Drogenszene: Ein Drahtseilakt zwischen Bahnhofplatz und Vögeligärtli

Es ist warm, und auch sie wollen nach draussen: Suchtkranke fallen in der Stadt Luzern zurzeit häufiger ins Auge. Das ist nicht nur schlecht, finden die Verantwortlichen.

Simon Mathis
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Zwei Mitarbeitende der Polizei auf Fusspatrouille beim Bahnhofplatz in Luzern. (Symbolbild: Pius Amrein)

Zwei Mitarbeitende der Polizei auf Fusspatrouille beim Bahnhofplatz in Luzern. (Symbolbild: Pius Amrein)

Die Stadtluzerner Drogenszene kommt wieder ins Gespräch. Ein Leser unserer Zeitung will am Bahnhofplatz eine «enorme Zunahme der Drogenszene» beobachtet haben. Handel und Konsum von Drogen werde offen vollzogen, heisst es in einer Zusendung. Unlängst beklagte sich auch in «20 Minuten» eine junge Frau darüber, dass im Vögeligärtli vor Kindern «hemmlungslos gedealt» wurde.

Sind diese Beobachtungen Grund zur Sorge? «Wir können und wollen das nicht schönreden: Die hiesige Drogenszene ist – wie in jeder Stadt – ein Problem», sagt Maurice Illi, Sicherheitsmananger der Stadt Luzern. «Die Ängste der Bevölkerung sind nachvollziehbar. Wir nehmen sie ernst.» Allerdings hält Illi fest, dass sich die Szene in den letzten Jahren nicht vergrössert habe. «In Luzern haben wir keine offene Szene mehr wie noch in den 80ern oder 90ern, sondern beliebte Treffpunkte für Suchtkranke.» Diese Treffpunkte befänden sich naturgemäss in der Nähe des Zentrums; eben beim Bahnhofplatz und beim Vögeligärtli.

«Dass sich dort Suchtkranke aufhalten, kann verunsichern», so Illi. «Auch ich würde mich ärgern, wenn jemand vor meinem Kind eine Spritze auspackte.» Gleichzeitig appelliert Illi an die Bevölkerung, den Teufel nicht an die Wand zu malen:

«Wir haben die Situation in Luzern gut im Griff. Sollte es dramatischer werden, handeln wir natürlich.»

Die Polizei und die Einsatzgruppe Sicherheit Intervention Prävention (SIP) kenne die Mitglieder der Szene – und auch die Orte, an denen sie verkehren. «Entsprechend organisieren wir unsere Patrouillen.»

Suchtkranke neben Kindern – ist das nicht gefährlich? «Es sind keine medizinischen Fälle bekannt, bei denen sich jemand an einer herumliegenden Spritze verletzt hat und dadurch eine übertragbare Krankheit einfing», sagt Maurice Illi. Insofern sei das Nebeneinander zwar problematisch, aber nicht gefährlich.

Die Grenzen der Repression

Die Situation sei komplex und die Lösungen beschränkt. Mit polizeilicher Repression könne man das Problem nur hin und her schieben. «Wenn wir die Leute vom Bahnhofplatz verscheuchen, tauchen sie bald im Vögeligärtli wieder auf.» Dennoch gebe es keine andere Wahl: «Wir können die Szene keinesfalls über mehrere Wochen am gleichen Ort lassen. Denn das zieht Dealer an – und ein Umschlagplatz entsteht.»

Die zurzeit erhöhte Sichtbarkeit der Drogenszene im Vögeligärtli erklärt sich Illi unter anderem mit dem guten Wetter. «Auch Suchtkranke halten sich bei diesen Temperaturen lieber im Schatten der Bäume auf, als in die Gassenküche zu gehen», so der Sicherheitsmanager. Das könne man ihnen nicht verbieten, solange sie kein Gesetz brechen. «Der öffentliche Raum ist für alle da. Darüber hinaus ist es nicht der politische Wille des Stadtrats, diese Personen und ihr Elend zu verstecken», betont Illi. Sie rund um die Uhr zu betreuen, sei zudem weder gewünscht noch zahlbar.

Das Vertrauen zwischen Polizei, Gassenarbeit und Verwaltung sei gross, sagt Illi. «Diese gute Arbeit in Frage zu stellen, nur weil auch Randständige die Sommertage geniessen wollen, ist unverhältnismässig.»

Zahl der Klienten eher rückläufig

«Ich verstehe, dass Drogentreffpunkte verunsichern und Angst machen können», sagt Franziska Reist, Geschäftsleiterin des Vereins Kirchliche Gassenarbeit (VKG).

«Aber diese Menschen sind nicht gefährlich, sie sind wie du und ich – mit einer zusätzlichen Suchtproblematik.»

Die Zahl der Vereinsklienten bleibe seit Jahren konstant, sei eher sogar rückläufig, eine Verschärfung des Problems sei nicht festzustellen. Auch den Verein sieht Reist «konstant auf Kurs» (siehe Box).

«Es kann sein, dass man hin und wieder einen Dealer sieht», sagt Reist. Wenn die Szene überhaupt nicht mehr sichtbar wäre, würde man sich allerdings im falschen Glauben wiegen, dass das Problem gelöst sei. «Und dann wäre es auch für die Finanzierung plötzlich schwierig.» Das Drogenproblem verschiebe sich ohnehin bereits in die Partyszene, die weniger öffentlich sei und neue Zugänge fordere.

Wer in der Stadt Luzern an einer Suchtkrankheit leidet, ist am ehesten von Heroin oder Kokain abhängig. Auf Platz drei der beliebtesten Drogen liegt das Medikament Dormicum, das im Kanton Luzern von Hausärzten verschrieben wird. 

«In den vergangenen Jahren ist der Kokain-Konsum gestiegen», sagt Franziska Reist. «Heutzutage wird Kokain häufiger in einer Pfeife geraucht.» Diese Form des Konsums sei für Nichtkonsumierende harmlos und beeinträchtige niemanden. Sie sei weniger gefährlich als das Spritzen. Dafür sei die Beschaffung für die Suchtkranken eine grössere Herausforderung: «Gespritzte Drogen halten länger an, rauchen muss man den ganzen Tag über.»

Gassenarbeit betreut 690 Personen

Der Verein Kirchliche Gassenarbeit (VKG) schloss das Jahr 2018 mit einem Ertragsüberschuss von über 50'000 Franken ab. Der Verein erzielte knapp 1,3 Millionen Franken Spendengelder – 80'000 Franken mehr als im Vorjahr. Insgesamt betreut der Verein 690 verschiedene Klientinnen und Klienten inklusive Kinder von suchtbetroffenen Eltern des Paradiesgässli.

2018 wurde 304 Mal geduscht, 1300 Mal Kleider getauscht und 391 Mal Wäsche gewaschen. 317 medizinische Behandlungen wurden durchgeführt. Im Rahmen der aufsuchenden Sozialarbeit besuchte der Verein an 153 Abenden öffentliche Plätze. 18 neue Personen wurden in der Szene beobachtet. 2018 starben 19 suchtbetroffene Klienten.