EBIKON: «Wir wollen auf eigenen Füssen stehen»

42 Asylbewerber leben im «Löwen» in Ebikon. Sie wollen möglichst schnell Deutsch lernen. Denn die Chancen auf Asyl stehen gut.

Beatrice Vogel
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Zwei Asylbewerberinnen kochen in der grossen Küche im Löwen ihr Mittagessen. (Bild Pius Amrein)

Zwei Asylbewerberinnen kochen in der grossen Küche im Löwen ihr Mittagessen. (Bild Pius Amrein)

Aufmerksam hören die Schüler der Lehrerin zu. Sie antworten eifrig auf die Fragen, stellen Rückfragen, machen sich Notizen. Wir sind im Deutschunterricht in der Asylunterkunft in Ebikon, die aufmerksamen Schüler sind Asylsuchende. Die meisten von ihnen stammen aus Eritrea, einige aus Syrien, Sri Lanka und Äthiopien. Seit wenigen Wochen leben sie nun im ehemaligen Hotel Löwen. 42 Personen wohnen insgesamt hier, für bis zu 60 Personen bietet die Unterkunft Platz. Es sind vor allem Frauen und Familien mit Kindern.

«Unabhängig und selbstständig»

Deutsch zu lernen ist für die Asylbewerber das Wichtigste. Dies jedenfalls sagen sie, wenn man nach ihren Zielen fragt: «Deutsch lernen, arbeiten, unabhängig und selbstständig sein», zählt Feven auf. «Wir machen Schritt für Schritt, damit wir irgendwann auf eigenen Füssen stehen», sagt die 24-jährige Eritreerin. Viermal pro Woche arbeitet Feven in Littau und putzt Wohnungen, welche die Caritas unterhält. Ein Beschäftigungsprogramm, für welches sie auch ein Taschengeld von monatlich 200 Franken erhält. An einem Tag in der Woche bleibt sie in Ebikon, um den Deutschkurs zu besuchen.

Jeden Abend lernen die Asylsuchenden gemeinsam in Kleingruppen. Die Lerngruppen haben sie selbst organisiert. Damit sie die deutsche Sprache möglichst bald so gut beherrschen, dass sie auch mit der Aussenwelt in Kontakt treten können. «Wenn ihr die Sprache sprecht, klappt die Integration besser», sagt ihnen Olivier Bucheli, Betreuer und Unterkunftsleiter der Caritas in Ebikon.

Integrationsmöglichkeiten gibt es in Ebikon über das Café mix, welches einmal im Monat im katholischen Pfarreiheim – direkt neben dem «Löwen» – stattfindet. Bis jetzt seien noch nicht viele Asylbewerber ins Café gekommen, sagt die Veranstalterin Trix Unternährer. «Es läuft erst an», sagt sie. «Sie brauchen Zeit, um sich einzugewöhnen.» Im Moment sind keine weiteren Integrationsangebote von Seiten Gemeinde oder Pfarrei geplant. Je nach Nachfrage könnte sie das Angebot aber erweitern, sagt Unternährer.

Arbeiten gegen Langeweile

Manche Asylbewerber arbeiten wie Feven für die Caritas, einige sind in der Kleiderzentrale in Waldibrücke beschäftigt. Demnächst kommen Littering- und Landwirtschaftseinsätze hinzu. Auch die Gemeinde Ebikon würde gemäss Gemeindepräsident Daniel Gasser bei Bedarf Beschäftigungsmassnahmen anbieten. «Alle wollen arbeiten, um beschäftigt zu sein», sagt Olivier Bucheli. Bestes Beispiel: Yonas (36) aus Eritrea, der mit seiner Frau und dem vierjährigen Sohn im «Löwen» untergebracht ist. «Ich möchte noch mehr arbeiten», sagt er und fragt deshalb oft bei den Betreuern nach, ob er helfen könne. Bisher hatte Yonas nicht das Glück, in einem der Beschäftigungsprogramme ausserhalb Ebikons Arbeit zu erhalten. Dafür hilft er im Haus. Etwa beim Aufbauen von Betten für die noch kommenden Bewohner.

«Mit so vielen Leuten im Haus muss jeder mithelfen, damit es sauber bleibt und Ordnung herrscht», sagt Olivier Bucheli. Deshalb hat jeder Bewohner ein «Ämtli»: Putzen, Waschen, im und ums Haus aufräumen. Bald wird auch eine Kinderkrippe eingerichtet, wo die Kinder spielen können, während die Eltern beispielsweise im Deutschunterricht sind. «Wir sind noch immer in der Einrichtungs- und Aufbauphase», erklärt Bucheli. Auch ein Pingpongtisch und ein «Töggelikasten» stehen im Haus. Und natürlich kochen die Bewohner selbst.

Nachts patrouilliert die Securitas

Seit Anfang März sind nicht nur mehr Bewohner, sondern auch mehr Betreuer im Haus. Da ist der Standortverantwortliche Bucheli, eine weitere Betreuerin, die zu 50 Prozent angestellt ist, ein Praktikant, ein Zivildienstleistender und ein Hauswart (20 Prozent). Ausserdem die Nachtwache, welche von 17 bis 8 Uhr anwesend ist. Zusätzlich patrouilliert noch jede Nacht ein Securitas-Mitarbeiter ums Haus. Bucheli: «Wir hatten bis jetzt keinen einzigen Streit oder anderen Zwischenfall. Es ist alles sehr harmonisch.» Dies bestätigt Gemeindepräsident Daniel Gasser: «Es ist sehr ruhig.» Auch von Seiten der Begleitgruppe habe er keine negativen Rückmeldungen erhalten.

Die Asylbewerber haben sich an klare Regeln zu halten: Es gibt ein striktes Rauch- und Drogenverbot, jeder muss sich am Unterhalt des Hauses beteiligen. Ab 22 Uhr ist Nachtruhe, die Türen sind ab dann geschlossen. Hält sich jemand nicht an die Regeln, kann er sanktioniert werden. «Die Bewohner müssen selbst Verantwortung übernehmen», erklärt Bucheli. «Schliesslich sind das vernünftige Erwachsene.» Die Leute sollen an das Leben in der Schweiz gewöhnt werden und daran, irgendwann einen eigenen Haushalt zu führen. «Dazu gehören auch Dinge wie Recycling oder sich um Termine bei Ämtern kümmern», so Bucheli.

Alle Asylsuchenden im «Löwen» haben den Status N. Das bedeutet, dass sie sich noch in einem laufenden Asylverfahren befinden. Irgendwann werden sie vom Bund zu einer zweiten Befragung vorgeladen. Danach wird entschieden, ob sie als anerkannte Flüchtlinge (Ausweis B) oder vorläufig Aufgenommene (Ausweis F) in der Schweiz bleiben dürfen. Es besteht auch die Möglichkeit, dass sie in ihr Land zurückgeschickt werden. Für Flüchtlinge aus Eritrea ist die Chance aber gross, Asyl zu erhalten. Der «Löwen» wird sicher bis Ende März 2016 als Asylunterkunft zwischengenutzt.

Beatrice Vogel