EGOLZWIL: Wo Internierte Schuld sühnten

Mit dem Film «Notlandung» sollen im Dorf die Erinnerungen an ein dunkles Kapitel der Geschichte präsent werden. Aber nicht nur.

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Ein rauher Ort – speziell im Winter: In diesen Baracken im Wauwilermoos hausten straffällige Internierte während des Zweiten Weltkriegs. (Bild: PD)

Ein rauher Ort – speziell im Winter: In diesen Baracken im Wauwilermoos hausten straffällige Internierte während des Zweiten Weltkriegs. (Bild: PD)

Ernesto Piazza

Zirka 104 000 ausländische Soldaten flüchteten während des Zweiten Weltkriegs in die Schweiz. Beim Grenzübertritt wurden sie entwaffnet und erhielten als «Internierte» Schutz. Meistens fanden sie Quartier in den Dörfern. Von 1941 bis 1945 betrieb das schweizerische Kriegskommissariat auch das Internierten-Straflager Wauwilermoos. Dorthin kamen diejenigen, welche bei illegalen Fluchtversuchen oder bei zivilen Delikten erwischt worden waren. «Das Lager war hermetisch abgeriegelt, und hatte wegen des ruchlosen Kommandanten einen üblen Ruf», sagt der ehemalige Egolzwiler Gemeindepräsident Alois Hodel. Er ist mitverantwortlich, dass dieser dunkle Teil der Geschichte im Dorf am Santenberg wieder Konturen bekommt.

Und so wird heute Freitag, um 17 Uhr, bei der Strafanstalt Wauwilermoos ein «Gedenkstein gegen das Vergessen» enthüllt. Im Gemeindezentrum Egolzwil ist eine Ausstellung zum Interniertenwesen zu sehen, und ab 19.30 Uhr wird der fast einstündige Film «Notlandung» des Lausanner Regisseurs Daniel Wyss gezeigt. Er dokumentiert vor allem die Erlebnisse einiger US-Kampfpiloten, welche mit ihren B-17-Bombern in der Schweiz notgelandet und wegen Fluchtversuchen im «Mösli» inhaftiert waren. Im Anschluss folgt ein Podiumsgespräch.

Durch Stacheldraht abgeschottet

Im Internierten-Straflager Wauwilermoos waren in 22 Baracken gegen 900 Menschen einquartiert. Das Lager befand sich nur unweit von der heutigen Strafanstalt entfernt. Die Anlage war von Stacheldraht umgeben und wurde von Soldaten der Schweizer Armee bewacht.

Doch damals – wie übrigens heute noch – habe dazu eine sonderbare Distanz geherrscht, weiss Hodel. «Während 70 Jahren wurde ausgeblendet, was in unmittelbarer Nähe der eigenen Haustüre passiert war.» Und obwohl viele Begebenheiten nur vom Hörensagen bekannt sind: «Die breite Öffentlichkeit darf heute wissen, was dieses dunkle Kapitel beinhaltet», betont Hodel.

Gleichzeitig weist er auch auf viele positive Erlebnisse mit den regulär einquartierten Inhaftierten hin. Hodel sagt: «Mit diesem Anlass wollen wir eine nachhaltige Erinnerungskultur schaffen.»

Im Gegensatz zu den eher unrühmlichen Zuständen im damaligen Straflager Wauwilermoos war die Anwesenheit der regulären Internierten für die schweizerische Bevölkerung eine bereichernde Zeit. Daran erinnern sich noch viele Zeitzeugen – beispielsweise in Dagmersellen, Schötz, Pfaffnau, Willisau oder Sempach. «Die dort einquartierten Menschen arbeiteten meistens in der Landwirtschaft oder bei kommunalen Infrastrukturbauten mit und unterstützten die Einheimischen in willkommener Weise», sagt Hodel.

Auf diese Weise kamen unterschiedliche Kulturen einander näher. «Dankesschreiben nach Kriegsende dokumentieren noch heute diese Ereignisse in einer ganz schwierigen Zeit», sagt Hodel. Als markiges Beispiel erwähnt er die 2. polnische Schützendivision. Sie floh innert wenigen Nächten im Jura zu Tausenden in die Schweiz.

Gemeinsame Trägerschaft

Als Filmemacher Daniel Wyss im Herbst 2014 nach Zeitzeugen suchte, habe er bei ihm nachgefragt, sagt der ehemalige Egolzwiler Gemeindepräsident. Den Impuls für die Recherche des Lausanners lieferte eine Ordensverleihung an amerikanische Kriegsgefangene vom April 2014 im Pentagon in Washington. Die dekorierten Fliegersoldaten – alle bereits um die 95 Jahre alt – gehörten zu den Internierten im Wauwilermoos.

Nachgebauter Bomber ausgestellt

Hodel vermittelte Wyss den Zugang zu den letzten noch lebenden Zeitzeugen in der direkten Umgebung des Straflagers. Im Gegenzug wünschte er, die Filmpremiere in Egolzwil durchzuführen. Neben dem von ihm präsidierten kulturellen Verein «Spektrum Egolzwil-Wauwil» gehört auch die Heimatvereinigung Wiggertal zur Trägerschaft. Das breit gefächerte Programm kostet gegen 15 000 Franken. Sponsoren finanzieren es mit. Anstelle eines Eintritts wird eine Kollekte aufgestellt. Kulinarisch gibt es im Gamellendeckel eine Urdinkel-Suppe mit Krakauer Wurstwürfel und Urdinkel-Brötchen.

Als spezielle Attraktion kann man den Bomber von Landwirt Eugen Wüest aus Wilihof bestaunen. Der 4,5 Tonnen schwere, 11 Meter lange und einer Spannweite von 14,5 Meter besitzende Flieger weist 2/3-Originalgrösse auf. «Da ihn Wüest am 1. August nicht verbrennen lassen durfte, werden wir ihn ausstellen und dann fachgerecht entsorgen lassen», so Hodel. Über 230 solcher B-17-Originalexemplare sind während des Zweiten Weltkriegs in der Schweiz notgelandet.

Hinweis

Alle Informationen zum Anlass gibt es unter www.vereinspektrum.ch oder www.hvwiggertal.ch. Am 28. Oktober wird der Film «Notlandung» als Dok-Film im SRF ausgestrahlt.