Kolumne

Direkt aus Bern: Einblicke in den Alltag eines Plexiglas-Bundeshauses

Was machen unsere Nationalräte während der Session, in der Mittagspause und abends? Die Luzerner SVP-Nationalrätin Yvette Estermann gibt einen Einblick.

Yvette Estermann, SVP-Nationalrätin aus Kriens
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Yvette Estermann, SVP-Nationalrätin.

Yvette Estermann, SVP-Nationalrätin.

Bild: PD

Die Herbstsession in Bern findet unter speziellen Auflagen und Umständen statt. Obwohl die Plexiglaswände an unseren Schreibtischen gewöhnungsbedürftig sind, freuen sich alle, hier «zu Hause» tagen zu können und keine einfallslosen, kalten und abweisenden Ausstellungshallen mehr benutzen zu müssen.

Wie Sie wissen, sitzen wir im Nationalrat gut geschützt in kleinen Häuschen aus Plexiglas. Da ich als Stimmenzählerin in der Nähe der Präsidentin und zwischen zwei Rednerpulten sitze, laufen oft einige Kollegen in meine Plexiglaswände hinein. Das passiert ja bekanntlich auch den Vögeln, welche durchsichtige Glaswände nicht wahrnehmen können. Deshalb habe ich mit Bewilligung der Präsidentin einen roten Warn-Sticker auf meiner Seite angebracht: Vorsicht brennbar! Danach haben sich die Vorfälle ziemlich reduziert.

Min Li Marti (rechts) und Jon Pult fotografieren ein Abstimmungsergebnis.

Min Li Marti (rechts) und Jon Pult fotografieren ein Abstimmungsergebnis.

Bild: Alessandro Della Valle / Keystone (Bern, 10. September 2020)

Alle Plätze im Nationalrat haben eine Nummer. Einmal schrieb mir eine Kollegin eine nette Nachricht per E-Mail und beendete diese mit einem Gruss aus der Kabine XY. Da ich die Platznummer 5 habe, antwortete ich vergnügt: «Schöne Grüsse aus meiner Kabine – Nr. 5 lebt!» Eine kleine Anlehnung an den unvergesslichen Film mit einem liebenswürdigen Roboter.

Wer im Nationalrat während der Session bis letzten Mittwochmittag eine Frage einreichte, kann am nächsten Montag die Antwort des Bundesrates oder des Bundeskanzlers entgegennehmen und auch gleich eine Nachfrage stellen.

Es ist mir zu Ohren gekommen, dass der Bundesrat trotzdem – entgegen der Empfehlung seiner Taskforce betreffend eine Corona-Infektion – die Maskenpflicht im ÖV einführte. Ich wollte deshalb vom Bundesrat wissen: Warum akzeptierte er die Empfehlungen seiner hochkarätigen Experten nicht und wie hoch belaufen sich überhaupt die gesamten Kosten dieser Taskforce, für die letztlich der Steuerzahler aufkommen muss? Auf die Antwort des Bundesrates bin ich gespannt.

Es sieht so aus, als ob der Bundesrat bei den Coronamassnahmen jetzt einfach seine Macht ausspielt, die ihm das Volk durch die Annahme des Epidemiengesetzes 2013 zugestanden hatte. Sehr viele Menschen regen sich darüber auf und ich erhalte täglich Briefe und E-Mails. Doch müssen wir uns fragen: Wie habe ich damals abgestimmt? Ich sagte Nein. Und Sie?