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Ärzte fürchten sich vor dem Datenfriedhof: Digitale Patientenakten spalten Luzerner Gesundheitsexperten

Das elektronische Patientendossier des Bundes wie auch das Patientenportal des Luzerner Kantonsspitals sollen die Qualität der Behandlung steigern. Einen wichtigen Leistungserbringer vermögen sie noch nicht zu überzeugen.
Evelyne Fischer
Patientenakten sollen in Spitälern künftig auch in elektronischen Dossiers abgelegt werden. (Symbolbild: Boris Bürgisser, Luzern, 1. Dezember 2015)

Patientenakten sollen in Spitälern künftig auch in elektronischen Dossiers abgelegt werden. (Symbolbild: Boris Bürgisser, Luzern, 1. Dezember 2015)

Um unnötige Behandlungen zu vermeiden und das Risiko von Fehldiagnosen zu minimieren, setzen die Spitäler auf die Digitalisierung: Schweizweit führt der Bund ab April 2020 das elektronische Patientendossier (EPD) ein. Parallel dazu erarbeitet das Luzerner Kantonsspital das Patientenportal «Mein Luks», das Teil des neuen Klinikinformationssystems «Lukis» ist.

Während das EPD eine reine Dokumentenablage ist, geht «Mein Luks» darüber hinaus: ein Patient wird selber überprüfen können, ob seine Medikamente erfasst sind, er kann Blutdruckwerte dokumentieren lassen oder nach einer Erstzuweisung Spitaltermine buchen. Der Patient wird laut Luks in Zukunft «ein Stück weit Teil des Behandlungsteams sein».

Ärztegesellschaft sagt: «Weniger wäre mehr»

Befragt man Leistungserbringer in der Behandlungskette zu diesen Neuerungen, ist der Tenor nicht nur positiv. Skeptisch gegenüber dem elektronischen Patientendossier ist die Ärztegesellschaft des Kantons Luzern: «Für uns gibt es noch zu viele offene Fragen», sagt Präsident Aldo Kramis. Wer übernimmt die Kosten? Welche Software-Schnittstellen braucht es? Wer hat die Zeit, die Daten einzulesen? «Das elektronische Patientendossier des Bundes kommt Bürgern zugute, die viele gesundheitliche Probleme haben», sagt Kramis.

«Weil bei solchen polymorbiden Patienten über die Jahre eine umfangreiche Krankengeschichte zusammenkommt, werden Datenfriedhöfe entstehen, die niemand mehr überblickt.»

Weniger wäre mehr, sagt Kramis: «Wenn wir nur schon ein Resümee der Diagnose, eine Medikationsliste, aktuelle Laborwerte sowie den Impfstatus zwischen Spitälern, Spitex-Organisationen, Heimen und Spezialisten austauschen könnten, wären wir mehr als zufrieden.» Doch bereits die unterschiedliche Software der Praxen sei ein Problem.

Einen ersten Schritt in diese Richtung macht das Luks. «Nebst dem Patientenportal ‹Mein Luks› bauen wir auch ein Zuweiserportal auf. Das soll den Informationsaustausch mit unseren zuweisenden Haus- und Fachärzten vereinfachen», sagt Xaver Vonlanthen, Projektleiter Lukis, auf Anfrage.

Verein bereitet die Einführung des elektronischen Patientendossiers vor

Derweil Hausärzte weiterhin auf das freiwillige Mitmachen beim EPD pochen, ist dessen Einführung für Pflegeheime und Geburtshäuser bis April 2022 Pflicht. Roger Wicki, Präsident von Curaviva Luzern, dem Verband der Alters- und Pflegeheime, begrüsst das E-Patientendossier:

«Damit lassen sich Prozesse zwischen den Leistungserbringern effizienter abwickeln und der Patient erhält mehr Transparenz.»

Wicki sitzt im Vorstand des Vereins eHealth Zentralschweiz, der in dieser Versorgungsregion die Einführung des EPD vorbereitet. «Es ist gelungen, auch den Apothekerverein Luzern, den Spitex-Kantonalverband sowie die Ärztegesellschaft in den Verein zu holen.» Wicki hofft, dass diese Leistungserbringer den Nutzen erkennen und möglichst lückenlos mitmachen. Denn wie gesagt: Für Arztpraxen, Apotheken, Spitex-Dienste oder Physiotherapeuten ist eine Teilnahme am EPD freiwillig.

Kaum Überzeugungsarbeit dürfte es bei der öffentlichen Spitex brauchen: «Unsere Organisationen sind bereits digital unterwegs, mit mobilen Geräten und die meisten auch mit elektronischen Pflegedokumentationen», sagt Peter Schärli, Präsident des Kantonalverbands. «Die Infrastruktur für die Umsetzung des E-Patientendossiers ist vorhanden.» Schärli erwartet eine stufenweise Einführung. «Vereinzelt werden Organisationen vermutlich zuwarten.» Immer die aktuellsten Daten zur Verfügung zu haben, sei ein grosser Vorteil. «Als Risiko betrachte ich die Datensicherheit. Es ist möglich, dass Patienten zurückhaltend reagieren, weil sie Lücken beim Datenschutz befürchten.»

Heimverband sieht Potenzial im Patientenportal

Vom geplanten Patientenportal «Mein Luks» des Kantonsspitals haben Kramis, Wicki und Schärli durch unsere Zeitung erfahren. Schärli vom Spitex-Kantonalverband will sich noch nicht dazu äussern. Roger Wicki von Curaviva Luzern zeigt sich von «Mein Luks» beeindruckt:

«Ich bin überzeugt, dass dies ein Quantensprung für die Patienten und das Behandlungspersonal sein wird.»

Wicki ist Co-Geschäftsleiter im Pflegeheim «Seeblick» in Sursee. «Jährlich kommen über 140 Patienten direkt vom Luzerner Kantonsspital zu uns. Auch in der Nachbehandlung arbeiten wir eng mit dem Luks zusammen. Die Entwicklung eines solchen Portals dürfte daher für unser Pflegefachpersonal eine grosse Erleichterung sein – sofern die Patienten ihnen den Zugriff auf die Daten erlauben.»

Weit kritischere Töne schlägt Aldo Kramis, Präsident der Luzerner Ärztegesellschaft, an. «Mein Luks» müsse seine Praxistauglichkeit beweisen. «Im Gesundheitssystem muss der Hausarzt der Weichensteller bleiben», sagt Kramis. «Blockieren ängstliche oder psychosomatische Patienten alle Termine, bleibt uns Ärzten keine Zeit mehr für jene, die sie noch nötiger hätten.» Wenn «Mein Luks» helfe, «rascher kompetente Entscheide» zu treffen, unterstütze er dies. Aber Kramis ortet auch hier ein Ressourcenproblem:

«Ihren Nutzen entfalten solche Portale erst, wenn die Daten aktiv bewirtschaftet werden.»

So digital sind andere Kliniken

Mit dem Patientenportal, das viele Zusatzfunktionen aufweist, dürfte das Luzerner Kantonsspital eine Vorreiterrolle einnehmen. Ende 2018 hat auch das St. Galler Kantonsspital als Pilotprojekt in drei Kliniken ein Portal eingeführt – in abgespeckter Form: Für Termine bei der Neurologie, der Dermatologie/Allergologie sowie der Neurochirurgie kann man sich neu online registrieren. «Jeder Patient erhält ein Login und kann auf Wunsch den Fragebogen sowie das Personalienblatt für die Anmeldung zu Hause ausfüllen», sagt Daniel Steimer, Leiter der Unternehmenskommunikation. Das spare Zeit und minimiere Fehler, da das Abschreiben handschriftlicher Angaben entfalle. «Auf dem Portal sind auch Infos zum Spitalaufenthalt und zur Anreise zu finden.» Zur Nachfrage liegen noch keine Zahlen vor. Das Pilotprojekt läuft bis 2020. Später sollen weitere spitalspezifische Dokumente abgelegt werden können.

Zuger Start-up setzt im Wartezimmer an
Die Digitalisierung im Gesundheitswesen vorantreiben will auch Reto Kaul (31): Der Zuger Arzt ist CEO des 2016 gegründeten Start-ups Sublimd, dessen Software die Dokumentation erleichtern. «Im Wartezimmer füllt der Patient auf dem Tablet einen umfassenden Fragebogen aus», sagt Kaul. Die Software generiert aus den Angaben in Echtzeit einen Bericht für die Dokumentation. «Studien zeigen: Die administrative Arbeit frisst einen Drittel der Zeit eines Assistenzarztes. Hier setzt unsere Software an», so Kaul. «Eine Weiterentwicklung Richtung Patientenportal ist aktuell kein Thema.» Drei Spitäler und zwei Praxen arbeiten bereits mit Sublimd, darunter eine Gruppenpraxis in Altdorf. Das Start-up ist mehrfach preisgekrönt: 2018 gewannen Kaul und Co. etwa den Zuger Jungunternehmerpreis und den «Start-up Slam» der Industrie- und Handelskammer München und Oberbayern am Europäischen Gesundheitskongress München. (fi)

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