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EBIKON: Reuss-Projekt: Familie muss Hof verlassen

Obwohl die Reuss erst in ein paar Jahren renaturiert wird, muss eine Ebikoner Bauernfamilie bereits jetzt wegziehen. Ihr über Generationen gepachtetes Land wird vom Kanton als Realersatz für andere betroffene Bauern benötigt.
Gabriela Jordan
Simon (links) und Elias Birrer verbringen ihre letzten Tage auf dem Althof. (Bild: Boris Bürgisser (Ebikon, 27. Februar 2018))

Simon (links) und Elias Birrer verbringen ihre letzten Tage auf dem Althof. (Bild: Boris Bürgisser (Ebikon, 27. Februar 2018))

Gabriela Jordan

gabriela.jordan@luzernerzeitung.ch

Für 176 Millionen Franken will der Kanton Luzern den Hochwasserschutz entlang der Reuss verbessern. Dafür soll der Fluss mehr Platz erhalten und renaturiert werden. Bei den betroffenen Bauern, die dafür Teile ihres Landes verkaufen müssten – oder als Ultima Ratio vom Kanton enteignet würden-, stossen diese Pläne jedoch auf Widerstand. Der Kanton will ihnen deshalb, sofern möglich, kantonseigenes Land als Realersatz anbieten (wir berichteten).

Bevor die schwierigen Verhandlungen überhaupt begonnen haben, zeigt sich nun allerdings, dass auch das Ersatzland seine Tücken hat. In einem Fall handelt es sich nämlich um ein Grundstück, auf dem seit genau einem Jahrhundert ebenfalls ein Bauernbetrieb existiert: Es ist der Althof in Ebikon an der Grenze zu Emmen. Die Familie Birrer pachtet das Land vom Kanton seit fünf Generationen. Weil es der Kanton nun als Realersatz benötigt, hat er die Pacht auf Ende März gekündigt. Kurz: Damit Höfe entlang der Reuss für ihren Verlust im Gegenzug neues Land erhalten, muss ein bestehender Betrieb aufgelöst werden.

Per Zufall von der Kündigung erfahren

Diesen Plan haben die Birrers erstmals vor rund acht Jahren vernommen, wie Familienvater Franz Birrer beim Gespräch in der warmen Stube des Bauernhauses erklärt. «Unsere Familie ist seit 100 Jahren hier. Erfahren haben wir das Ganze aber nicht vom Kanton selbst, sondern per Zufall von einem Geschäftspartner. Das ist bitter.» Offiziell gekündigt wurde die Pacht auf Ende März 2014, mit einer Pachterstreckung konnte die Familie den Vertrag um vier Jahre verlängern. «Zuerst ist für uns schon eine Welt zusammengebrochen», erinnert sich Sohn Simon (24), der wie sein Bruder Elias (19) und seine Mutter Klara mit am Tisch sitzt.

Den Entscheid juristisch anzufechten, sei daher durchaus eine Option gewesen. «Wir haben uns dann aber entschieden, einen Schlussstrich zu ziehen», so Simon Birrer. Im Naturpark Thal in Solothurn hat die Familie bereits einen neuen Betrieb gefunden, den sie während der letzten paar Jahre aufbauen konnte. «Das war ein absoluter Glücksfall», sagt Franz Birrer. Die Milchwirtschaft, die die Familie bisher auf dem Althof betrieben hat, kann sie dort aber nicht weiterführen. Stattdessen stellt sie auf Fleischwirtschaft um und versteigert diesen Samstag all ihre Kühe und Maschinen (siehe Hinweis).

Grundsätzlich gegen das Reuss-Projekt sei die Familie nicht, betont Franz Birrer. «Die Öffentlichkeit will die Renaturierung, das akzeptieren wir – aber der Kanton soll richtig mit den Betroffenen umgehen.» Franz Birrer kritisiert, dass es der Luzerner Regierungsrat stets so dargestellt habe, als ob das Ersatzland «kein Problem» sei. «Dass dafür aber eine Familie von ihrem Hof ziehen muss, hat er bislang nicht thematisiert.»

Was mit dem Grundstück und dem Hof passieren wird, wissen die Birrers nicht. Unklar bleibt für sie ausserdem, weshalb sie schon jetzt ihre Koffer packen müssen, liegt doch die Realisierung des Projekts noch in weiter Ferne: Der Baustart dürfte frühestens 2020 erfolgen. Ihr Gesuch auf eine temporäre Pacht habe der Kanton abgelehnt. «Vermutlich wird das Land nun jährlich an andere Bauern verpachtet, bis die Aufteilung des Ersatzlandes definitiv festgelegt wird», sagt Simon Birrer. «Statt uns schon jetzt wegzujagen, hätte es der Kanton aber genauso gut uns jährlich verpachten können.» Jammern wolle die Familie trotzdem nicht, betont er. «Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass ein Hof nicht wie eine Wohnung ist, die man wechseln kann. Es steckt so viel Arbeit dahinter. Auch der Bezug zu den Tieren geht einfach verloren.»

Kanton: «Wir waren stets transparent»

Die Kritik will der Kanton Luzern nicht gelten lassen. Ihm zufolge habe die Familie Birrer bereits bei Abschluss des Pachtvertrags im Jahr 1994 gewusst, dass die Liegenschaft als Realersatz reserviert sein würde. Dies sei vertraglich festgehalten worden. «Der Kanton war gegenüber der Familie Birrer stets transparent», sagt Urs Zehnder, Abteilungsleiter Naturgefahren der Dienststelle Verkehr und Infrastruktur. «Im Jahr 2009 sicherte uns die Familie Birrer zudem schriftlich zu, die Pacht auf März 2014 zu kündigen. Die Schlichtungsbehörde sprach ihr 2013 sodann eine Erstreckung der Pacht bis Ende März dieses Jahres zu.»

Auf die Frage, was nun mit dem Land und dem Althof passiert, antwortet Zehnder: «Hierzu finden zurzeit Gespräche innerhalb der land- und forstwirtschaftlichen Begleitplanung statt. Der Hof wird nicht mehr als Landwirtschaftsbetrieb genutzt, bis eine Entscheidung im Rahmen des geplanten Realersatzes gefallen ist.» In der Zwischenzeit werde die Liegenschaft temporär genutzt. Wie genau, dazu äussert sich der Kanton nicht.

Nebst dem Althof hat der Kanton Luzern übrigens auch den Seehof in Ebikon als Realersatz reserviert. Laut Urs Zehnder hat der dortige Pächter 2006 von sich aus gekündigt, wodurch das Grundstück kurzfristig verfügbar ist. Andere Kündigungen würden zurzeit nicht anstehen. Da es sich jedoch abzeichnet, dass der Bedarf über den zurzeit verfügbaren Realersatz hinausgeht, ist die Dienststelle Immobilien seit 2015 daran, Verhandlungen mit potenziellen Verkäufern von Landwirtschafts- und Waldgrundstücken aufzunehmen.

Hinweis
Die Versteigerung auf dem Althof in Ebikon findet diesen Samstag ab 9 Uhr statt (inklusive Festwirtschaft und Live Musik am Abend).

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