DIREKTOR: Dominique Mentha: «Ich will ein Haus, das vibriert»

Seit zehn Jahren leitet Dominique ­Mentha (58) das Luzerner Theater und hat das Haus wieder auf Erfolgskurs gebracht. Für sein Publikum plant er noch eine besondere Über­raschung.

Interview Kurt Beck
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«Ich will ein Haus, das vibriert» (Bild: Philipp Schmidli)

«Ich will ein Haus, das vibriert» (Bild: Philipp Schmidli)

Dominique Mentha, Sie wirken bereits seit zehn Jahren als Direktor des Luzerner Theaters. Haben Sie in dieser Dekade Ihre Erwartungen erfüllen und Ihre Vorstellungen verwirklichen können?

Dominique Mentha: Es lassen sich nie alle Ideen verwirklichen. Als ich meine Aufgabe übernahm, befand sich das Luzerner Theater in einer nicht einfachen Situation. Es ist uns gelungen, ein Theater aufzubauen, das für den Ort, das Publikum und die Zeit relevant ist. Wir haben das Haus geöffnet, junge Regisseurinnen und Regisseure, Bühnenbildnerinnen und Bühnenbildner nach Luzern geholt und verfügen inzwischen über ein Ensemble, das in allen drei Sparten ein höheres Niveau aufweist, als es üblicherweise in deutschsprachigen Häusern gleicher Grösse zu finden ist. Darauf bin ich stolz.

Ihre Bilanz fällt durchwegs positiv aus?

Mentha: Im Prinzip ja. Ich bin länger hier, als ich geplant hatte. Ich habe vermutlich anfänglich gedacht, dass sich das alles ein bisschen schneller realisieren lässt. Aber ich habe in meiner gesamten Karriere als Direktor nie die Theaterpforte passiert, ohne mich auf die Arbeit zu freuen. Selbst in schwierigen Zeiten, die es selbstverständlich auch gegeben hat. Klar hätten wir für einzelne Produktionen, die uns sehr wichtig waren, grössere Akzeptanz und Aufmerksamkeit gewünscht. Das soll nicht als Kritik an unserem Publikum verstanden werden, das auch umstrittene Produktionen angenommen und respektiert hat. Doch Kunst muss nicht allen gefallen. Und Theaterarbeit ist ein Risikoberuf. Mit Niederlagen und Rückschlägen müssen wir leben.

Gibt es etwas, das Sie in Ihren zwei verbleibenden Jahren bis zum Rücktritt unbedingt realisieren wollen?

Mentha: Es gibt immer viele Ideen, und nicht alle lassen sich realisieren. Spezielles ist bereits für diese Spielzeit geplant mit dem Musiktheater von La Fura dels Baus, der Schauspiel-Uraufführung «Geister sind auch nur Menschen» von Katja Brunner und «Tanz 16: Don Juan» zum 300. Geburtstag von Christoph Willibald Gluck. Zudem findet nächstes Jahr am Ende der Jubiläumsspielzeit der erste Theaterball in Luzern statt.

Kein Wunsch, den Sie sich noch erfüllen möchten?

Mentha: Doch. Viele. Ein spezieller Wunsch ist es, in einem Hangar der Pilatuswerke in Stans oder der Ruag in Emmen eine Oper zu inszenieren. Obs klappt, ist noch offen. Es wäre doch eine schöne Klammer, zum Beginn meiner Zeit die Werft und am Ende meiner Zeit in einem Hangar zu bespielen.

Das Luzerner Theater feiert Jubiläum. 175 Jahre ist es alt. Ist das Haus nun eine etwas müde alte Dame oder konnte es sich als zentrale kulturelle Institution von Luzern und der Zentralschweiz behaupten?

Mentha: Das Luzerner Theater ist nicht mehr das einzige kulturelle Zentrum der Region. Es ist mit einer starken Konkurrenz konfrontiert und steht zu Unrecht im Schatten des KKL. Deshalb setze ich mich auch so sehr für ein neues Haus ein, eines, das eine ebenso grosse Ausstrahlung hat wie das KKL.

Wie wichtig ist das Luzerner Theater für die Zentralschweizer Kulturlandschaft? Welche Rolle spielt es da?

Mentha: Es kann eine sehr wichtige spielen, wenn es mit möglichst vielen Partnern zusammenarbeitet. So wie das jetzt bereits funktioniert in Kooperationen beispielsweise mit den Schulen, den Kirchen, der Uni, Fumetto, der Musikhochschule und anderen mehr. Damit übernimmt das Theater eine wichtige Funktion im kulturellen Leben der Region. Für mich ist das Theater ein sozialer Raum, das ist meine Leidenschaft, die mich vorantreibt. Ich will kein Haus der hehren Kultur, sondern eines, das vibriert, das lebt.

Wo steht das Haus im deutschsprachigen Vergleich?

Mentha: Das Haus wird in der Theaterszene sehr wohl wahrgenommen und hat einen guten Ruf, den das Theater nicht durch Engagements von Stars, sondern durch die Leistungen des jungen Teams erworben hat. Internationale Preise, Auszeichnungen, Gastspiele und Kooperationen in Städten wie Wien, Berlin, Hamburg, Reykjavík oder diese Spielzeit mit Antwerpen bestätigen unsere Einschätzung.

Luzern ist ein klassisches Dreispartenhaus. Macht das heute noch Sinn?

Mentha: Tanz, Schauspiel und Musik sind die vitalen Kernelemente des Theaters. Das Dreispartenhaus vereint diese beispielhaft. Von der Disposition her mag ein Dreispartenbetrieb herausfordernd sein, doch künstlerisch bringt er Vorteile, indem sich die Sparten aneinander reiben, sich gegenseitig fordern und inspirieren. Luzern sollte sich auch künftig einen Dreispartenbetrieb leisten. Wer meint, er könne mit dem Streichen einer Sparte sparen, der irrt. Denn um den Spielbetrieb weiterführen zu können, müssten die beiden anderen Sparten ausgebaut werden. Theater ist eine teure Kunstform. Es sind Menschen, die auf und hinter der Bühne agieren, die sich nicht durch Maschinen wegrationalisieren lassen.

Die Salle Modulable ist per Gerichtsentscheid reanimiert worden. Welche Rolle spielt hier das Luzerner Theater?

Mentha: Die Salle Modulable ist in ihrem ursprünglichen Sinn tot. Aktuell ist ein neues Projekt unter dem Namen Theaterwerk Luzern. Da ist ein neues, grösseres Haus mit neuester technischer Ausstattung, besserer Akustik und im Idealfall mit zwei Bühnen ein Teil davon. Das Haus soll hohen Ansprüchen genügen. In diesem Projekt geht es aber auch um die Kooperation der verschiedenen Akteure in der Luzerner Theaterszene. Dazu gehören das Luzerner Theater, das Sinfonieorchester, das Lucerne Festival, die freie Theaterszene und der Südpol. Wie dieses Zusammenspiel künftig aussehen soll, ist noch nicht klar. Dieser gordische Knoten ist noch nicht durchhauen, es braucht noch einen grossen kreativen Schub.

Etwa das Musik- und Tanztheater mit festem Ensemble im neuen Haus anzusiedeln und das Schauspiel der freien Szene zu überlassen oder in einem Gastspielbetrieb mit publikumsträchtigen Stargästen zu führen?

Mentha: Nein, das wäre ein völlig falscher Weg. Es braucht das feste Ensemble der drei Sparten, um den Spielbetrieb während einer ganzen Saison zu gewährleisten. Das Luzerner Sinfonieorchester kann sich einen Starsolisten leisten, weil er nur für ein oder zwei Konzerte engagiert ist. Eine Schauspielproduktion wird bis zu zwanzig Mal aufgeführt. Weltstars so lange zu engagieren, würde jedes Budget sprengen. Zudem ist es nicht die Aufgabe des Luzerner Theaters, Stars zu beschäftigen, sondern jungen, talentierten Nachwuchskräften einen Ort zu bieten, wo sie die Chance haben, sich zu entwickeln – vielleicht sogar zu Stars wie Regula Mühlemann, die am Luzerner Theater ihre ersten Erfahrungen auf der Opernbühne machen konnte. Ganz im Sinne des «Entdeckertheaters».

Sie haben vorhin den Einbezug der freien Szene ins neue Theaterprojekt angesprochen. Ist denn eine Kooperation sinnvoll oder überhaupt möglich? Verfügt die freie Szene über die notwendige Qualität und das Potenzial, um auf Augenhöhe mitzuspielen?

Mentha: Vielleicht jetzt noch nicht. Doch wenn die freie Szene die finanzielle Möglichkeit erhält, sich weiterzuentwickeln, glaube ich, dass sie bis in zehn Jahren ihren Part im Theaterwerk übernehmen kann. Man darf nicht vergessen, die freie Szene hat harte Zeiten hinter sich. Statt ihre Energien auf die Produktionen zu konzentrieren, gingen viel Kraft und Zeit verloren, um das nötige Geld aufzutreiben. Die freie Szene muss so arbeiten können, wie es ihrem kulturellen Selbstverständnis entspricht. Dafür trete ich ein. Und nicht, dass das Luzerner Theater und die freie Szene über den gleichen Leisten geschlagen werden sollen.

175 Jahre hat das Luzerner Theater hinter sich; wird es in 175 Jahren den 350. Geburtstag feiern können?

Mentha: Sicher nicht im gleichen Haus. Doch ich bin überzeugt, dass die Bevölkerung von Luzern, die letztlich die Trägerin des Theaters ist, auch in 175 Jahren noch ein Theater will und die Idee weiterlebt. Das Theater als Kunstform wird überdauern und sich gegen die technisch hochgerüstete Unterhaltungsindustrie behaupten können. Das Theater hat die Kraft, sich selber zu erneuern. Ich bin ein Utopist und glaube, dass die Eventkultur bald von einer Gegenbewegung abgelöst wird und wieder mehr Dichte und inhaltliche Auseinandersetzung gefragt sind.

Hinweis

Die neue Spielzeit des Luzerner Theaters hat soeben begonnen. Lesen Sie auch die Premierenbesprechung zur Oper «Die Antilope» auf Seite 9 der heutigen Hauptausgabe unserer Zeitung.