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Dieser Eicher Alphornmacher setzt noch auf Handarbeit

Otto Emmenegger ist einer von rund fünf Alphornbauern im Kanton Luzern. Seine Kunden sind traditionelle Hobbybläser wie auch professionelle Experimentalmusiker. Mit letzteren hat er quasi neue Alphornvarianten erfunden.
Lucien Rahm

Von seiner Werkstatt an einem Hang in Eich aus sieht er auf See und Berge. Was in seiner Produktionsstätte entsteht, wird ebenfalls mit Berggipfeln in Verbindung gebracht: das Alphorn. Seit 30 Jahren widmet sich Otto Emmenegger der Herstellung des traditionellen Blasinstrumentes – zunächst neben seinem Grafikerberuf, seit 15 Jahren hauptberuflich.

(Bilder: Eveline Beerkircher, Eich, 19. Juni 2019)

(Bilder: Eveline Beerkircher, Eich, 19. Juni 2019)

Schon sein Vater Julius Emmenegger hatte sich dem Alphornbau verschrieben. Von ihm erlernte Otto Emmenegger das Handwerk. Viele Kunden des Vaters konnte er übernehmen, für einige nimmt er Reparaturen an den Instrumenten vor, die sein Vater damals anfertigte.

In all den Jahren ist Emmenegger seiner ursprünglichen Produktionsweise weitgehend treu geblieben. Anders als seine Branchenkollegen fräst er die wichtigen Bestandteile für seine Alphörner noch immer von Hand aus. Die meisten anderen tun dies heute mit computergestützten Automaten.

Zum Einsatz kommt die Fräse vor allem beim Kernelement des Alphorns, dem «Becher» oder «Bogen», wie es Emmenegger nennt. Gemeint ist das gekrümmte Endstück des Instrumentes, aus dessen Öffnung der Ton austritt. Gefertigt wird es aus Fichtenholz aus dem Entlebuch, das Emmenegger von einer Sägerei bezieht und zusammen mit dem Sägermeister aussucht. Früher ging der Alphornmacher noch selbst in den Wald, um die Bäume auszusuchen, welche aufgrund ihrer Hanglage bereits die typische Krümmung aufwiesen.

Holz soll «weich und spannungsarm» sein

Bei der Auswahl achtet Emmenegger auf die Beschaffenheit des Holzes. «Es sollte weich und spannungsarm sein.» Denn die Klangfarbe entstehe vor allem in diesem Bereich des Horns. Speziell ist bei ihm, dass er hierfür auch zu Holz aus dem unteren Stammbereich greift, wo andere höherliegende Baumabschnitte bevorzugen würden. «Die Optik mag dadurch etwas wild und lebendig sein, aber klanglich funktioniert das super.»

Das gebogene Endstück wird aus zwei symmetrischen Längshälften gefertigt. Damit diese weitgehend ähnlich aussehen, werden sie aus Holzstücken gefertigt, die vom selben Abschnitt des Baumes stammen. Schliesslich werden die beiden Hälften so zusammengeleimt, dass nur noch die unterschiedlichen Holzmuster die «Naht» sichtbar werden lassen.

Während Emmenegger mit dem Fräsen beschäftigt ist, befinden sich andere Bestandteile des Alphorns ebenfalls bereits im Entstehungsprozess. Das Rohr, welches das End- mit dem Mundstück verbindet, hat er bereits zuvor angefertigt und ruht rund zwei Monate lang. Solange braucht der Leim im Inneren des Rohrs, um zu trocknen.

Der Klebstoff hält die drei bis vier Schichten gebogener Holzblätter – sogenannte Furniere – zusammen, die das Rohr bilden. Das millimeterdünne Holz stammt aus Wäldern im Mittelland.

Hier unterscheidet sich die Bauweise von Emmenegger ebenfalls von jener seiner Kollegen, welche auch den Rohrteil aus dem Holz herausfräsen würden. Mit seiner Methode ist Emmenegger etwas flexibler bei der Gestaltung. «Für den Klang ist das Rohr allerdings nicht so entscheidend.»

Hingegen habe das Mundstück – dieses ist aus Oliven- oder Zwetschgenholz gefertigt – einen grossen Einfluss auf den Klang des Horns. «Das Stück zu finden, das für den individuellen Spieler das passende ist, kann sehr schwierig sein.» Diverse Faktoren wie zum Beispiel Zahnstellung, Blastechnik oder Lungenvolumen würden dabei eine Rolle spielen. Wie aufwendig die Suche nach dem richtigen Mundstück sein kann, demonstriert die Kundin, die Emmenegger während unseres Gespräches besucht. Rund eine halbe Stunde lang probiert sie etwa zehn verschiedene Mundstücke aus, bis das geeignete gefunden ist.

Verzierungen sind nicht mehr so gefragt

Das komplette Alphorn besteht letztlich aus drei bis vier Einzelteilen, die sich mittels Verbindungsstücken aus Aluminium ineinanderschieben lassen. Emmenegger sagt:

«Alphörner aus einem einzigen Stück Holz gibt es heute eigentlich nicht mehr.»

Wenige würden noch aus zwei Teilen zusammengefügt werden. Andere bestünden bereits aus sechs Komponenten, um dem Bläser ein Höchstmass an Mobilität zu ermöglichen.

Der letzte Herstellungsschritt besteht schliesslich darin, das Holz zu lackieren und die Rohre mit einer Umhüllung zu versehen. Für die Ummantelung der Rohre greift Emmenegger zu Peddigrohr – dünn geschnittenen Holzblättern, mit denen auch Körbe oder Stuhlsitzflächen geflochten werden. «Das wird bereits seit etwa 120 Jahren so gemacht», sagt Emmenegger.

Bei der Lackierung ist wiederum Fingerspitzengefühl gefragt. «Unbehandelt würde das Holz zu viel Klang schlucken. Zu viel Lack wäre wiederum auch nicht gut, weil dann der charakteristische Klang verloren ginge.» Das Instrument würde dann zu sehr wie eine Trompete oder dergleichen klingen. Farblich setzt Emmenegger auf Schlichtheit. Sein Lack verändert den hellen Holzton seiner Instrumente kaum. Selten würde er auch zu dunkleren Lacken greifen. Schlichtheit ist auch bei der Verzierung angesagt. «Nicht mehr oft gewünscht wird, dass ich das Alphorn auf dem Endstück mit einer Bemalung verziere.»

Insgesamt nimmt die Anfertigung eines Alphorns rund 50 Arbeitsstunden in Anspruch. Pro Jahr stellt Emmenegger 15 bis 25 Exemplare her. Daneben nehmen auch die Reparaturaufträge einiges an Zeit in Anspruch. Zu haben ist ein Alphorn bei ihm für 4200 bis 5000 Franken. Das sei etwas teurer als der Schnitt, dafür hätten seine Hörner eine Lebensdauer von etwa 30 Jahren.

Kundschaft geht ans Jodlerfest

Nebst den Käufern, die das Horn hobbymässig und eher traditionell blasen, hat Emmenegger auch Profis unter seinen Stammkunden. Dazu zählt beispielsweise der Basler Alphornist Balthasar Streiff, der damit Musik erzeugt, die für das Instrument eher atypisch ist. Zusammen mit Streiff hat Emmenegger eine Alphornvariante entwickelt, die optisch aufgrund ihres Knicks in der Mitte etwas an ein Saxofon erinnert:

(Bild: streiffalphorn.ch)

(Bild: streiffalphorn.ch)

Obwohl Emmenegger seine Hörner eher in schlichtem Design anfertigt, sind seine Kunden zu einem grossen Teil Leute, die es auf traditionelle Weise spielen. «Viele davon stammen aus Obwalden und dem Entlebuch, wo auch zahlreiche junge Leute Alphorn spielen – dies oft sehr gut.» Auch in anderen Teilen des Kantons Luzern sowie in Schwyz habe er einige Kunden. «Viele sind sicher auch am Jodlerfest in Horw anzutreffen.»

Alphorn: Wer hat's erfunden?

Wo genau das Alphorn seine Ursprünge hat, ist nicht gänzlich geklärt. Klar ist hingegen, dass es spätestens seit dem 16. Jahrhundert in der Schweiz Verwendung fand. Belegt ist dies unter anderem durch einen Kassenbucheintrag des Klosters St. Urban. Darin ist festgehalten, dass ein Alphornbläser 1527 vom Kloster für seinen Auftritt Geld erhielt.

Benutzt wurde es bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts vorwiegend von Hirten. Einerseits sollen sie durch die Alphornklänge ihre Kühe zum Stall gerufen haben. Auch von einer beruhigenden Wirkung auf die Tiere ist die Rede. Andererseits wird davon berichtet, dass die Alpenleute das Horn im Winter als Bettelinstrument verwendet hätten. Dadurch sei es im 17. und 18. Jahrhundert in Verruf geraten.

Durch den aufkommenden Tourismus des 19. Jahrhunderts gewann das Alphorn als Attraktion für Reisende wieder an Ansehen. «Aber erst in den 1960er- und 1970er-Jahren stieg das tatsächliche Interesse der Schweizer an diesem Instrument, sodass es zum Schweizer Volksinstrument wurde», wie es auf der Webseite der Uni Basel heisst. (lur)

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