Ehemaliger Denkmalpfleger bezeichnet Theater-Gutachten als «mangelhaft»

Die Erneuerung der Luzerner Theater-Infrastruktur bleibt umstritten. Ueli Habegger übt harte Kritik am Gutachten aus Bern. Er spricht sich auch dezidiert gegen eine Erhaltung der Theater-Nordfassade aus.

Hugo Bischof
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Das Luzerner Theater: Der Wert der Nordfassade (links) ist äusserst umstritten.

Das Luzerner Theater: Der Wert der Nordfassade (links) ist äusserst umstritten.

Bild:Corinne Glanzmann (Luzern, 29.November 2018)

Die Debatte um die Erneuerung der Luzerner Theater-Infrastruktur ist angesichts der Corona-Krise wie so vieles andere in den Hintergrund gerückt. Das heisst aber nicht, dass sie ruht. Aktuell meldet sich Ueli Habegger, der einstige Denkmalpfleger der Stadt Luzern zu Wort. Seine 17-seitige Schrift unter dem Titel «Anmerkungen aus denkmalpflegerischer Sicht» dürfte Aufsehen erregen.

Habegger äussert sich zum Gutachten, das die Eidgenössischen Kommissionen für Denkmalpflege (EKD) und Natur- und Heimatschutz (ENHK) im Juli 2019 veröffentlichten. Darin wird unter anderem gefordert, zumindest die Nordfassade des Theatergebäudes stehen zu lassen. Das Gutachten der beiden eidgenössischen Kommissionen sei «mangelhaft, in sich widersprüchlich und deshalb fragwürdig», kritisiert Habegger.

Luzerner Theater stand nie im Zentrum der Stadtplanung

Habegger wirft dem Gutachten elementare Mängel vor. So enthalte es «weder eine bautypologische Aufarbeitung der Theaterarchitektur noch eine für die Eigentümerin der Liegenschaft, die Stadt Luzern, nützliche denkmalpflegerische Schutzanalyse». Die Siedlungsstruktur entlang der Bahnhofstrasse in Luzern habe sich zudem anderes entwickelt als im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung (ISOS) dargestellt (auf diese stützt sich das Gutachten). Das 1839 erstellte Theatergebäude von Louis Pfyffer von Wyher sei im Zeitpunkt seiner Entstehung nicht im Zentrum der Stadtentwicklung gestanden, «sondern im Gegenteil peripher, also «ausserhalb der zentralen und privilegierten Lagen der Stadt Luzern». Auch habe sich die Siedlungstätigkeit längs der Bahnhofstrasse Luzern vom (neuen) Bahnhofplatz bis zum Theatergebäude - anders als im Gutachten dargestellt - «uneinheitlich und wenig planvoll» entwickelt. Habegger kritisiert auch, dass das städtische Ressort für Denkmalpflege und Kulturgüterschutz bei der Begutachtung nicht vertreten war. Auch seien offenbar wesentliche Standardwerke zur Bauhistorik und Theaterarchitektur bei der Begutachtung nicht berücksichtigt worden.

«Keine taugliche Grundlage für Architekturwettbewerb»

Das Theater als «Monumentalbau» zu bezeichnen, sei «vermessen», so Habegger. Auch sei die Darstellung des linken Reussufers im ISOS-Inventar und somit auch im Gutachten «tendenziös und historisch nicht haltbar». Sie eigne sich «nicht als Grundlage für eine sichere städtebauliche Beurteilung des alten Theatergebäudes». Gemäss Gutachten würde ein Abriss des heutigen Theatergebäudes «zu einer «schweren Beeinträchtigung des Ortsbilds von nationaler Bedeutung führen». Habegger kontert: Die zahlreichen Umbauten im Lauf der Zeit hätten «die Denkmalwerte des Luzerner Theatergebäudes sehr stark gemindert.» Vor allem die klassizistische Fassade an der Bahnhofstrasse sei durch die Umbauten im 19. Jahrhundert «markant verändert» worden. Diese zu erhalten, wäre «keine taugliche Grundlage für einen Architekturwettbewerb», so Habegger.

Die umstrittene Nord-Fassade.

Die umstrittene Nord-Fassade.

Photo:roger Gruetter / rogergruetter.com

Aufgrund des Gutachtens wurde gar die Idee ins Spiel gebracht, das alte Theater teils abzureissen und nur die Nordfassade zu erhalten. Dazu schreibt Habegger:

«Nur die Nordfasse erhalten zu wollen, gleicht dem verzweifelten Versuch, einer seit langem durch Auszehrung dahinsiechenden Urgrossmutter mittels einer kosmetischen Aufpeppung eine Sekunde Ewigkeit zu bescheren.»

Gutachten eher eine «einschüchternde Drohung»

Das Gutachten ruft auch die Einhaltung der Gewässerschutzrichtlinien in Erinnerung. «Das Baufeld für die neue Theaterinfrastruktur tangiert weder die Reuss noch die bestehende Uferbefestigung/Uferböschung», schreibt dazu Habegger. «Es gefährdet auch nicht den kantonalen Hochwasserschutz und ist als städtischer Baubereich mit Frischwasserzufuhr und Abwasserentsorgung längst erschlossen.» So bleibe einzig der Grundwasserschutz ein wichtiges Kriterium für das Gutachten. Habegger zeigt sich diesbezüglich «überrascht, dass die kantonale Dienststelle Umwelt und Energie die Projektskizzen der Theaterplanung nicht beurteilt hat, bevor der Kanton damit an die Öffentlichkeit ging». Erstaunlich sei auch, dass die Verfasser des Gutachtens «keine für die Projektverantwortlichen dienlichen Beurteilungen und Hinweise zur Zahl der Untergeschosse abgegeben haben». Der Verweis auf die Gewässerschutzverordnung des Bundes mute deshalb «eher als einschüchternde Drohung denn als zielführende Beratung an».

Habegger hat seine «Bemerkungen» im Zeitraum zwischen Dezember 2019 und März 2020 aus eigener Initiative verfasst. Zwei Dinge hätten ihn dazu bewogen, sich analytisch mit dem Gutachten auseinanderzusetzen: «Die inneren Widersprüche im Gutachten selbst und die falsche denkmalpflegerische Haltung, die Nordfassade als Kulissen-Architektur in die Entwicklung einer neuen Theaterinfrastruktur einzubeziehen.»

Neue Machbarkeitsstudie soll noch im Frühling vorliegen

Man nehme Habeggers «Bemerkungen» als private Meinung zur Kenntnis, sagt Rosie Bitterli, Geschäftsführerin der Projektierungsgesellschaft Neue Theaterinfrastruktur, auf Anfrage. Die Projektierungsgesellschaft habe darüber noch nicht diskutiert. Die Planung laufe wie vorgesehen weiter. Eine beim Luzerner Architekten Max Bosshard in Auftrag gegebene Machbarkeitsstudie soll klären, wie den Wünschen der eidgenössischen Kommissionen nachgekommen werde kann. Die Studie soll im Verlauf des Frühlings vorliegen. Für Bitterli ist klar:

«Im Fall einer Beschwerde oder Einsprache hätte das Gutachten der eidgenössischen Kommissionen vermutlich mehr Gewicht als Habeggers ‹Bemerkungen›.»

Soll das heutige Luzerner Theatergebäude abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden? Oder soll es erhalten und saniert und um einen Zusatzbau erweitert werden? Diese Frage ist immer noch offen. Das Theatergebäude steht weder unter dem Schutz des Kantons noch jenem der Eidgenossenschaft. Das Ortsbild rund um Theater und Jesuitenkirche ist im Inventar der schützenswerten Ortsbilder Schweiz ISOS eingetragen.

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