Kolumne
Direkt aus Bern: «Der Wertewandel und die neue Wertschätzung seit Ausbruch des Coronavirus werden – hoffentlich – andauern»

In der Kolumne «Direkt aus Bern» macht sich Leo Müller, CVP-Nationalrat aus Ruswil, Gedanken darüber, wie stark sich die Coronakrise in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft bemerkbar macht.

Leo Müller
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Leo Müller, CVP-Nationalrat.

Leo Müller, CVP-Nationalrat.

Bild: Keystone

Wohl niemand hat sich Frühjahr und Vorsommer 2020 so vorgestellt. Jetzt sind wir daran, langsam in die (hoffentlich) gesundheitliche Nach-Coronazeit übergehen zu können. Wohl alles wird nicht mehr so sein wie vorher: Es wird eine neue Normalität geben.

Während der Coronazeit hat sich einiges bewegt. Viele Leute sind sich wieder bewusst geworden, wie wichtig es ist, in einem familiären, lokalen oder regionalen Netz eingebunden zu sein und dieses zu pflegen. Und ich stelle fest: Die Sicherheit für eine verlässliche Gesundheits- und Medikamentenversorgung, aber auch für eine verlässliche Versorgung mit Nahrungsmitteln hat an Bedeutung gewonnen. Die vermehrten Einkäufe von regional produzierten Nahrungsmitteln zeigt dies. Dieser Wertewandel und die neue Wertschätzung werden – hoffentlich – andauern. Das wird eine neue Normalität.

Zu bewältigen sind auch die einschneidenden wirtschaftlichen Folgen von Corona. Viele Gewerbebetriebe haben «zu beissen». Der Rückgang der Wirtschaftsleistung und die ersten Entlassungen sind da erst Vorzeichen. Zu bewältigen sind ebenso die finanziellen Folgen. Die Neuverschuldung des Bundes wird 30 bis 50 Milliarden Franken betragen. Möchten diese Schulden gemäss Regelung in der Schuldenbremse abgebaut werden, wäre dies ein Betrag von fünf Milliarden Franken pro Jahr. Zudem rechnet der Bundesrat, dass die Steuerausfälle pro Jahr rund fünf Milliarden Franken betragen werden. Dies alles heisst: Die Ausgaben des Bundes müssten um zehn Milliarden pro Jahr gekürzt werden. Das ist – und da sind sich alle einig – ein Ding der Unmöglichkeit. Da braucht es andere Lösungen; diese liegen noch nicht vor. Eines ist klar: Wir tun gut daran, jetzt nicht weitere Ausgaben zu beschliessen. Wir haben genug «zu beissen» beim Abbau des Coronaschuldenberges. Auch das ist eine neue Normalität, für eine ganze Generation.

Das Parlament tagt derzeit in den Messehallen der Bea-Expo in Bern. Es läuft so weit so gut. Und doch ist es anders. Es sind nicht nur andere Räumlichkeiten, nein: Es finden auch weniger Veranstaltungen statt und das Treffen mit anderen Personen ist schwieriger. Einige Parlamentarier geniessen das. Mir persönlich fehlt etwas: Die Politik lebt vom Austausch von Meinungen, von Argumenten und von Gesprächen. Das gehört zur Politik, und das fehlt im Moment. Zurzeit ist das auch eine neue Normalität.