DORFARZT: Vorhang zu nach 31 Jahren

Der Vitznauer Franz Kalbermatten geht nach jahrzehntelanger Tätigkeit in Pension. Er erinnert sich an die vergangenen Jahre zurück – und an einen Elektrozaun.

Susanne Balli
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Der Hausarzt Franz Kalbermatten (66) in seiner Praxis in Vitznau. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Der Hausarzt Franz Kalbermatten (66) in seiner Praxis in Vitznau. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Er bezeichnet sich als Dorf-, Wald- und Wiesenarzt von Vitznau. Doch damit ist es nun vorbei. Franz Kalbermatten, 66-jährig, hat seinen Beruf – oder besser gesagt seine Berufung – nach 31 Jahren aufgegeben. In dieser Woche hat er noch letzte Patientenakten für eine saubere Übergabe an seinen Nachfolger bearbeitet. «In der letzte Woche konnte ich während der Ferien in der Provence mit meiner Frau Anne-Christine innerlich gut abschliessen. Jetzt stimmt es für mich.» In seinen Worten schwingt trotzdem Wehmut mit. «Ich habe damals den richtigen Beruf gewählt. Diese 31 Jahre sind wahnsinnig schnell vergangen», erzählt er, wobei der Walliser Dialekt nur noch erahnt werden kann. «Ich musste mich hier in Vitznau sprachlich anpassen. Meine Patienten haben mich einfach nicht verstanden.»

Alle kamen zum Dorfarzt

Als er sich damals mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Söhnen in Vitznau niederliess, war er ein Generalist. «Es kamen alle zu mir, Grosse, Kleine, Säuglinge, schwangere Frauen.» In den letzten Jahren habe er Kinder nur im Rahmen des Notfalldienstes behandelt. «Der Beruf hat sich stark gewandelt, heute gibt es viel mehr Überweisungen an Spezialisten.» Dennoch sagt er: «Ich wünsche mir, dass es Hausärzte auch in Zukunft gibt. In der schnelllebigen Zeit ist es wichtig, dass diese für die Patienten eine Vertrauensperson sind und den Gesamtüberblick behalten.»

Kalbermatten kann sich an viele Anekdoten erinnern, die er aber wegen des Arztgeheimnisses nicht erzählt. Nur ein kleines Stückli gibt er zum Besten, nicht ohne den Betroffenen gefragt zu haben. «Ein Bergbauer litt unter Herzrasen. Eines Tages sah er im Fernseher, dass dagegen elektrische Impulse mit einem Defibrillator helfen.» Er habe sich gedacht: «Dafür brauch ich kein solches Gerät, ich hab einen elektrischen Viehzaun.» So habe er bei Herzrasen den geladenen Zaun angefasst. «Das hat eine ganze Weile Linderung verschafft, dann hat aber die Wirkung nachgelassen, und der Bauer kam zu mir.» Nach einer Herzoperation sei er komplett genesen.

Seinen Beruf hat Franz Kalbermatten immer gerne ausgeübt. «Klar, es gab belastende Situationen, wenn jemand schwer erkrankt ist. Aber dann ging ich diesen Weg mit dem Patienten. Und das war gut.» Seine Familie sei ihm immer eine grosse Stütze gewesen, obwohl er mit seiner Frau niemals über die Praxis im Untergeschoss des 100-jährigen Hauses oder über Patienten gesprochen habe. «Daran haben wir uns immer strikt gehalten.» Kalbermatten und seine Frau haben zwei Söhne und ein Enkelkind.

Nach dem Medizinstudium hat Franz Kalbermatten seine Ausbildung am Kantonsspital Luzern absolviert. «Meine Frau habe ich während des Studiums kennen gelernt. Bevor wir uns definitiv niederliessen, wollten wir für längere Zeit ins Ausland.» So lebten sie von 1980 bis 1982 in Lesotho, einer Enklave in Südafrika. «Wir arbeiteten in einem Bergspital auf 2300 Metern Höhe. Dort gibt es keine Tropenkrankheiten. Das war uns wegen der Söhne wichtig.»

Die ersten 15 Jahre als Dorfarzt in Vitznau war Kalbermatten Tag und Nacht im Einsatz. «Ich war an keinem regionalen Notfalldienst angeschlossen und somit sieben Tage die Woche während 24 Stunden erreichbar.» Es kam aber ein Punkt, wo ihm das zu viel wurde. Der Notfalldienst von Küssnacht und Weggis wollte ihn wegen der Distanz zu Vitznau nicht aufnehmen. So wäre Kalbermatten fast mit seiner Familie ins Tessin gezügelt. «Dann ging es aber plötzlich doch mit dem Notfalldienst Küssnacht und Weggis.»

Seine Arzttätigkeit zu beenden, ist Franz Kalbermatten schwergefallen. «Es tat weh, sich von meinen Patienten zu verabschieden, ich hatte häufig einen Kloss im Hals.» Eigentlich wollte er bereits vor einem Jahr in Pension, hat aber die Praxis weitergeführt, weil er keinen Nachfolger fand. «Dieses letzte Jahr war das schwierigste. Der Gedanke, dass ich meinen Patienten ihre Krankheitsakten in die Hand drücken und sagen muss, sie sollen selber weiterschauen, bereitete mir schlaflose Nächte.» Mittlerweile ist mit Stefan Baum­egger ein Nachfolger gefunden worden. Franz Kalbermattens Praxisassistentin, Claudia Küttel, die 21 Jahre mit ihm zusammenarbeitete, wird den Patienten in der neuen Praxis von Baumegger erhalten bleiben.

Keinen einzigen Tag krank

In all den Jahren habe er keinen einzigen Tag wegen Krankheit gefehlt. «Ich war ab und zu mal verschnupft, aber nie richtig krank. Eine solche Gesundheit ist ein grosses Geschenk.»

Franz Kalbermatten will nun erst mal eine Weile lang «ins Leere planen». Er erhalte zwar immer wieder diverse Anfragen, «aber die habe ich alle abgelehnt». Sicherlich werde er sich wieder irgendwo engagieren. «Doch jetzt freue ich mich auf meine Freizeit, aufs viele Lesen und durch die Gegend Wandern.»