben wir ihnen dann eine Dankeskarte geschrieben. Und wie sieht deine Bilanz aus?

Sven: Ich male ja legal, auf bewilligten Flächen. Manchmal erstaunt das die Leute, wenn sie mich am helllichten Tage Wände bemalen sehen. Dann fragen sie meistens, ob ich das dürfe. Das kann ich dann mit einem Schmunzeln bejahen. Ich finde, das ist in vielen Hinsichten super. Einerseits werden dann so die Leute sensibilisiert dafür, man kann Vorurteile etwas abbauen. Andererseits wird ein Kunstwerk meistens nicht mit Schmierereien übermalt. Das ginge gegen den Sprayer-Kodex. Aber auch ich hatte schon mit der Polizei zu tun. Nur vielleicht anders, als man denken könnte. Einmal während dem Ferienpass hat ein Auto direkt vor der Wand parkiert, die wir bemalen wollten. Wir haben dann die Polizei angerufen, damit sie das Auto aus dem Weg schaffen. Nach 15 Minuten war das erledigt.

Elias: Ich bewundere deine Arbeit wirklich, Sven. Als ich gehört habe, dass wir den Preis gemeinsam erhalten würden, habe ich angefangen, mich mit deiner Kunst auseinanderzusetzen. Wir kennen uns ja bereits etwas aus der Schulzeit, aber wo deine Werke überall zu sehen sind, das wusste ich nicht. Ich könnte nie so tolle Graffiti machen. Auch, dass du mit Kindern und Jugendlichen arbeitest, finde ich super! Erhältst du manchmal negative Rückmeldungen?

Sven:  Meine Kunst hat schon einen etwas rebellischen Hintergrund. Ich möchte ja auch, dass es kontrovers ist. Kunst soll öffentlich diskutiert werden.

Elias: Aber wie geht denn diese rebellische Haltung mit einem Anerkennungspreis zusammen? Ist das nicht zu brav für einen Sprayer?

Sven: Ich weiss genau, was du mit dieser Frage meinst. Aber für mich steht das nicht im Widerspruch. Es gibt schon einige, die die Kommerzialisierung ablehnen. Auch bei mir stellt sie nicht die primäre Motivation dar. Aber ich finde, es geht darum, den öffentlichen Raum mitzugestalten. Ich will mich ja mit der Kunst weiterentwickeln.

Elias: Jaaa, die Gestaltung öffentlicher Räume ist so wichtig! Wir bewegen uns schliesslich täglich darin. Vielleicht macht der Preis ja auch anderen Mut, aktiv die Kultur mitzugestalten. Du hast ja zum Beispiel auch mitgeholfen beim grossen Wandbild in der Schlottermilch, gell?

Sven: Ja, ich habe mit der Stadt verhandelt wegen der Fläche und habe mit den Künstlern QueenKong Kontakt aufgenommen. Die kommen ja aus Luzern. Das war eine Riesenbüez. 

Elias: Hättest du gerne auch mitgemalt?

Sven: Nein, zu malen wäre nochmals so intensiv gewesen wie zu organisieren. Hey, du konntest deine Kunst ja auch schon ausstellen, und das bei Wetz!

Elias: Das war auch eine grosse Ehre, ja! Mich schon als Künstler zu bezeichnen, finde ich aber vermessen. Mich fasziniert es einfach, mit meiner Kreativität Emotionen bei der ganzen Bevölkerung zu wecken. Das Schöne daran ist ja, dass alle an dieser Kunst teilhaben können. Doch das ist auch mit Kosten verbunden. Mit einer Gönnerschaft, versuche ich das abzufedern.

Sven: Das stimmt. Was ich schon an Geld für Graffitis ausgegeben habe! Auch für das Projekt in der Schlottermilch musste ich auf Sponsorensuche. Das habe ich alles alleine gestemmt, ein grosser Aufwand. Aber mal vom Finanziellen abgesehen: Wir könnten doch auch mal ein gemeinsames Projekt machen! Ich glaub, da drauf hätte ich wirklich Bock!

Elias: Da wäre ich sofort dabei! Meld dich doch mal, wenn du zurück bist!

Hinweis: Die Preisverleihung findet im Rahmen des Guet Johr 2020 ab 17 Uhr im Rathaus Sursee statt.

Mehr zum Thema