E-BOOK: Bibliothek hinkt Digitalisierung hinterher

Zürich setzt voll auf die Digitalisierung alter Bücher. Die Zentral- und Hochschulbibliothek scheitert einmal mehr am Platzproblem.

Lena Berger
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Peter Kamber (links) und Ulrich Niederer von der ZHB schauen sich in der Bibliothek ein historisch bedeutendes Buch an. (Bild Nadia Schärli)

Peter Kamber (links) und Ulrich Niederer von der ZHB schauen sich in der Bibliothek ein historisch bedeutendes Buch an. (Bild Nadia Schärli)

Wer Zwingli im Original lesen will, kann das künftig auf seinem I-Pad tun. Die Zentralbibliothek Zürich ist in Sachen Digitalisierung historischer Bücher ein schweizweiter Vorreiter. «On demand», also auf Nachfrage, werden die alten Wälzer von professionellen Scannern erfasst und – wenn gewünscht – neu auch ausgedruckt und gebunden. Die Bibliotheksnutzer bezahlen für ihre bestellten Digitalausgaben einen Grundpreis von 10 Franken und pro eingescannte Seite zusätzlich 20 Rappen. Wurde das Werk bereits einmal in Auftrag gegeben, so steht es gar gratis zur Verfügung. Der Zugriff erfolgt direkt über den Online-Katalog der Bibliothek.

Das bietet diverse Vorteile: Die Nutzung der E-Books ist zeit- und ortsunabhängig und schont die kostbaren Originale. «Zudem treiben digitalisierte Bücher dank einer internationalen Vernetzung die Forschung voran», bemerkt Peter Moerkerk, Leiter des Zürcher Digitalisierungszentrums. Denn auch in der Wissenschaft gelte zunehmend: «Was nicht online ist, existiert nicht und wird nicht erforscht.»

Zettelkataloge an der ZHB

In der Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern (ZHB) spielt die Digitalisierung historischer Werke dagegen kaum eine Rolle. Zwar können einzelne Bücher auf Anfrage als PDF bezogen werden, vom kommerziellen Vertrieb ist man aber weit entfernt. «Wir bewerben das Angebot nicht, denn der zeitliche Aufwand, ein altes Buch zu digitalisieren, ist riesig – für 200 Seiten braucht eine Person locker zwei Stunden. Diese Zeit fehlt uns bei unserer Kernaufgabe», sagt Peter Kamber, Leiter der ZHB-Sondersammlung. Schwerpunkt der Arbeit seines vierköpfigen Teams von Teilzeitarbeitenden sei die elektronische Katalogisierung, also die Aufbereitung des Zettelkatalogs für die Online-Abfrage. Ein direkter Zugriff auf E-Books über den Web-Katalog ist Zukunftsmusik.

Die ZB Zürich verfügt über modernste Scanner, die beim Digitalisieren automatisch Seiten umblättern können. Dies dank E-Rara, einem vom Bund geförderten Digitalisierungsprojekt, das den Schweizer Buchdruck aus dem 16. ins 21. Jahrhundert katapultieren will. «Die ZHB wollte und konnte sich bei der Lancierung 2008 nicht als Kooperationspartner beteiligen. Die Mittel fehlten», erklärt ZHB-Direktor Ulrich Niederer. Die ZHB habe damals mitten in der Detailplanung des Bauprojekts zur Sanierung des Hauptgebäudes gesteckt – während die ZB Zürich 1993 einen Neubau bezogen hatte. «Wir können solche Angebote nicht aufbauen, weil wir die technische Infrastruktur nirgends aufstellen können. Wir haben keinen Platz!», ärgert sich Niederer. Zudem hätten die Bundesmittel durch 50 Prozent Eigenmittel ergänzt werden müssen, was zum damaligen Zeitpunkt nicht durchsetzbar war. Für Niederer ist das Thema aber noch nicht vom Tisch. «Von der Bibliothek her wollen, müssen und werden wir weitere Anträge stellen, um Digitalisierungsprojekte zu realisieren.» Wie man sie finanzieren könne – das müsse eine politische Instanz entscheiden. «Allenfalls mit Partnern aus der Privatwirtschaft», schlägt er vor.

Generation «Google-Studenten»

Gemäss Lukas Portmann, Sprecher der Universität Luzern, sind E-Books – besonders Lehrbücher und teure Spezialliteratur – ein «Segen für Studierende», da sie rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Die Universität hat denn auch das Budget für E-Medien, also E-Books, E-Journale und Datenbanken, über die letzten Jahre stark erhöht. Er bestätigt, dass heute der Prozentsatz der nicht online recherchierbaren Wissenschaftsliteratur sehr klein ist – und dieser hauptsächlich sehr lokale Publikationen betrifft.

Beim Historischen Verein Zentralschweiz sieht man der zunehmenden Digitalisierung der Forschung nicht nur positiv entgegen. Deren Präsident ist der Luzerner Staatsarchivar Jürg Schmutz. Er hält es für denkbar, dass einzelne Themen künftig von den Studenten weniger aufgegriffen werden, wenn die Informationen nicht online zugänglich sind. «Deshalb sollten Dozenten der Hochschulen und Universitäten durch gezielte Aufgabenstellungen Gegensteuer setzen.» Schmutz warnt davor, Online-Recherchen zu überschätzen. «‹Google-Studenten›, die traditionelle Such- und Recherchetechniken nicht beherrschen, werden ein Riesenproblem haben.» Es bestehe die Gefahr, dass online leicht zugängliche Untersuchungen unbesehen reproduziert oder wichtige Aspekte nicht berücksichtigt würden.