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Dieser Doktor tüftelt fürs Leben

Lungenspezialist Lutz Freitag von der Hirslanden Klinik St. Anna hat ein aussergewöhnliches Hobby: Er entwickelt medizintechnische Produkte. Bereits lauten 200 Patente auf den Namen des 64-Jährigen – und es werden noch mehr.
Yasmin Kunz
Lungenspezialist Lutz Freitag tüftelt in seinem Labor an neuen Produkten, die im 3D-Drucker entstehen. (Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 23. Mai 2018))

Lungenspezialist Lutz Freitag tüftelt in seinem Labor an neuen Produkten, die im 3D-Drucker entstehen. (Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 23. Mai 2018))

«Dem Ingenieur ist nichts zu schwer.» So lautet der Wahlspruch Daniel Düsentriebs, einer Comicfigur von Walt Disney. Düsentrieb ist von Beruf Erfinder. Einfallsreich mit unermüdlichem Tüftlergeist.

Lutz Freitag ist ein Daniel Düsentrieb – und zwar an der Luzerner Hirslanden Klinik St. Anna. Hierher ist der Professor für Lungen- und Bronchialheilkunde gekommen, nachdem er der Arbeit in den grossen Universitätsspitälern, etwa im deutschen Essen, überdrüssig war und eine kleinere Klinik suchte. Freitag gilt europaweit als Koryphäe auf dem Gebiet der interventionellen Pneumologie, im St. Anna will er das modernste Zentrum der Schweiz für die Spiegelung der Atemwege aufbauen (Bronchoskopie). Patienten, die er behandelt, leiden an unterschiedlichen Lungenkrankheiten wie Infektionen, Tumoren, Asthma oder Emphysemen. Er liebe seine Arbeit, sagt Lutz Freitag, der seit knapp einem Jahr für die Klinik St. Anna tätig ist.

Aus einer Schaufel kreiert er eine Roboterhand

Noch mehr Begeisterung kommt allerdings auf, wenn der 64-jährige Lungenspezialist in seinem Labor ist. Dieses befindet sich ein paar Schritte vom Hauptgebäude der Klinik entfernt. Im weissen Mantel, zügigen Schrittes, einem Lächeln im Gesicht, führt Freitag in sein kleines Reich. «Es ist aber nicht sehr ordentlich», warnt er, bevor er die Türe öffnet. Dass Vorstellungen und Realität manchmal auseinanderklaffen, wird einem hier bewusst. Wer sich einen dunklen, kleinen, stickigen Raum vorgestellt hat, liegt falsch. Das Labor misst doch mehr als 20 Quadratmeter und ist hell ausgeleuchtet. Maschinen rattern. Fläschchen mit diversen Chemikalien stehen – ordentlich – im Regal. Am Türgriff hängt ein «Arm». Ursprünglich war das mal eine Schaufel. Die Schaufel ist weg, an ihrer Stelle wurde eine Roboterhand montiert, die sich mittels Hebel öffnen und schliessen lässt, die also greifen kann. Was auf den ersten Blick wie ein Spielzeug aussieht, hat eine klare Funktion: Mit ihr kann man ein Endoskop unter einer Röntgenröhre führen, ohne dass man Strahlen ausgesetzt wird.

Lutz Freitag hat schon diverse Erfindungen patentiert. (Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 23. Mai 2018))

Lutz Freitag hat schon diverse Erfindungen patentiert. (Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 23. Mai 2018))

Im Labor stehen noch weitaus grössere Apparaturen. Diese reichen von mehreren 3-D-Druckern über Bio-Roboter bis hin zu einem Laser-Schneidegerät. Viele dieser Geräte hat Freitag selber konzipiert. «Was hier steht, ist nur ein kleiner Teil meiner Ausrüstung», sagt Freitag. Das meiste sei noch in Deutschland, seiner Heimat, zwischengelagert, weil es hier keinen Platz hat. Rund eine Million Franken hat Lutz Freitag für sein Labor in den letzten Jahrzehnten ausgegeben, 200 Patente lauten auf seinen Namen, mehrere Dutzend seiner Erfindungen sind in Gebrauch. Wenn man von Erfindungen spricht, habe man generell eine falsche Vorstellung, so Freitag. «Ich entwickle nur Bausteine und erfinde keine fertigen Produkte.»

Massanfertigung für die Patienten

Derzeit etwa optimiert er handelsübliche Stents. Diese werden eingesetzt, wenn die Atemwege in der Lunge zusammengedrückt sind. Stents erweitern die enge Luftröhre oder die Bronchien und erleichtern so dem Patienten das Atmen. «Die käuflich erhältlichen Stents passen aber nicht in die Luftröhre jedes Patienten. So entwickle ich diese weiter und adaptiere sie auf die individuellen anatomischen Bedingungen des Patienten.» Das macht Lutz Freitag anhand der Röntgenbilder, mit 3-D-Drucker und Laserschneider. Mehrere Exemplare stehen auf der Ablagefläche im Labor. Er ist zufrieden mit seinem Werk und kommt richtig ins Schwärmen, als er erklärt, wie er es geschafft hat, Medikamente in den Stent zu implementieren. Etwas, das es so noch nicht gibt. Einsetzen darf er seine Stents im St. Anna aber (noch) nicht.

Jede Änderung eines Medizinalprodukts muss zuerst zertifiziert werden, bevor sie in die Praxis überführt werden kann. Will heissen: Es müssen unter anderem Tests an Zellkulturen und Tierversuche durchgeführt werden. Das kann Jahre dauern. Hinzu kommt ein Haufen Papierkram: Verordnungen, Paragrafen, Gesetze. Lutz Freitag sagt dies ohne Frust, fordert auch keine Lockerung dieser Vorschriften. «Der Mensch will maximale Sicherheit, kein Risiko. Doch manchmal wird es schon absurd.» Wenn man etwa beweisen muss, dass von einem Schlauch in einem Messgerät keine Silikonbestandteile in die Lunge geraten. «Der Schlauch führt von der Lunge aus dem Körper. Wie soll da Silikon in die Lunge zurückfliessen?» Kann dieses Risiko nicht widerlegt werden, ist die Erfindung nicht umsetzbar, auch wenn sie dem Patienten helfen könnte. «Manchmal wünschte ich mir ein bisschen mehr gesunden Menschenverstand.»

«Es tauchen immer wieder Probleme auf, die ich lösen will.»

Allen Hürden zum Trotz: Lutz Freitag wird weitertüfteln. Mit seinem nun auf 70 Prozent reduzierten Pensum kann er mehr Zeit in seinem Labor verbringen. Die Ideen gehen ihm nicht aus. «Es tauchen immer wieder Probleme auf, die ich lösen will». Patienten etwa, die Hilfe brauchen, aber für die es noch kein passendes Produkt auf dem Markt gibt. Ab und zu kommt es vor, dass er eine Erfindung frühzeitig in die Praxis überführen kann. Nämlich dann, wenn der Patient als Alternative den Tod hat. Dann darf der Mediziner schon mal etwas nicht Handelsübliches einsetzen, sofern der Patient unterzeichnet, keinen Rechtsspruch zu erheben.

Frau behält Ausgaben des Tüftlers im Auge

Freitags Familie findet seinen unermüdlichen Tüftlerwillen zuweilen anstrengend, wie er sagt. «Sie meinen, es komme doch ziemlich wenig heraus dabei.» Das stimmt, wenn man nur die Kosten betrachtet: Für ein Patent allein zahlt er 5000 Euro. Taugt es etwas und wird es in andere Sprachen übersetzt, legt man nochmals 7000 Franken und jährliche Gebühren drauf. Alle Versuche und Tests ausgenommen. Erzielt er einen Gewinn, dann reinvestiert er diesen in sein Labor.

Damit seine Ausgaben nicht aus dem Ruder laufen, hat Lutz Freitag gleich zwei Finanzberater: «Meine Frau und mein Steuerberater sagen mir jeweils, ob ich ein neues Mikroskop kaufen darf oder nicht.» Der Arzt hofft, dass in den kommenden Jahren noch einige seiner Erfindungen von einer Firma handelsüblich hergestellt werden – und fügt lachend an: «Vorher höre ich hier nicht auf». Einem einfallsreichen, unermüdlichen Tüftler ist eben nichts zu schwer.

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