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DREILINDEN: Filmreife Geschichte der Eleonora Cenci

Die Villa Vicovaro hat eine schillernde Vergangenheit. Einst trafen sich hier Fürsten und Hofdamen zu Dinners «en privé» und bengalisch beleuchteten Parkkonzerten. Aber es hat auch gespukt.
Hugo Bischof
Die Villa Vicovaro auf Dreilinden. Das Gebäude hat eine höchst spannende Geschichte. (Bild: Pius Amrein (Luzern, 21. Januar 2014))

Die Villa Vicovaro auf Dreilinden. Das Gebäude hat eine höchst spannende Geschichte. (Bild: Pius Amrein (Luzern, 21. Januar 2014))

Hugo Bischof

hugo.bischof@luzernerzeitung.ch

Die Stadt sucht Nachmieter für die Villa Vicovaro, das schlossähnliche Gebäude im Dreilindenpark (Artikel vom Freitag). Denn die Musikhochschule, die hier zurzeit einquartiert ist, zügelt im Sommer 2020 an den neuen Standort beim Südpol. Nachzulesen ist die Geschichte der Dreilindenvilla nun im soeben erschienenen 21. Band der Schriftenreihe «Innerschweizer Schatztruhe», herausgegeben vom Luzerner Rechtsanwalt und Kulturmäzen Jost Schumacher.

Eleonora Cenci Bolognetti, Principessa di Vicovaro: So hiess die Erbauerin und erste Bewohnerin des Gebäudes. Ihre Biografie liest sich wie ein Hollywood-Filmdrehbuch. Eleonora wurde 1851 in New York geboren. Ihre Vorfahren waren Mitglieder der Newport Society, einer Dynastie neureicher amerikanischer Industrieller, die ihre Sommer in ihren Luxusresidenzen im traumhaft schönen Küstenort Newport an der amerikanischen Ostküste verbrachten und ihr Geld unter anderem mit Rum-, Zucker- und Tee-Import verdienten.

Verwandtschaft bis hin zu Lady Diana

Grossvater William Ambrose Spencer (1792–1854) war Bruder des US-Kriegsministers John Canfield Spencer, dessen Sohn Philipp 1842 wegen angeblicher Meuterei auf dem Kriegsschiff USS Somers aufgehängt wurde. Dies ist eines aus einer riesigen Fülle von Details, die der Autor Renato Schumacher (Cousin des Herausgebers) im 71-seitigen Werk liefert. Eine weitere tragische Episode: Eleonoras jüngerer Bruder William Augustus ging 1912 mit der «Titanic» unter. Diesem Ereignis räumt Schumacher viel Platz ein. Man erfährt etwa, dass William Augustus für die Überfahrt in einer Erstklass-Kabine auf der «Titanic» 150 englische Pfund zahlte (heute etwa 15 000 englische Pfund). Ebenfalls spannend: Die Verwandtschaft der Spencers reicht über die englischen Earls of Spencer bis hin zu Sir Winston Spencer-Churchill und Lady Diana Spencer, der berühmten Prinzessin Diana.

Eleonora heiratet 1870 in Paris den Conte Virginio Cenci Bolognetti, Principe di Vicovaro (1840–1909), einen gemäss Schumacher «hochgewachsenen lebensfrohen Italiener», genannt«le beau Cenci». Die Cenci-Bolognetti gehörten zum Adelspatriziat von Rom. Sie besassen mehrere Palazzi am Mont de Cenci (ein kleiner Hügel, entstanden aus den Ruinen des Theaters Balbus). Ihnen gehörte auch die Gemeinde Vicovaro (Vicus Variae) nahe Rom. Mit der Hochzeit wurde Eleonora Fürstin und königliche Hofdame. Ihr Gatte seinerseits war nun reich an Geld, was die Rolle der Cenci am italienischen Hof stärkte. Geld heiratet Adel – Win-Win-Situation würde man dies heute wohl nennen.

16 Stunden Fahrt mit der Dampfeisenbahn

Auch die Cenci blickten auf eine illustre Vergangenheit zurück. Eine Vorfahrin war Beatrice Cenci (1577–1599). Sie wurde 22-jährig wegen des von ihr angestifteten Mordes an ihrem gewalttätigen Vater hingerichtet – ein Schicksal, das Dichter wie Shelley, Stendhal und Dumas inspirierte. Entsprechend erhielt das 1877 geborene einzige Kind Eleonoras, Fiorenza, den zweiten Vornamen Beatrice. Es habe sie allerdings belastet, mit ihrer berühmten Urahnin in Verbindung gebracht zu werden, schreibt der Buchautor, «umso mehr, als sie einst von einem ‹Verrückten› angegriffen wurde».

Die Cenci und die Spencer aus New York weilten oft in Paris und Rom. Deshalb suchten sie nach einer Besitzung auf halbem Weg. Luzern war günstig gelegen, mit der Dampfeisenbahn je 16 Stunden Fahrt. Zudem war Luzern zwischen 1872 und 1914 bei der reisefreudigen Oberschicht «so beliebt wie New York, London, Paris, Nizza und Rom – vor allem dank der Beziehungen der alten Luzerner Patrizier in alle Welt», schreibt Schumacher, der selber einem solchen Patriziergeschlecht entstammt. Bei früheren Besuchen weilten die Cenci und Spencer auf dem Schloss Heidegg oder bei den Bodmer-de Muralt in der Villa Bellerive. Schliesslich beschlossen Eleonora und ihre Mutter, das Gut auf dem Sonnen­hügel Dreilinden zu kaufen, als Sommersitz mit Blick auf den See und die Alpen. Dreilinden wurde so genannt wegen der drei von alters her auf der Hügelkrete dominierenden Linden. Den Ort besuchten schon im 18. Jahrhundert Reisende auf ihrer Tour nach Süden.

Frühere Besitzerin des Landguts Dreilinden (Hitzlisberg und Ruflisberg) war Emilie Pfyffer von Altishofen (1826–1883). Sie war die Tochter des Luzerner Regierungsrats und Stadtpräsidenten Oberst Felix Balthasar. Ihr Gatte, Ludwig Pfyffer von Altishofen, war Bruder von Divisionär Max Alphons, unter anderem Erbauer des Grand Hotel National. Am 9. Mai 1887 verkauften Emilies Erben das Landgut für 74 000 Franken (heutiger Wert: knapp 4 Millionen Franken) an eine Dreilindengesellschaft. Diese veräusserte es 1890 an Eleonora und ihre Mutter – für 305 000 Schweizer Franken (heute gut 15 Millionen Franken).

«Gar schon Automobile fuhren vor»

Eleonora Cenci liess auf Dreilinden durch Edward Hewetson, den grossen englischen Architekten der späten Neugotik, die Villa Vicavaro erstellen, umgeben von einem ausgedehnten, mit exotischen Baumgruppen bestückten und mit Rosenfeldern, Wasserspielen und geschweiften Rundwegen versehenen Landschaftsgarten. Als Vorbild diente der Vinland Estate (später McAuley Hall) in Newport, der Eleonoras Cousine Catherine Lorillard Wolfe gehörte, eines der während der «Gilded Era«zwischen 1870 und 1910 erbauten amerikanischen Landhäuser. Sie waren dem englischen «cottage style» verpflichtet und hatten interessanterweise auch Ähnlichkeit mit dem Cenci-Stammschloss in Vicovaro.

Die Dreilindenvilla widerspiegelt die Lebensart der damaligen englischen Upperclass: strenge Unterteilung in Bereiche der Herrschaft und des Personals. Selbst die Türriegel sind unterschiedlich markiert. «Die verspielte Eleganz italienischer Leichtigkeit findet sich nur an wenigen Stellen», schreibt Schumacher, «florales Dekor, zarte Rocailles, goldene Krönchen in Privaträumen der ersten Etage.» Sonst sei der «goût americain» der Spencers vorherrschend. Viel davon ist heute allerdings nicht mehr sichtbar; das Aussehen der Villa habe unter der späteren Nutzung als Konservatorium «sehr gelitten», schreibt Schumacher.

1893 war die Villa bezugsbereit, im selben Jahr, als der deutsche Kaiser Wilhelm II. Luzern besuchte. Danach begann ihre Blütezeit. Es gab Afternoon-Teas und Dinners «en privé» in edlem Dekor. An lauen Sommerabenden fanden im südlichen Teil der Dreilinden­anlage bengalisch beleuchtete Freiluftkonzerte statt. «Pferdedroschken oder gar schon Automobile fuhren vor und luden elegante Gäste ab», schreibt der Buchautor. Eine von ihnen war die amerikanische Primadonna «Minnie» Hauk; sie wohnte mit dem Schriftsteller Ernst von Hesse im Richard-Wagner-Haus und später im Schlösschen Wartegg.

Die Cencis erregten viel Aufsehen, wenn sie vierspännig mit livriertem Personal von Dreilinden herunter den eleganten Schweizerhofquai entlangfuhren – «pour rendre visite» an Luzerns damals prominentester Adresse, dem Kapellplatz («Place de la chapelle»). Dort residierten viele Patrizier und dem Patriziat nahe stehende Familien. Die Pferdeliebhaberin Principessa di Vicovaro besuchte auch gern die Reitturniere in Luzern, die zu den berühmtesten der Welt gehörten. Viele junge Herren aus bekannten Luzerner Familien machten Eleonoras Tochter Fiorenza den Hof. Sie durften sich glücklich schätzen, «wenn ihnen ein Spaziergang im Dreilindenpark oder ein gemeinsamer Ausritt auf den Dietschiberg gewährt wurde», so der Buchautor. Manchmal liess sie sich auch als Tischdame zum Dreikönigsball bei der vornehmen Gesellschaft der Herren zu Schützen gewinnen.

Nach «Titanic»-Untergang erschien ein Geist auf Dreilinden

1905 starb Eleonoras Mutter Sarah Griswold in Paris, 1909 ihr Mann Fürst Virginio in Lyon. Als 1915 Eleonora selber in Paris das Zeitliche segnete, erlosch das Leben auf Dreilinden. Aber noch gibt’s eine weitere interessante Story: Kurz bevor William Augustus Spencer mit der «Titanic» unterging, hatte er Eleonora auf Dreilinden besucht. Sein Geist soll später auf Dreilinden gespukt haben. Immer zur Zeit des «Titanic»-Untergangs brannte in einem der nördlichen Dachzimmer, wo er zuletzt genächtigt haben soll, ein Licht, berichteten Zeugen.

Fiorenza erbte von Eleonora neben der Dreilinden-Liegenschaft ein riesiges Vermögen, Grundstückanteile in New York sowie zwei Palazzi in Vicovaro und Rom. Mit dem Geld gründete sie eine Stiftung zu Gunsten der Universität Rom für ein Louis-Pasteur-Institut. Sie blieb bis zu ihrem Tod 1955 in Genf unverheiratet. 1923 kaufte der Industrielle und Philanthrop Charles Kiefer-Halblitzel das Dreilinden-Anwesen und nahm bauliche Änderungen in der Villa Vicovaro vor. 1946, kurz vor seinem Tod, gründete er die noch heute tätige Kiefer-Halblitzel-Stiftung zur Förderung junger Musiker und bildender Künstler. 1937 schenkten die Kiefer-Halblitzels das Anwesen der Stadt. Diese richtete 1952 auf Dreilinden das Konservatorium ein.

Neben der Villa Vicovaro stand einst die Vila Griswolden, bewohnt von Eleonoras Mutter, einer geborenen Griswold. Diese Nachbarvilla wurde 1947 «infolge Renditedenkens mit 40 Kilo Dynamit gesprengt», so der Buchautor. Dabei ging die mittlere der drei Linden verloren. Erhalten hat sich nur die Toreinfahrt mit der Inschrift «Griswolden». Von den drei Linden steht heute nur noch eine.

Hinweis

Renato Schumacher: Eleonora Cenci Bolognetti, Principessa di Vicovaro. Innerschweizer Schatztruhe, Bd. 21. Bestellbar bei: Dr. Jost Schumacher, Anwaltskanzlei, Alpenstrasse 1, 6004 Luzern.

Eleonora Cenci mit Ehemann Virginio Bolognetti, Principe die Vicovaro, kurz nach 1870 (Bild: Schriftenreihe «Innerschweizer Schatztruhe»)

Eleonora Cenci mit Ehemann Virginio Bolognetti, Principe die Vicovaro, kurz nach 1870 (Bild: Schriftenreihe «Innerschweizer Schatztruhe»)

Tochter Fiorenza Cenci um 1880 mit Onkel William Augustus Spencer, der 1912 mit der «Titanic» unterging. (Bild: Schriftenreihe «Innerschweizer Schatztruhe»)

Tochter Fiorenza Cenci um 1880 mit Onkel William Augustus Spencer, der 1912 mit der «Titanic» unterging. (Bild: Schriftenreihe «Innerschweizer Schatztruhe»)

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