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Ehemaliger Leiter kämpft um Übergangsheim Berghof in St. Urban

Unlängst hat die Luzerner Psychiatrie das Übergangsheim Berghof geschlossen. Ein Fehlentscheid, findet Josef Jenni, der langjährige Leiter der Institution. Aber auch Krankenversicherer lassen an der offiziellen Begründung zweifeln.
Raphael Zemp
Josef Jenni (75) leitete den Berghof während 31 Jahren. (Bild: Boris Bürgisser (St. Urban, 21. Dezember 2018))

Josef Jenni (75) leitete den Berghof während 31 Jahren. (Bild: Boris Bürgisser (St. Urban, 21. Dezember 2018))

Warum nur musste es soweit kommen? Warum nur hat die Luzerner Psychiatrie (Lups) Knall auf Fall das Übergangsheim Berghof bei St. Urban geschlossen? Jener Hof, der über 80 Jahre lang psychisch kranken Menschen ein Zuhause geboten hat, aber auch eine Möglichkeit durchs Mitanpacken auf dem Hof und im Haushalt den Weg zurück in die Selbstständigkeit zu meistern (wir berichteten)? Immer wieder stellt sich der Pfaffnauer Josef Jenni (75) diese Fragen. Jenni war 13 Jahre lang Sozialvorsteher der Gemeinde Pfaffnau und langjähriger Friedensrichter ebendieser Kommune; vor allem aber hat er zusammen mit seiner Frau Brigitta (76) den Berghof bis 2006 geleitet – während 31 Jahren.

Das Heim auf einer Anhöhe zwischen Pfaffnau und Altbüron; es ist für Jenni mehr als bloss ein stattlicher Hof, mehr als zehn Gebäude und 14 Hektar Land, die sich um das imposante Hauptgebäude gruppieren – die 1740 errichtete Sommerresidenz des Klosters St. Urban. Es ist nichts weniger als sein Lebenswerk. Und auch wenn er kein Psychiater, sondern Landwirt ist, so versteht er doch einiges von der Materie – die Schliessung des Berghofs aber auch Wochen nach deren Bekanntwerden kein bisschen. Im Gegensatz zum letzten Leiterehepaar will Jenni den Entscheid der Lups nicht unkommentiert lassen.

Der Berghof wurde sukzessive ausgebaut

Die Luzerner Psychiatrie sagt: Der Sanierungsbedarf des Berghofs habe sich in den letzten Jahren massiv akzentuiert. Jenni hingegen betont: «Der Berghof ist keineswegs baufällig.» Zumindest in der über 30-jährigen Ära Jenni ist unablässig in den Berghof investiert worden; in eine geräumige Küche, in den mehrmaligen Um- und Ausbau der Zimmer, in eine neue Schnitzelheizung und einen Lift im Hauptgebäude. Und just vor der Jahrtausendwende hat der Sturm Lothar provoziert, was Jennis mehrmals beantragt hatten: Die Dächer von Haupthaus und Scheune wurden komplett saniert, für über eine halbe Million Franken. Noch 2006 schrieb der damalige Psychiatrie-Direktor Urs-Peter Müller in der Verabschiedung des Leiterehepaars Jenni, der Berghof sei stets «in sehr gutem und gepflegtem Zustand» geblieben. «Und jetzt will man diese Infrastruktur einfach nicht mehr nutzen?», fragt Jenni ungläubig.

Die Luzerner Psychiatrie sagt: Der Betrieb sei zu wenig wirtschaftlich und es gebe keine Anzeichen dafür, dass sich dies in geraumer Zeit ändern werde. Auch Jenni weiss: Einen solchen Heim-Hof ökonomisch sinnvoll zu bewirtschaften, ist schwierig – aber nicht unmöglich. So verpackte Jenni mit seinen Heimbewohnern etwa jahrelang Holz, in einer eigens zu diesem Zweck auf dem Berghof-Hügel errichteten Halle – bis zu 3500 Ster im Jahr.

«Das Geschäft lief so gut, dass es schon fast keine Arbeitstherapie mehr war!»

erinnert sich Jenni. Auch die Pferde-Pension erwies sich als lukrativer Betriebszweig und zudem liessen sich Kosten sparen, weil das, was auf dem Teller landete, zu einem grossen Teil aus eigener Produktion stammte. Jenni nimmt für sich in Anspruch, mit Willen und einem wirtschaftlichen Grundverständnis einen grossen Beitrag zur Kostendeckung geleistet zu haben.

Kein x-beliebiges Wohnheim

Julius Kurmann, Chefarzt Stationäre Dienste der Lups sagt: «Die Schliessung ist aus ärztlicher Sicht verantwortbar.

Es hat sowohl in Luzern wie auch in den umliegenden Kantonen genügend Angebote für Menschen mit psychischen Erkrankungen, die einen Wohnheimplatz suchen.»

Mag sein, bloss: Der Berghof war kein x-beliebiges Wohnheim, es war eine für den Kanton Luzern einmalige Institution. Die Jennis haben mit bis zu 15 Bewohnern zusammengelebt, unter einem Dach, Tag und Nacht. Der Berghof war nicht nur für ihre vier Kinder, sondern auch für die psychisch erkrankten Menschen ein «Deheime», eine einzige grosse Familie. Dabei haben Jennis Mal um Mal beobachten können, wohin Fingerspitzengefühl und Respekt führen können, haben Depressive und Alkoholiker aufblühen, Angstzustände und Minderwertigkeitsgefühle verfliegen sehen.

Wohl auch, weil auf dem Berghof im Gegensatz zu herkömmlichen Wohnheimen auch ordentlich angepackt wurde. «Sinnvolle Arbeit ohne Leistungsdruck trägt entscheidend zur psychischen Genesung bei», weiss Jenni aus Erfahrung. «Beim Jäten etwa wurde ich in Geheimnisse eingeweiht, die zuvor während vieler Klinik-Sprechstunden unausgesprochen blieben», erinnert sich Brigitta Jenni. Das Anpacken in der Natur gepaart mit familiären Strukturen hat dabei auch nichts an Aktualität eingebüsst. Das zeigt auch der Heim-Hof Brotchorb im zürcherischen Stallikon, der nach dem gleichen Prinzip funktioniert wie der Berghof – mit grossem Erfolg (siehe Nachgefragt). Für Jenni ist deshalb klar: Von einem Berghof-Angebot unter kompetenter und einfühlsamer Leitung und mit Rückendeckung der Lups könnten auch künftig viele Patienten profitieren. Und auch die Steuerzahler, kostet doch ein Berghof-Betreuungsplatz deutlich weniger als ein Langzeit-Klinikaufenthalt.

Widersprüchliche Begründung

Die Luzerner Psychiatrie sagt: Schuld an der Schliessung sind nicht zuletzt die Krankenversicherer, die Angebote wie jenes des Berghofs nicht mehr länger finanzieren wollen. Den Schwarzen Peter aber lassen sich diese von der Lups nicht zuschieben. Die Krankenversicherungen hätten nichts mit der Schliessung des Berghofs zu tun, sagt Christophe Kaempf, Pressesprecher von Santésuisse, dem Branchenverband der Versicherer. «So lang ein Heim durch den Kanton zugelassen ist, sind die Krankenkassen verpflichtet, die Leistungen zu übernehmen.» Dieser Pflicht komme man selbstverständlich nach.

Kaempf habe Recht, krebst Lups-Pressesprecher Daniel Müller zurück, als er mit dessen Aussagen konfrontiert wird. Allerdings seien die Versicherer indirekt dafür verantwortlich. Denn viele Patienten im Berghof seien weder ausschliesslich spital-, betreuungs-, noch pflegebedürftig gewesen – sondern irgendwo «dazwischen». Bis anhin hätte man für sie einen separaten Langzeittarif aushandeln können. Damit ist Schluss, seit das Tarifsystem Tarpsy in diesem Jahr in Kraft getreten ist. Allerdings hätten schon die zuvor ausgehandelten Tagespauschalen von zuletzt 180 Franken pro Patient die effektiven Kosten nicht mehr gedeckt.

«Es hat in Luzern genügend Angebote für Menschen mit psychischen Erkrankungen.»

Julius Kurmann, Chefarzt Stationäre Dienste der Lups

Und dann zaubert Müller gleich noch weitere Erklärungen aus dem Hut, die so explizit weder in einer Medienmitteilung standen, noch beim mehrmaligen Rückfragen zur Sprache kamen: Man hätte auf dem Berghof zusätzliches Personal einstellen müssen, um dem 2016 angepassten Lups-Arbeitsgesetz zu entsprechen. Um wie viele Stellenprozente es geht, das habe man «nicht mehr im Detail berechnet», aufgrund des Schliessungsentscheids. Zudem hätte ein separates, von der Klinik in St. Urban unabhängiges Sicherheitskonzept ausgearbeitet werden müssen. Darüber hinaus habe es Bedenken am Brandschutz gegeben.

Bedenken am Brandschutz? Das klingt für Jenni nach einer faulen Ausrede, denn schon seit 1981 sei jeder einzelne Raum im Hauptgebäude mit Brandmeldern ausgestattet. Es ist ein Einwand mehr, der wie die übrigen wohl unerhört bleiben wird. Denn für die Lups ist die Sache gegessen, die Episode Berghof Geschichte, weil finanziell nicht mehr tragbar – auch wenn sich das nicht überprüfen lässt, rückt die Lups doch keine Zahlen raus. Unterstützung braucht Jenni auch nicht von Guido Graf zu erwarten, dem Pfaffnauer CVP-Regierungsrat und Vorsteher des Gesundheits- und Sozialdepartements. Die Luzerner Psychiatrie könne unternehmerisch frei entscheiden – sofern das Spitalgesetz sowie die Leistungsvereinbarungen eingehalten würden, lässt Graf über seinen Departementssekretär Erwin Roos ausrichten. Denn seit 2006 sei sie eine «selbstständige Rechtspersönlichkeit im Eigentum des Kantons Luzern», wie auch das Luzerner Kantonsspital.

Ein letzter Silberstreifen am Horizont bleibt. Zwar pachtet Thomas Grüter, Pfaffnauer CVP-Gemeindepräsident und Grossbauer den benachbarten Berghof vorübergehend. Was definitiv mit der Immobilie geschehen soll, will die zuständige Kantonsbehörde in den nächsten zwei Jahren entscheiden. Vielleicht möchten Private den Berghof weiter als Heim betreiben?

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