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Drogen, Kesb, Heim – wie eine junge Luzernerin doch noch die Kurve kriegte

Rund 600 Kinder und Jugendliche werden in der Stadt Luzern von der Kesb begleitet. Eine von ihnen erzählt uns ihre Geschichte. Vor allem der Aufenthalt in einer Institution hat ihr die Augen geöffnet.
Beatrice Vogel
Aufgrund einer Gefährdungsmeldung setzte die Kesb der Stadt Luzern bei Nadine Meier eine Beiständin ein. (Symbolbild: Keystone)

Aufgrund einer Gefährdungsmeldung setzte die Kesb der Stadt Luzern bei Nadine Meier eine Beiständin ein. (Symbolbild: Keystone)

Hippe Kleidung, dunkle Haare, dezent geschminkt bis auf den auffälligen Lidstrich, fröhliches Lächeln – Nadine Meier* ist eine ganz normale junge Frau. Trotzdem schimmert der rebellische Teenager noch durch. «Ich bin ziemlich stur», sagt sie, Autoritätspersonen hätten bei ihr immer Widerstand ausgelöst. Die heute 20-Jährige hat seit ihrem 15. Altersjahr eine Berufsbeiständin, eingesetzt durch die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) der Stadt Luzern. Mittlerweile steht sie auf eigenen Beinen. Doch der Weg dahin war alles andere als einfach.

«Angefangen hat es in der Sek, als meine schulischen Leistungen immer schlechter wurden», sagt Nadine. Sie habe im Niveau A angefangen und sei schliesslich im Niveau C gelandet. «Nicht, weil ich dumm war, sondern weil ich keine Lust hatte, etwas für die Schule zu machen.» Ihr sei damals nicht bewusst gewesen, dass Bildung im Leben so wichtig ist.

Hinzu kam: Ausgang, Kiffen, Umgang mit einer «fragwürdigen Szene», wie es Nadine formuliert. «Ich hatte immer ältere Kollegen. Mit Gleichaltrigen konnte ich nichts anfangen, die waren zu kindisch.» Irgendwann nahm sie härtere Drogen. Als ihre Eltern davon Wind bekamen, gab es Streit, das Taschengeld wurde gestrichen. Um an Geld zu kommen, begann Nadine, Drogen zu verkaufen. Sie erzählt:

«Die Situation in meiner Familie wurde immer schlimmer, wir haben aneinander vorbei gelebt, auch weil ich nicht darüber reden wollte.»

Auf Initiative ihrer Eltern suchten sie gemeinsam die Jugend- und Familienberatung Contact der Dienstabteilung Kinder Jugend Familie der Stadt Luzern auf. Nadine wehrte sich: «Ich wollte nicht, dass sich jemand einmischt.» Als schliesslich eine Gefährdungsmeldung gemacht wurde und ihr die Beiständin Myriam Zehnder* zugeteilt wurde, war Nadine alles andere als glücklich. «Ich habe sie als Gegnerin gesehen.»

Obwohl sie sich gegen die Einmischung wehrte, wollte Nadine Abstand von ihrem Umfeld und stimmte einer Fremdplatzierung zu. «Ich wollte weg von Luzern.» So kam sie in eine ausserkantonale Institution. Dort musste Nadine jeweils nach dem Wochenende Urinproben abgeben – wurde sie positiv auf Drogen getestet, gab es mehrwöchige Ausgangssperren. «Im Heim war es schwierig, weil die anderen teils noch viel krassere Probleme hatten», sagt Nadine. Sie erzählt von Drogenabhängigen, Prostituierten und Frauen, die sich selbst verletzten, und sagt:

«Das war schockierend. Gleichzeitig hat es mir zur Einsicht verholfen, dass ich selbst nicht so enden will. Dann ging es langsam bergauf.»

Nach einem Jahr kam Nadine in eine Institution in Luzern, die offener geführt wird, und absolvierte das zehnte Schuljahr. Danach wechselte sie in ein «begleitetes Wohnen», wo sie selbstständig in einer kleinen Wohnung lebte. Auch dort wurde sie kontrolliert, «was mich nervte». Als sie nicht mehr auf die Betreuung angewiesen war, musste sie die Wohnung verlassen. «Nach Hause zu ziehen war keine Option, das hätte sich wie ein Rückschritt angefühlt.» Also suchte sie sich eine Wohnung, die sie mit ihrem Lehrlingslohn bezahlen konnte.

Apropos Lehre: «Die Stellensuche war der absolute Horror», sagt Nadine. Trotz guter Schnupperreferenzen habe sie an die 60 Bewerbungen schreiben müssen, um eine Lehrstelle im Detailhandel zu finden. Ihre Heim-Vergangenheit und die schlechten Sek-Noten stellten sich als grosse Hürde heraus.

Mittlerweile hat Nadine eine feste Arbeitsstelle, eine Wohnung und – nach langem auf und ab – ein gutes Verhältnis zu ihrer Familie. Rückblickend ist sie froh um die Beiständin. Myriam Zehnder hat Nadine all die Jahre unterstützt, sie in rechtlichen und finanziellen Fragen beraten, zwischen ihr und den Eltern vermittelt, Heimplätze gesucht sowie unzählige, teils unangenehme Gespräche geführt. Da im Elternhaus wenige finanzielle Mittel vorhanden waren, hat Myriam Zehnder Nadine bei administrativen Angelegenheiten geholfen, etwa mit Stipendien – auch nach ihrem 18. Geburtstag.

Normalerweise fällt die Kindesschutzmassnahme der Beistandschaft mit der Volljährigkeit weg. Zuvor wird mit den Jugendlichen besprochen, ob eine Weiterführung der Unterstützung noch notwendig ist. Zehnder:

«In manchen Fällen führen wir die Beistandschaft weiter bis zum Abschluss der Ausbildung – so auch bei Nadine.»

Wenn Nadine ihre Geschichte erzählt, lacht sie viel. Diese Zeiten scheinen in weite Ferne gerückt, Erleichterung ist spürbar. Auch bei Myriam Zehnder. Rückblickend sagt sie: «Es war klar eine Gefährdung vorhanden. Aber bei Nadine habe ich immer gespürt, dass ihre Sturheit auch eine Stärke ist.» Dass sie sich von ihrem einstigen Umfeld gelöst habe, sei nicht selbstverständlich. Für Myriam Zehnder ist Nadines Werdegang eine Erfolgsgeschichte. «Unser Ziel ist es, dass die jungen Erwachsenen auf eigenen Beinen stehen.» Während der Beistandschaft gelte es, den Kontakt mit Eltern und Jugendlichen immer aufrecht zu erhalten.

Weil der Kontakt sehr persönlich ist, sei es wichtig, eine professionelle Distanz zu wahren, sagt Zehnder: «Ich bin weder Ersatzmutter noch Lebensberaterin. Eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen ist jedoch wichtig.» Deshalb besteht sie auch darauf, dass Nadine sie siezt. Ihre Tätigkeit sei vermittelnd und begleitend, Entscheide fällen die Klienten und deren Familien, oder bei Gefährdung des Kindeswohl die Behörden, so Zehnder. Gleichwohl sei es ein Ablösungsprozess, wenn die Beistandschaft ende. Sie sagt:

«Ich freue mich, wenn ich ehemalige Klienten auf der Strasse antreffe.»

Auch Nadine Meier wird bald auf ihre Beiständin verzichten müssen. Sie ist zufrieden mit ihrer gegenwärtigen Situation. «Zunächst will ich Geld sparen und einen Sprachaufenthalt machen.» Langfristig will sie nicht im Verkauf bleiben, sondern sich beruflich verändern – vielleicht etwas Soziales. «Auf jeden Fall will ich nicht stehen bleiben.»

Hinweis: *Namen geändert.

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