Direktor der Invalidenversicherung tritt ab: «Die IV Luzern hat sich positiv gewandelt»

Ein Jahrzehnt stand Donald Locher (65) der IV Luzern als Direktor vor. Besonders herausgefordert haben den Stadtluzerner in dieser Zeit die Themen Versicherungsmissbrauch und diverse Gerichtsurteile – er durfte aber auch Erfolge feiern.

Roseline Troxler
Drucken
Teilen
Donald Locher vor seinem ehemaligen Arbeitsort. (Bild: Manuela Jans-Koch, Luzern, 21. Juni 2019)

Donald Locher vor seinem ehemaligen Arbeitsort. (Bild: Manuela Jans-Koch, Luzern, 21. Juni 2019)

Während zehn Jahren hat Donald Locher die Invalidenversicherung Luzern als Direktor geprägt. Ende Juni ging der 65-Jährige in Pension. Sein Nachfolger Rolf Born übernimmt per 1. September 2019. Bis zuletzt war Lochers Terminkalender noch prall gefüllt. Im Gespräch blickt er zurück auf seine Karriere: «Die IV Luzern hat sich in den letzten Jahren positiv gewandelt. Im Kanton Luzern ist es gelungen, ein Klima zu schaffen, das eingliederungsfreundlich ist. Das ist für mich die grösste Befriedigung.» Letztes Jahr erzielte die IV ein Rekordergebnis. Mehr als 1200 Personen konnten wieder eingegliedert werden.

Donald Locher hebt besonders das Engagement der kleinen und mittelgrossen Unternehmen hervor. «Bei den KMU wirkt sich der soziale Gedanke oft noch stärker aus.» Bei grösseren Firmen sieht der Stadtluzerner mehr Luft nach oben, wobei es durchaus positive Beispiele wie etwa 4B Fenster, Otto’s AG oder Galliker Transport AG gebe, um nur einige Beispiel zu nennen. Jährlich verleiht die IV Luzern solch vorbildlichen Unternehmen den mit 10'000 Franken dotierten IV-Award. Dieser wird durch eine Erbschaft von 1,4 Millionen finanziert. «Als ich den Anruf eines Anwalts mit dieser Neuigkeit erhielt, dachte ich, es will mich jemand auf den Arm nehmen», sagt Locher und schmunzelt.

Drängendere Probleme als das Thema Missbrauch

Beschäftigt haben den IV-Direktor, der rund 180 Mitarbeitern vorstand, Gesetzesrevisionen, Gerichtsurteile oder die Diskussion über Versicherungsmissbrauchsfälle. «Das Thema wird von der Bevölkerung stärker gewichtet, als es tatsächlich ein Problem ist. Die Anzahl Missbräuche ist klein.» Dennoch sei der Druck gross, auch von der Politik.

In die Schlagzeilen geriet die IV Luzern 2015, weil sie das Instrument von Hirnstrommessungen verwendete, um die tatsächliche Beeinträchtigung von psychisch Kranken zu überprüfen. Donald Locher meint zum Einsatz: «Dies war ein Projekt eines Teams von Psychiatern. Wir gerieten stark in die Kritik und ich innert 24 Stunden zum Experten für dieses Thema», sagt er. Er unterstreicht aber: «Diese Messung diente lediglich als Ergänzung nebst vielen anderen Diagnosemitteln und führte meist zu einem Entscheid zugunsten der Betroffenen.» Man habe das Projekt aber wieder gestoppt. Die Art Badekappe, mit der die Messungen vorgenommen wurden, befinde sich nun im Archiv.

Druck gab es auch von finanzieller Seite, wies die Eidgenössische Invalidenversicherung vor zehn Jahren doch Schulden in der Höhe von 15 Milliarden Franken auf. «In den letzten Jahren hat die IV schwarze Zahlen geschrieben und 5 Milliarden Schulden abgetragen», sagt Locher. «Unsere Sozialwerke stehen im Vergleich mit den Nachbarländern sehr gut da. Die Sozialversicherungen sind solide finanziert.»

In den letzten Jahren gab es auch immer wieder Gerichtsurteile, die Entscheide der IV bemängelten. Rund 50 Prozent der Verfügungen wurden vom Kantonsgericht hinterfragt. «Es ist wahr, dass das Luzerner Kantonsgericht relativ viele Fälle vor allem zu weiteren medizinischen Abklärungen zurückschickt. Aber die Zahl der Rückweisungen ist im Verhältnis zu anderen IV-Stellen nicht überdurchschnittlich hoch.» Zudem entschied das Bundesgericht 2015, dass künftig seitens IV ein ausführliches Beweisverfahren nötig ist. «Wir wurden verpflichtet, umfassender abzuklären. Versicherungsnehmer haben so eine noch höhere Sicherheit.» Es stelle sich aber die Frage, ob Aufwand und Ertrag noch im Verhältnis stehen.

Einen Umbruch erlebte die IV Luzern jüngst mit der Zusammenführung der Ausgleichskasse und der Dienststelle Wirtschaft und Arbeit (Wira) zum Sozialversicherungszentrum Luzern (WAS). «Es war ein sehr sportlicher und spannender Prozess. Nun sind alle drei existenzsichernden Versicherungen unter einem Dach. Das hat schweizweit Zukunftscharakter.» Künftig sollen die drei Stellen auch räumlich zusammengeführt werden. «Im Sommer wird informiert, wo das Zentrum mit über 600 Mitarbeitern entsteht.»

Mehr Jugendliche mit psychischen Problemen

Als künftige Herausforderung sieht Locher die steigende Zahl der Gesuche. «Leider gibt es vermehrt Jugendliche mit psychischen Beeinträchtigungen. Hier braucht es neue Instrumente für eine frühere Erfassung und längere Begleitung», führt er aus. Darauf ziele auch die nächste Revision der IV ab. Locher gibt sich zuversichtlich, dass es zu Verbesserungen kommt.

Einfluss auf die künftige Entwicklung werde auch die Digitalisierung haben, wodurch gewisse, einfache Tätigkeiten wegrationalisiert werden. Als Beispiel nennt er die Stiftung Wärchbrogg, die er künftig präsidieren wird. Sie erledigte früher beispielsweise den Versand von Prämienrechnungen für Krankenversicherungen, was heute automatisiert erfolgt. «Es braucht neue Aufgaben für Menschen mit Beeinträchtigungen. Institutionen wie Wärchbrogg, IG Arbeit oder Stiftung Brändi haben bisher jedoch erfolgreich auf die Entwicklungen reagiert.» Donald Locher hofft, dass dies auch in Zukunft gelingt: «Ich bin restlos davon überzeugt, dass es Leuten besser geht, die Teil des Arbeitsprozesses sein können, als jenen, welche zu Hause auf die Rente warten.»

Künftig setzt sich Locher ehrenamtlich für Menschen mit Beeinträchtigungen ein – unter anderen in der Wärchbrogg oder bei der Stiftung Roter Faden für Menschen mit Demenz sowie bei Ronald McDonald für Eltern von Kindern mit Geburtsgebrechen. Nächsten Frühling gibt es aber eine Auszeit. «Mit meiner Frau reise ich für drei Monate nach Rom. Wir lernten uns schliesslich im Italienisch-Kurs kennen und möchten die Sprache nun gemeinsam vertiefen.»