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Interview

Dieser Vitznauer fährt mit dem Traktor an die Fussball-WM

Werner Zimmermann (55) aus Vitznau hat verrückte Ideen. Er ging auf eine Jeep-Rally nach Timbuktu, hisste die grösste Schweizerfahne des Landes und nun will er auf dem Landweg an die Fussball-WM nach Russland – natürlich mit einem speziellen Fahrzeug.
Roger Rüegger
Werner Zimmermann von Vitznau fährt mit diesem Traktor nach Kaliningrad an die Fussball-WM. (Bild: Herbert Zimmermann; 9. März 2018)

Werner Zimmermann von Vitznau fährt mit diesem Traktor nach Kaliningrad an die Fussball-WM. (Bild: Herbert Zimmermann; 9. März 2018)


Werner Zimmermann, Sportfans unternehmen allerlei, um ein Team zu begleiten. Sie fahren mit zwei Kollegen mit einem Traktor-Oldtimer durch halb Europa, um die Fussball-Nationalmannschaft zusehen. Überschreiten Sie die Grenze des Normalen nicht ein wenig?

Das tun wir sicher. Aber ich kann eigentlich nichts dafür, denn mir wurde das ungewöhnliche in die Wiege gelegt. Meine Geburt war schon nicht normal. Im Februar 1963 lag viel Schnee, sodass unser Haus oberhalb Vitznau nicht mit dem Auto erreicht werden konnte. So musste meine hochschwangere Mutter auf einem Schlitten ins Tal fahren, um ihr siebtes Kind zu gebären.

Ein guter Start. Dennoch, mit dem Schlitten die paar Meter nach Vitznau zu fahren ist weniger strapaziös, als euer Vorhaben. Geben sie es doch zu; Sie haben bloss keinen Flug gefunden und machen nun das Beste daraus…

Es ist etwas komplizierter. Während der Gewerbeausstellung in Weggis, an der ich mit meinem Kollegen Beat Studer den ganzen Tag unterwegs war, spielte die Schweiz gegen Nordirland das Barrage-Spiel für die WM-Teilnahme. Wir beide verfolgten den Match in einer Beiz am Fernsehen. Danach stiessen wir auf den Sieg an. Beat sagte, dass wir unbedingt nach Russland reisen müssten, um die Schweizer anzufeuern. Ich stimmte zu unter der Bedingung, dass wir mit einem seiner Traktoren fahren. Wir besiegelten die Sache per Handschlag.

Wieso kompliziert, klingt doch einfach?

An diesem Abend war natürlich etwas Alkohol im Spiel. Deshalb brauchte es später von meiner Seite her etwas Überzeugungsarbeit. Aber jetzt ist alles klar.

Fliegen war also keine Option?

Als bei der Auslosung feststand, dass die Schweiz in Kaliningrad spielen wird, stand die Geschichte. Die Stadt liegt in Ostpreussen und ist nur 1800 Kilometer entfernt.

Da haben Sie ja Schwein gehabt. Wie lange soll die Reise dauern?

Wir rechnen mit rund zwei Wochen, wenn alles rund läuft. Am 8. Juni fahren wir los. Am 22. spielt die Nati in Kaliningrad gegen Serbien.

Ist der Traktor für diese Tour speziell ausgestattet – und haben Sie sich vorbereitet?

Das Fahrzeug ist wie es ist. Weil die Maschine noch nicht über eine Servolenkung verfügt, haben wir während einem Jahr unsere Arme im Fitnesscenter trainiert. Nein, das ist Quatsch. Wir treten die Reise an, ohne vorherige Testfahrt. Machen Sie mir jetzt nicht noch Angst im Vorfeld, wir machen uns bereits Gedanken.

Wie geht’s überhaupt retour?

Wir werden von einem Kollegen mit dem Wohnmobil begleitet. Schlafplätze und Werkzeug sind also vorhanden. Auf dem Rückweg verladen wir den Traktor in Polen und setzen die Reise mit dem Wohnmobil fort.

«So etwa alle zehn Jahre muss etwas Verrücktes passieren, sonst ist mir nicht wohl in meiner Haut.»

Haben Sie schon immer schräge Ideen umgesetzt?

So etwa alle zehn Jahre muss etwas Verrücktes passieren, sonst ist mir nicht wohl in meiner Haut. Mit 35 habe ich an einer langweiligen Sitzung des Tourismusverein Vitznau den Vorschlag geäussert, die grösste Schweizerfahne des Landes an die Rigi zu binden. Ich wollte, dass man über Vitznau im ganzen Land spricht – und so war’s auch. Und mit 23 habe ich mich selbstständig gemacht, das war für meine Verhältnisse damals auch eine verrückte Idee.

In den paar Minuten, in denen wir uns bis jetzt unterhalten, klingelt Ihr Telefon fast ohne Unterbruch. Wie können Sie als selbstständiger Mechaniker mit einer Autogarage drei Wochen verreisen?

Ich kann eigentlich nicht. Aber ich muss einfach. Wenn ich mir etwas vorgenommen habe, wird die Sache durchgezogen. Danach habe ich einen freien Kopf und kann mich wieder der Arbeit widmen. Denn von der ist genug vorhanden.

Ein weiteres Abenteuer war eine Jeep-Rally nach Timbuktu in Mali. Was war die Mission?

Die hat sich auch ergeben. Einer aus dem Dorf fuhr einen älteren Toyota mit Vierradantrieb. Nachdem das Auto ausgedient hatte, wollte er die Maschine nicht einfach wegwerfen, sondern nach Afrika in den Export geben. Dies wollte er aber nicht einem Händler überlassen, der den Wagen mit einem Anhänger abführt, sondern er wollte das Teil selber runterfahren. So ist eine Gruppe mit fünf ähnlichen Fahrzeugtypen nach Afrika gefahren.

Sind Sie ein Abenteurer und deshalb stets auf solchen Reisen?

Die Erlebnisse unterwegs waren unbezahlbar. Wenn man sich Zeit auf einer Reise nimmt, kommt man der Bevölkerung nahe. Dafür muss man nicht andere Kontinente aufsuchen. Unser Alphorntrio unternahm eine Reise mit dem Zug. Wir würfelten, wohin die Fahrt gehen sollte und landeten in Basel. Wir spielten zuerst an der Messe und später auf einem grossen Platz, wo uns prompt ein Polizist die Verordnung über Strassenmusik vorlas. Die Passanten aber forderten uns auf, weiter zu spielen. Später in Zürich und auf der Heimreise haben wir mit vielen Leuten gute Gespräche gehabt. Solches erlebt man nicht, wenn man auf normale Art reist.

Es muss also immer speziell sein. Gibt es auch eine Abweichung von der Norm, wenn man in Ihrer Werkstatt ein Auto reparieren lässt?

Wer sein Auto bringt, erhält es repariert zurück. Aber im selben Zustand, in dem ich es entgegengenommen habe. Das heisst: Ich putze keine Fahrzeuge, wie dies andere Werkstätten machen.

Dafür putzen Sie am Jasstisch. Als der Donnschtigsjass in Vitznau war, wurden Sie – wer hätte das gedacht -Jasskönig...

... und auch am Samschtigjass spielte ich mit und siegte. Ich bin einer der wenigen, wenn nicht der einzige, der beide Titel trägt.

Super. Ich recherchiere und Sie setzen stets noch einen drauf. Blicken wir wieder in die Zukunft, nach Russland. Ich erwarte bei dem Match, dass eine riesige Schweizerfahne über die Tribüne gezogen wird. Sie holen doch das Teil vor der Abreise bestimmt von der Rigi runter?

Am liebsten schon. Aber beim Einlass ins Stadion gäbe es vermutlich Ärger. Also lasse ich es lieber bleiben. Aber wenn die Fussballer ähnlich gut abschneiden wie die Eishockeyspieler, lade ich die Mannschaft im September ein, uns beim Einholen der Fahne auf der Rigi zu helfen.

Das würden wir journalistisch auch begleiten. Sie sagten mir am Telefon, bevor wir uns trafen, dass jeder Tag, an dem nicht gelacht wird, ein verlorener ist. Wie sehr kann Ihre Frau und Ihre Familie darüber lachen, dass Sie mit einem Traktor nach Russland fahren?

Meine Frau kennt meine Ideen und kann gut damit leben, wenn ich einige Zeit ausser Haus bin. Und zwei meiner Brüder sowie ein Schwager fliegen nach Russland und erwarten uns dort am 22. Juni. Das Empfangskomitee ist also anwesend. Ob auch wir mit dem Traktor ankommen, bleibt die Frage.

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