Dieser Stadtluzerner sucht offline eine Wohnung – und fühlt sich benachteiligt

Was tun, wenn man nicht online gehen will oder kann? Der «Analogist» Arturo Diaz ist ein Beispiel für all jene, die sich der Digitalisierung entziehen – und deshalb von der Gesellschaft abgehängt werden. 

Simon Mathis
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«Ich werde wie ein Analphabet behandelt»: Arturo Diaz, hier zu sehen in seiner Wohnung an der Bundesstrasse, verweigert sich der Digitalisierung – und bekommt das zu spüren.

«Ich werde wie ein Analphabet behandelt»: Arturo Diaz, hier zu sehen in seiner Wohnung an der Bundesstrasse, verweigert sich der Digitalisierung – und bekommt das zu spüren.

Bild: Dominik Wunderli (18. Dezember 2019)

Er nennt seine Wohnung an der Bundesstrasse ein «Museum», sich selbst einen «Punk» und «Anarchisten» – der 65-jährige Stadtluzerner Arturo Diaz, der früher im Sedel als Performer auf sich aufmerksam machte, fällt auch heute noch auf. Der Pensionär sucht zurzeit eine neue Wohnung, hat es damit aber nicht leicht: Er ist nämlich seit über 20 Jahren selbst ernannter «Analogist». Diaz hat dem Internet abgeschworen; er macht sich also ohne Websites, E-Mails und Smartphone auf die Wohnungssuche.

Das ist heutzutage fast ein Ding der Unmöglichkeit. Die Zeit der Print-Wohnungsinserate ist vorbei, die allermeisten Angebote finden sich nur noch auf Webportalen. Für Arturo Diaz ist diese unausgesprochene Pflicht zum Digitalen ein Ärgernis. «Analog kommt man an immer weniger Informationen», sagt Diaz. «Ich bin aufgeschmissen, disqualifiziert. Mich stört, dass immer weniger offline funktioniert. Ich wünsche mir Alternativen für Leute, die auf das Gedruckte schwören, zum Beispiel eine Plattform für Wohnungssuchende.» Als Digitalverweigerer fühlt sich Diaz zunehmend ausgegrenzt:

«Wenn ich sage, dass ich keine E-Mail-Adresse habe, werde ich zwar nicht gerade ausgelacht, aber wie ein Analphabet behandelt.»

Diaz hat sich bei uns gemeldet, weil er ein Beispiel abgeben will für Menschen, die unter der Digitalisierungspflicht leiden. Als pensionierter Grafiker und Fotolithograf liegt Diaz auch das Ästhetische am Herzen: «Ein schön gestaltetes Inserat, eine berührende Todesanzeige, dieses Persönliche und Handfeste verliert im Internet allen Wert.» In seiner Wohnung, die tatsächlich wie ein Museum aussieht, hängt denn auch viel Gedrucktes: Postkarten, Poster, Skizzen. Sie sind bunt, fantasievoll und manchmal düster. Für Freunde gestaltet er jedes Jahr einen Kalender, Weihnachtsgrüsse verschickt er auf Postkarten. Sein Telefon hat noch eine Drehscheibe.

Arturo Diaz in seiner Wohnung.

Arturo Diaz in seiner Wohnung. 

Bild: Dominik Wunderli, Luzern, 18. Dezember 2019

Der Widerwille ist nicht nur bei Älteren da

Hilfe erhält Arturo Diaz von der Pro Senectute. Eine sogenannte «Assistenz Wohnen» druckt Inserate für ihn aus, schreibt ihm Telefonnummern heraus. «Diese Unterstützung ist je nach Betroffenen unterschiedlich intensiv», sagt Ruedi Fahrni, Geschäftsleiter von Pro Senectute Kanton Luzern. Das kann von der Suche über die Besichtigung bis hin zur Verhandlung mit der Verwaltung und zur Hilfe beim Umzug gehen.

«Manchmal müssen wir die Sorgen der Vermieter relativieren», so Fahrni. Bei älteren Mietern sei die Unsicherheit, ob sie zahlen können, tendenziell und unbegründet grösser. Die Wohnassistenten arbeiten auf freiwilliger Basis für die Pro Senectute. Fahrni: «Wir sind über alle froh, die sich freiwillig für die Älteren engagieren.» Die Digitalisierung bereite älteren Semestern nicht nur bei der Wohnungssuche Schwierigkeiten. «Es gibt eine Vielzahl an Fragen, die sich heute nur noch online beantworten lassen», hält Fahrni fest.

«Wer offline ist, wird abgehängt.»

Dass die Wohnungssuche ein grosses Thema ist, bestätigt auch Evelyne Schrag, Leiterin der «Anlaufstelle Alter» der Stadt Luzern. «Günstigen Wohnraum für ältere Leute zu finden ist fast nicht mehr möglich. Hinzu kommen die technologischen Hürden, die es erschweren, überhaupt Angebote zu finden.» Die Anlaufstelle Alter hat eine Vermittlerrolle: Sie verweist je nach Anfrage auf eine der zahlreichen Altersorganisationen. Dazu gehört neben der Pro Senectute auch das Infozentrum Rex der Stadt Luzern, das niederschwellig Hilfe anbietet, etwa in Form von öffentlichen Computern und Infoblättern.

Mit seiner Entsagung vom Internet ist Arturo Diaz nicht allein. «In der Gesellschaft wächst der Widerwille gegen die schleichende Digitalisierung», sagt Sophie Mützel, Professorin für Soziologie an der Universität Luzern.

«Das Gefühl des Nicht-Teilnehmen-Wollens zieht sich quer durch die Gesellschaft.»

Es sei Alten wie Jungen bekannt. «Es gibt ein neues, verstärktes Bedürfnis nach Unterschiedlichkeit», so Mützel. «Die Menschen wollen vermehrt die Wahl haben, auch nicht-digital zu handeln.» Wer sich dem Digitalen verweigere, werde von vielen als Kuriosum angesehen, was schade sei.

Eine gewisse Holschuld gibt es doch

Der Mieterinnen- und Mieterverband erhält regelmässig handgeschriebene Briefe von Personen in ähnlichen Situationen. Im Schnitt seien diese über 80, lebten mehrere Jahrzehnte in der gleichen Wohnung und müssten diese innerhalb weniger Monate verlassen, sagt Cyrill Studer Korevaar, Geschäftsleiter des Verbandes. «Sie leiden daher unter Stress.»

Die betroffenen Personen hätten aber auch eine gewisse Holschuld. Wer eine Wohnung suche, müsse sich immer aktiv darum bemühen. «Vermieter können das Medium selber wählen, gedruckte Wohnungsinserate sollen freiwillig bleiben», sagt Studer. Man komme fast nicht darum herum, sich mit den neuen Medien zu befassen. Unterstützung dabei könnten neben Organisationen auch Verwandte, Bekannte und Nachbarn bieten, so Studer.

Arturo Diaz indes bleibt dem Analogen treu: «Ich fühle mich sehr wohl ohne Internet und vermisse es keine Sekunde. Aus der digitalen Welt auszusteigen war die richtige Entscheidung.»