DIPLOMFEIER: «Der Entscheid reifte über Monate»

Die Theologische Fakultät hielt am Freitag ihre Abschlussfeier. Unter den Diplomierten ist auch Bartek Migacz – er hatte zuvor noch nie etwas von der Uni Luzern gehört.

Ismail Osman
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Bartek Migacz (28) vor dem Bourbaki- Panorama in Luzern. (Bild Roger Grütter)

Bartek Migacz (28) vor dem Bourbaki- Panorama in Luzern. (Bild Roger Grütter)

Es ist ein langer Weg vom südpolnischen 400-Seelen-Dorf Muszynka nach Luzern. Eigentlich ist es nach überallhin ein weiter Weg – alleine schon 150 Kilometer nach Krakau. Im beschaulichen Dörfchen wuchs Bartek Migacz (28) auf. Die gestrige Diplomübergabe ist Gelegenheit, auf den weiten Weg zurückzublicken, den er in den vergangenen sieben Jahren zurückgelegt hat – sowohl physisch wie auch spirituell.

Früh vom Plan abgekommen

«Ich konnte praktisch kein Wort Deutsch und von einer Uni in Luzern hatte ich noch nie gehört», sagt Migacz, und kann sich ein mildes Lächeln nicht verkneifen. Sein gesamtes Theologiestudium in Luzern zu absolvieren, war jedenfalls definitiv nicht sein ursprünglicher Plan. «Nach der Matura 2005 studierte ich zunächst Ökonomie. Doch bereits in dieser Zeit formierte sich der Gedanke, Priester zu werden», sagt Migacz. Zwar war er bereits seit seiner Jugend in die Kirche eingebunden – als Ministrant und später als Leiter einer kirchlichen Jugendgruppe. «Der Entscheid, mich für das Priesterseminar zu bewerben, reifte aber über viele Monate hinweg.»

2007 wagt er den Schritt und wird prompt im Priesterseminar in Lublin aufgenommen – nur um direkt nach Luzern geschickt zu werden. «Nach zwei Wochen am Seminar wurde ich angefragt, ob ich nicht für mindestens ein Jahr nach Luzern kommen möchte. Ich habe nicht gezögert, zuzusagen.»

Bei Ankunft kein Wort Deutsch

In Luzern angekommen, gilt es gleich mehrere Kulturschocks zu überwinden. «Mir wurde sofort klar, dass ich mein eigentliches Studium gar nicht beginnen kann, bevor ich nicht grundlegende Deutschkenntnisse habe», erzählt Migacz. Er verbringt ein Jahr mit intensivem Deutschunterricht und ein zweites Jahr in einem Einführungsjahr für Priesterkandidaten in Chur. «Erst 2009 begann mein eigentliches Studium.»

Seit gestern besitzt er nun offiziell den Abschluss in Kirchengeschichte. Seinen Fokus legte er in seinem Studium auf die Rolle der katholischen Kirche in Polen in den Jahren zwischen 1980 und 1989 – also der letzten Dekade des Kommunismus.

Warnungen vor Luzerner Liberalität

Migacz ist also weit länger als nur ein Jahr in Luzern geblieben. Was hielt ihn in der Zentralschweiz? «Dass ich zuvor nichts von dieser Universität wusste, hat mir geholfen, ein ganz eigenes Bild von ihr zu machen. Als ich begann, mich über die Uni schlau zu machen, stiess ich auf warnende Stimmen, die von einem sehr liberalen Ansatz der Theologie sprachen.» Bestätigt hätten sich diese Gerüchte aber nicht. «Ich habe hier keine Häresie gelernt, soviel kann ich versichern», sagt er mit einem Lachen. «Ich hatte im Gegenteil eine sehr positive Erfahrung – gerade auch was die vermeintlich liberaleren Aspekte betrifft.»

Als Beispiel nennt Migacz die Rolle der Laien, die hierzulande in vielen Pfarreien leitende Rollen übernehmen. «Auch ich dachte zunächst: ‹Wie kann das sein? Das geht doch nicht, dass Laien solch wichtige und komplexe Aufgaben übernehmen sollen›.» Er habe aber schnell erkannt, wie hochstehend die Ausbildung von Laien sei und mit welchem Effort diese sich in den Pfarreien einsetzten. «Das Potenzial dieses Modells wäre für viele Kirchen bereichernd, auch für jene in Polen – vor einer solchen Öffnung ist man aber noch weit entfernt.»

100-prozentiger Einsatz

Für Bartek Migacz selbst kam das Laien-Dasein aber nie in Frage. «Wie gesagt, war es keine schnelle Entscheidung, aber es war eine klare», erklärt der junge Priesterkandidat. «Mein Ansatz ist dieser: Ich will mich zu 100 Prozent für die Kirche einsetzen. Hätte ich eine Familie, so hätte ich diese Freiheit schlicht nicht mehr.» Zuhause hätte kaum jemand seine Entscheidung hinterfragt. «Erst hier in der Schweiz wurde ich mit Fragen über den Sinn des Priesteramtes, dem Zölibat und ähnlichem konfrontiert.» Doch auch hier seien die Fragen nie beleidigender oder abschätzender Natur gewesen.

Während seiner Studienzeit machte er auch praktische Erfahrungen. «Dabei wurde mir unmissverständlich bewusst, dass das Amt des Priesters kein Relikt aus alten Tagen ist, sondern von den Menschen immer noch gewünscht und geschätzt ist. Doch was macht dieses Amt für ihn aus, dass er bereit ist, sein gesamtes Leben darin zu investieren? «Für mich ist es die nahe Begleitung der Menschen – von der Taufe zur Firmung bis hin zum Tod.»

«Es gibt mehr als genug zu tun»

Mit der gestrigen Diplomvergabe ist Bartek Migacz’ Weg noch lange nicht abgeschlossen: Seine erste Stelle hat er bereits – im Pastoralraum im aargauischen Mutschellen. Dort wird er 2016 zum Priester geweiht und mindestens bis 2018 tätig sein – eine Rückkehr nach Polen schliesst er für die vorhersehbare Zukunft aus, denn «es gibt hier mehr als genug zu tun.»

Und was rät ein angehender Priester einem jungen Menschen, der sich für das Theologiestudium interessiert? «Die Türen der Universität stehen weit offen – nutzt die Gelegenheit.»

 

Sie alle haben ihr Diplom erhalten

Am Freitag fand die Diplomfeier der Theologischen Fakultät der Universität Luzern statt. An der Feier wurden 23 Bachelor- und 12 Masterdiplome sowie eine Doktoratsurkunde übergeben.

Bachelor Theologie:Bachmann Aline, Sempach LU; Baudry Dominique, Antwerpen (B); Baumgartner Marco, Buochs NW; Buchert Christoph, Zuzwil SG; Fritsche Theresia Martina, Appenzell AI; Furrer Stefan, Saas-Balen VS; Graf Pascal, Dulliken SO; Lottenbach Mary-Claude, Greppen LU und Weggis LU; Menet Annabel, Gais AR; Pereira Suhas, Gass, Vasai (IND); Reinmüller Karin, Geislingen/Steige (D); Rychlá Katarina, B. Bystrica (SK); Schmid Samuela, Oberegg AI; Stöckli Mario, Menznau LU; Vogt Christa, Grenchen SO.

Master Theologie: Balducci Gabriele Carlo, Aarau AG; Caluzi Anton, Dornbirn (AT); Jäggi Christian, Basel BS und Meggen LU; Migacz Bartlomiej, Krynica-Zdrój (PL); Rychlá Katarina, B. Bystrica (SK); Schmitt Volker, Illingen (D); Schürmann Flavia, Egerkingen SO; Schwegler Ursula, Egolzwil LU; Spangenberg-Pavlovic Nedjeljka, D. Skakava (HR); Stüttgen Manfred, Zug ZG; Yacoubian Natalie, Schaffhausen SH.

Bachelor Religionspädagogik: Amstutz Edi, Engelberg OW; Arndgen Brigida, Lachen SZ; Casagrande Ramona, Menzingen ZG; Hochstrasser Jonas, Solothurn SO; Monferrini Romina, Wynigen BE; Pally Robert, Curaglia GR; Qerkini Mike, Kreuzlingen TG; Steiner Peter, Hohenrain LU und Schenkon LU.

Master Religionslehre: Wakefield Melanie, Unterseen BE

Sonderstudienprogramm: Marra Francesco, Cosenza (I)

Publikation einer Dissertation: Stockhoff Nicole, Gescher (D). «Wenn liturgisches Denken Wirklichkeit trifft. Das liturgietheologische Werk von Angelus A. Häussling (OSB) und dessen Transformationen auf die Empirie der Zweiten Schweizer Sonderfallstudie»