Interview

Diese zwei Zunftmeisterinnen regieren an der Fasnacht in der Stadt und auf dem Land

Bei der Zunft zum Dünkelweiher in Luzern sagt Antoinette Steck wo es lang geht. Nadia Hofstetter schwingt bei der Zieberlizunft Sigigen das Zepter.

Zéline Odermatt und Roger Rüegger
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Nadia Hofstetter (Sigigen, links) und Antoinette Steck (Luzern) im Innenhof des Stadthauses in Luzern vor dem Fasnachtslokal Moritzli.

Nadia Hofstetter (Sigigen, links) und Antoinette Steck (Luzern) im Innenhof des Stadthauses in Luzern vor dem Fasnachtslokal Moritzli.

Bild: Manuela Jans-Koch, Luzern, 6. Februar 2020

Im Podcast sprechen die beiden Luzerner Zunftmeisterinnen über Frauen an der Fasnacht und die Unterschiede zwischen Stadt und Land:

Die Zunftmeisterin wird bei der Zunft zu Dünkelweiher vom Samichlaus bekanntgegeben. Antoinette, hat der bei euch das Sagen?

Antoinette Steck: Nein, der Zunftmeister oder die Zunftmeisterin wird traditionell am Chlausbot im Paulusheim verkündet. Da liegt es ja auf der Hand, dass der Samichlaus die Neuigkeit erzählt.

Trifft es jene Person, die besonders brav war im vergangenen Jahr?

Sicher nicht, sonst wäre ich kaum zuoberst auf der Liste gewesen.

Unerwartet kam Deine Ernennung aber nicht?

Um ehrlich zu sein: Ich habe dem Zunft-Präsidenten bereits an der letzten Fasnacht zugesagt. Das geheim zu halten, war aber eine Qual.

Antoinette Steck bei ihrer Inthronisation im Paulusheim in Luzern im Januar. Links ihr Mann René, hinten Weibel Lisbeth Scherer und rechts ihr Mann Edi.

Antoinette Steck bei ihrer Inthronisation im Paulusheim in Luzern im Januar. Links ihr Mann René, hinten Weibel Lisbeth Scherer und rechts ihr Mann Edi.

Bild: PD

Nadia, konntest Du Dich auch ein Jahr lang auf das Amt vorbereiten?

Nadia Hofstetter: Nein. Für mich war wahrscheinlicher, dass mein Mann Kurt gewählt wird. Dass ich Zunftmeisterin werde, habe ich nicht erwartet. Mich hat die Wahl zuerst geschockt.

Was gab den Ausschlag, dass nun Du und nicht jemand anderes das Zepter schwingt?

Die Gemeinde Ruswil und der kleine Ortsteil Sigigen stellen jeweils abwechslungsweise einen Zunftmeister für drei Jahre. Der letzte war ein Ruswiler. Er wünschte als seine Nachfolge eine Zunftmeisterin. Also eine aus Sigigen.

Die Auswahl war vermutlich überschaubar. Wie hast du davon erfahren?

Einer der 15 Zunfträte hat meinen Mann und mich mit einem fadenscheinigen Grund zu unserem Buchhalter gelockt. Ich wurde in den Kafiraum gerufen, wo ich mit der Sache konfrontiert wurde. Da sagte ich halt Ja. Dann hat’s noch einen Schnaps gegeben.

Zur Person

Nadia Hofstetter - Zieberlizunft

Nadia Hofstetter - Zieberlizunft

Nadia Hofstetter (42) amtet bis 2022 als höchste Fasnächtlerin in Sigigen und Ruswil. Unterstützt wird sie von Manuela Schmidli als Kanzlerin. Nadia wohnt mit Ehemann Kurt und den drei Kindern in Sigigen. Sie sind das Pächterpaar der Dorfkäserei Hildisrieden.

Die Zieberlizunft Sigigen wurde 1955 gegründet. Der Name lehnt sich an den Sigigerberg an, der auch Zieberliberg genannt wurde, weil dort die Zwetschgenart «Zieberli» wächst. Noch heute gibt es den Zieberlischnaps der Zunft, die 180 Mitglieder hat. Seit den 80er-Jahren werden auch Frauen als Mitglieder akzeptiert. Nun ist eine Sigigerin erste Zunftmeisterin.

Das Thema wollten wir grad anschneiden. Auf der Website deiner Zunft sind unter «Sitten & Bräuche» Häxebronz und Zieberlischnaps aufgeführt. Muss eine Zunftmeisterin trinkfest sein?

Zieberlischnaps wird bei uns aus den kleinen Zwetschgen gebrannt, die auf dem Sigigerberg wachsen. Ich trinke aber lieber ein Glas Wein. Betrunken als Zunftmeisterin wird man mich jedoch nie sehen, das wäre mir peinlich.

Wie sehr identifiziert man sich mit der Aufgabe? Der Posten soll ja eine schöne Stange Geld kosten?

Antoinette Steck: Mir wurde gesagt, man könne mit dem Geld locker einen Kleinwagen kaufen. Sicher, es sind viele Ausgabenposten. Man denke allein an den Zunftwein oder die Geschenke, die man bei den Bescherungsfahrten in Heimen und Kindergärten mitbringt.

Zur Person

Antoinette Steck - Dünkelweiher-Zunft

Antoinette Steck - Dünkelweiher-Zunft

Antoinette Steck ist die zweite Zunftmeisterin. Wenn die 55-Jährige keine Termine mit der Zunft hat, arbeitet sie bei der Firma Vending oder hütet ihr jüngstes von vier Grosskindern. Mit Ehemann René wohnt sie in Reussbühl. Durch das Zunftjahr begleitet sie das Weibelpaar Lisbeth und Edi Scherer, wobei Lisbeth Weibel ist. Das Motto lautet «Disney».

81 Jahre ist es her, seit Fasnächtler aus dem Obergrundquartier in Luzern die Zunft zum Dünkelweiher gegründet haben. Ursprünglich war die Zunft auf den Namen «Festtubel-Gesellschaft Tünkel-Weiher von Luzern» getauft worden. Kurz vor der Gründungsversammlung änderte man den Namen jedoch. Heute gibt es rund 40 aktive Zünftler und Zünftlerinnen und mehr als 100 Gönner.

Man muss angefressen sein. Du hast alleine im Februar 17 Termine?

Es ist tatsächlich viel los. Aber ich werde vom Weibelpaar unterstützt. Überall, wo Not an der Frau ist, sind sie an erster Stelle. Mich befällt ein unbeschreibliches Gefühl, wenn ich die glücklichen Gesichter der Bewohner sehe, die wir in Heimen besuchen. Ich vergleiche es mit dem Heiraten. Man macht es einmal, dafür richtig. Es ist nur für ein Jahr.

Das stimmt für Dich in der Stadt, Antoinette. Nadia, Deine Amtszeit dauert drei Jahre. Schränkt Dich das privat und im Berufsleben sehr ein?

Nadia Hofstetter: Das wird sich zeigen. Wir haben zwar in Hildisrieden als Familie immer aktiv an der Fasnacht teilgenommen. Jetzt wird es eben etwas formeller. Aber so viele Termine wie Antoinette habe ich natürlich nicht. Wir besuchen die Sigiger Schule, das Altersheim Schlossmatte und wir sind an der Dorffasnacht am Schmudo und am grossen Umzug aktiv. Und noch etwas: Ich war bis jetzt kein Mitglied der Zunft.

Die Zunftmeisterin war kein Zunftmitglied?

Das ist auf dem Land oft so. Es wird immer schwieriger, jemanden zu finden, der sich als Zunftmeister zur Verfügung stellt. Deshalb ist die Mitgliedschaft bei uns nicht Bedingung.

Antoinette, Du bist Zunftmitglied. Hat dies in Deiner Familie Tradition?

Antoinette Steck: Eine Bemerkung bezüglich der Schwierigkeit, Zunftmeister zu finden. Die Zunft zum Dünkelweiher hatte 2017 und 2018 keine. Das Problem gibt’s auch in der Stadt. Seit nunmehr zehn Jahren bin ich Mitglied. Mein Vater sagte damals: «Anti, das ist etwas für Dich!» Er war mein Götti beim Eintritt. Dafür ist mein Mann ein Anti-Fasnächtler. Er geht gewöhnlich nicht einmal an die Umzüge, an denen wir teilnehmen. Jetzt muss er aber und schaut, was die Mutter so treibt. Unterdessen ist er auf den Geschmack gekommen. Es gefällt ihm immer besser. Beim Gnagi-Essen im Casino hat er mich sogar vertreten, weil da ja keine Frauen erwünscht sind.

Es klingt nicht so, als ob Dich das wahnsinnig treffen würde?

Antoinette Steck: Ich mag gar kein Gnagi. Also schickte ich meinen Mann und gab ihm einen Batzen, damit er denen dort eine Runde bezahlen konnte. Ich machte mit meiner Weibelin und anderen Zünftlerinnen einen gemütlichen Spieleabend mit Brändidog.

Waren die Frauen in euren Zünften immer willkommen?

Antoinette Steck: Sobald man Zünftler ist, kann man Meister oder Meisterin werden. Wir hatten bereits vor 15 Jahren die erste Zunftmeisterin. Unsere Männer begrüssen das.

Nadia Hofstetter: Bei uns haben Frauen früher im Hintergrund geholfen, durften aber nicht an Anlässe. Da ist es für mich schon speziell, die erste Zunftmeisterin zu sein. Die Zeit war reif. Deshalb habe ich auch nur Ehrengästinnen im Gefolge.

Nadia, Du und Dein Mann sind Pächter der Dorfchäsi in Hildisrieden. Fährt ihr die Produktion während der Fasnacht herunter?

Ich bin Angestellte unserer AG. Mein Bereich ist die Administration und das Verpacken. Kurt und ich treten im Geschäft während der Fasnacht etwas kürzer, dafür müssen unsere Mitarbeiter «ad Säck». Dabei muss ich unbedingt festhalten: Ohne meine Kanzlerin, ihrem Mann und den vier Ehrengäste-Paaren sowie den vielen Helferinnen und Helfern würde gar nichts laufen.

Gibt’s den Nadia-Fasnachts-Käse?

Unseren Sbrinz können wir nicht umbenennen.

Zunftmeisterin Nadia Hofstetter (Zweite von links) mit ihrem Mann Kurt (links) und Kanzlerin Manuela Schmidli an einem Anlass der Zieberlizunft.

Zunftmeisterin Nadia Hofstetter (Zweite von links) mit ihrem Mann Kurt (links) und Kanzlerin Manuela Schmidli an einem Anlass der Zieberlizunft.

Bild: Zieberlizunft.ch

Auch an der Fasnacht nicht. Seid ihr hoch zu Ross oder mit einem Wagen unterwegs?

Antoinette Steck: Natürlich mit unserem Zunftwagen an den Umzügen Dierikon und Horw.

Nadia Hofstetter: Die Ehrengästinnen mit ihren Männern haben uns einen fantastischen und aufwendigen Wagen gebaut. Der muss drei Jahre halten. Mein Motto ist übrigens «Chäs ond Tanzbei schwenge, Frauequote id HÖCHI brenge».

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