Digitalstrategie Stadt Luzern: Alle sollen Ideen für die «Smart City» liefern

Die Stadt Luzern will in Sachen Digitalisierung Spitze werden. Ein Experte der Hochschule Luzern mahnt: Innovation kann nicht in erster Linie aus der Stadtverwaltung kommen. Deshalb sollen Wirtschaft und Bevölkerung eine zentrale Rolle spielen.

Robert Knobel
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Teilnehmer eines «Hackathons» in Zürich 2017: Ihre Aufgabe war es, aus der Datenflut der Zürcher Verkehrsbetriebe neue, nützliche Anwendungen zu generieren. (Bild VBZ)

Teilnehmer eines «Hackathons» in Zürich 2017: Ihre Aufgabe war es, aus der Datenflut der Zürcher Verkehrsbetriebe neue, nützliche Anwendungen zu generieren. (Bild VBZ)

Am Donnerstag debattiert das Luzerner Stadtparlament über die «Digitalstrategie Stadt Luzern». Seit der Stadtrat das über 100 Seiten starke Werk Anfang Februar präsentiert hat, wird es in der Öffentlichkeit intensiv und kontrovers diskutiert. Die Kritik zielt hauptsächlich auf den Vorwurf, der Stadtrat wolle mit der Digitalstrategie weniger Innovationen fördern als vielmehr die Stadtverwaltung um- und ausbauen (wir berichteten).

Kritisiert ist schnell – doch die Frage, wie die Digitalisierung das öffentliche Leben in der Stadt  verändern soll, ist nicht so einfach zu beantworten. Dies umso mehr, als auch die meisten anderen Städte – in der Schweiz und anderswo – sich schwer tun mit dem digitalen Weg. Ideen und echte Innovationen sind meist erst ansatzweise zu erkennen – sei es mit Sensoren, die freie Parkplätze oder volle Abfallkübel melden, oder mit einer Mängel-App wie in Zürich, mit der die Bürger Probleme oder Beschädigungen im öffentlichen Raum melden können.

«Kreative Köpfe schaffen Mehrwert»

Doch was ist in Zukunft noch alles möglich? Und welche Rolle sollen die Stadtbehörden dabei spielen? Andreas Brandenberg ist Leiter des Instituts für Kommunikation und Marketing (IKM) an der Hochschule Luzern und Spezialist für «Data Science». Er sieht ein grosses Innovations-Potenzial bei der Zusammenarbeit zwischen Behörden, Wirtschaft und Bevölkerung. Das könnte zum Beispiel so aussehen: Die Stadt stellt ihren umfangreichen Datenschatz zur Verfügung  – «und aus diesen Daten können kreative Köpfe Mehrwerte schaffen», wie Brandenberg sagt. Einige Städte wie Zürich haben dies mit sogenannten «Hackathons» schon durchgespielt. Die Assoziation zum Begriff «Hacker» ist dabei irreführend, da es nicht darum geht, Systeme zu hacken, sondern Datenquellen sinnvoll zusammenzuführen und daraus neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Die Zürcher Verkehrsbetriebe (VBZ) organisierten 2017 einen öffentlichen Hackathon: Sie stellten den Teilnehmern Betriebsdaten aus der Vergangenheit zur Verfügung und gaben ihnen den Auftrag, innert kurzer Zeit etwas Nützliches daraus zu machen. Eines der Teams hatte beispielsweise das Ziel, Verspätungen von Trams besser voraussagen zu können. Dabei versuchten sie, aus früheren Verspätungen, Fahrzeuginformationen und Wetterdaten gewisse Muster herauszulesen. Ein anderes Team befasste sich mit der Frage, welche Tramlinie von welcher Art von Passagieren benutzt wird (z.B. Studenten, Spitalbesucher) Daraus ergaben sich wiederum Rückschlüsse auf die optimale Angebotsgestaltung.  Konkrete Massnahmen wurden daraus vorerst aber nicht abgeleitet, wie VBZ-Sprecherin Elina Fleischmann sagt. «Der Hackathon war auch für uns ein Lerngebiet, um wichtige Erfahrungen zu sammeln».

Stadt Luzern will ihre Daten-Schatzkammer öffnen

Andreas Brandenberg führt mit seinen Studierenden regelmässig Hackathons durch. Er könnte sich gut vorstellen, dies künftig auch im Kontext der Stadtbehörden zu tun. Voraussetzung dafür ist aber, dass die Stadt ihre Datenschätze möglichst umfassend zur Verfügung stellt. Die Stadtluzerner Digitalstrategie enthält denn auch ein Bekenntnis zum Prinzip «Open Government Data», bei dem Daten der öffentlichen Hand einem breiteren Nutzerkreis zugänglich gemacht werden – von der ÖV-Verspätungsstatistik  bis zur aktuellen Bevölkerungsstruktur in einer Strasse. Doch das alleine genüge noch nicht, so Brandenberg. «Die Stadt sollte die Leute aktiv dazu motivieren, diese Daten zu nutzen und etwas Nützliches daraus zu machen». Denn der Prozess der Ideenfindung könne nicht allein durch eine Verwaltung oder eine Fachstelle erfolgen – «so kompetent diese auch immer sein mag», wie Brandenberg hinzufügt. Auch er bemängelt daher «gewisse Tendenzen einer Nabelschau» in der städtischen Digitalstrategie, die sich viel zu sehr auf die Digitalisierung von bestehenden Prozessen innerhalb der Stadtverwaltung beschränke. 

Parteien wollen die Digitalstrategie nachbessern

Die Stadtluzerner Parteien haben inzwischen ebenfalls signalisiert, dass sie an der Stadträtlichen Strategie Korrekturen anbringen wollen. Eine Motion aus der Geschäftsprüfungskommission (GPK) fordert, dass dem Bereich Smart City mehr Beachtung geschenkt wird. Konkret solle die Digitalisierung dazu genutzt werden, Ressourcen effizienter einzusetzen, die Partizipation der Bevölkerung zu erhöhen und die Chancengleichheit zu verbessern. Zudem soll die Stadt ihre Daten gemäss oben erwähntem Prinzip möglichst niederschwellig für alle Interessierten zur Verfügung stellen.