EICH: Ein Sammler mit dem Auge fürs Detail

Kurt Loertscher (57) ist einer von acht aktiven Briefmarken-Prüfern in der Schweiz. Dank seiner Erfahrung und technischem Equipment kommt er dabei so mancher Fälschung auf die Spur.

Stephan Santschi
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Kurt Loertscher untersucht im Restaurant Sonne in Eich eine Brief­marke auf ihre Echtheit. (Bild: Nadia Schärli (20. Dezember 2016))

Kurt Loertscher untersucht im Restaurant Sonne in Eich eine Brief­marke auf ihre Echtheit. (Bild: Nadia Schärli (20. Dezember 2016))

«Schauen Sie, eine Marke ist 40 Franken wert, die andere finanziert Ihnen ein Auto.» Mit diesen Worten legt Kurt Loertscher ein Set mit Briefmarken auf den Tisch. In den Fokus rücken zwei Exemplare, auf denen die Stehende Helvetia abgebildet ist. Für den Laien schauen sie fast gleich aus: weisses Papier, braune Marke, gezähnter Rand, Stempel drauf. Wo liegt der Unterschied? «Im Papier», antwortet Loertscher und meint das Kontrollzeichen, das wie bei Banknoten Fälschungen ausschliessen soll. Verwendet wurde bei beiden ein Schweizer Kreuz, wie auf der Rückseite fein zu erkennen ist. Welches ist falsch? «Keines, beide sind echt.» Die Kreuze hätten aber unterschiedliche Masse. «Das neue Kontrollzeichen mit dieser Prägung ist viel seltener und deshalb viel teurer.»

«Jede Veränderung lässt den Wert in den Keller sinken»

Mit dem Erkennen solcher Details beschäftigt sich der 57-Jährige aus Eich täglich. Kurt Loertscher ist einer von acht aktiven Prüfern des Schweizerischen Briefmarken-Prüferverbands. Wenn ein Sammler eine neue Briefmarke anschaffen will oder ein Auktionshaus eine Versteigerung plant, lassen sie die Objekte vorher bei ihm auf Echtheit und Unversehrtheit durchchecken. «Kommt mein Okay, wird der Handel durchgezogen», erzählt er.

Während seiner Prüftätigkeit wertet Loertscher die Struktur des Papiers, Farbnuancen, die Zähnung, Kontrollzeichen, kurz: Er achtet darauf, wie gut alles erhalten ist. Vieles erkennt er von blossem Auge, anderes zeigt sich nach dem Einsatz der Lupe, des Binokulars und des UV-Lichts – etwa, wenn ein abgebrochener Zahn am Rand wieder angesetzt oder die verblasste Farbe mit einer chemischen Substanz geändert worden ist. «Jede Veränderung des Originalzustands lässt den Wert in den Keller sinken.»

Beschädigt er bei der Prüfung ausnahmsweise ein Objekt, kann es teuer werden. Die Haftpflichtversicherung des Verbandes habe er bisher aber noch nicht in Anspruch nehmen müssen.

Er kennt die verschiedenen Maschen der Betrüger

Auch Fälschungen kommen vor, zwar nicht täglich, aber doch regelmässig. So kann es sein, dass eine Briefmarke entfernt und durch eine bessere ersetzt oder der Stempel nachträglich angebracht wurde. Auch Nachgummierungen kann es geben, wobei die Briefmarke wieder mit dem Arabicum, das sich beim Benetzen ablöst, beschichtet wird, um dem Käufer ein nicht verwendetes Produkt vorzugaukeln. Das erhöht den Wert um 100 Prozent. Explosionsartig steigt der Preis, wenn eine Marke auf einem Brief klebt. «Absender, Empfänger, vielleicht sogar eine Durchgangsstation. Auf diese Weise erhält die Sache eine Geschichte.» Aus einem Franken nur für die Briefmarke können mit Brief schnell Tausende von Franken werden. Auch seltene Kombinationen von Briefmarken und Stempel sind attraktiv. Dann werden Preise bis zu einer Viertelmillion Franken gezahlt, so Loertscher. Er selber fokussiere sich auf die Prüfung von Schweizer Briefmarken nach 1882 und damit nicht auf die ganz alten und teuren Objekte, sondern auf solche, die maximal im fünfstelligen Bereich liegen.

Um die Echtheit solcher Raritäten nachzuweisen, reichten technisches Equipment und die Sehkraft nicht aus. Es braucht Erfahrung und Fachlektüre. Im Zumstein-Katalog sind alle Briefmarken seit Beginn, also seit 1843, mit Bild, Preiseinschätzung und weiteren Informationen aufgelistet. Darüber hinaus kann Loertscher sämtliche Stempeltypen der Schweiz in seinem Computer abrufen – rund 50 000 an der Zahl. Wenn also ein bestimmter Stempel auf einer Briefmarke oder einem Brief erscheint, der zu diesem Zeitpunkt gar nicht in Verwendung war, weiss der Fachmann schnell: Hier wird betrogen.

Kleiner Bub sammelt Briefmarken der Nachbarn

So teuer ein Objekt auch verkauft wird, für Loertscher fällt nicht viel ab. Ab 30 Franken gibt es ein Zertifikat für eine gewöhnliche Briefmarke oder einen Brief – bei einem Aufwand von 30 bis 60 Minuten. Bei teuer versteigerten Produkten können es anteilsmässig schon ein paar hundert Franken sein. Ums Geld geht es ihm auch nicht. Die Philatelie ist für den Qualitätsmanager der Flugzeugbranche seit der Kindheit ein Hobby. «Ich hatte die Wahl, Schmetterlinge oder Briefmarken zu sammeln. Und traf eine Entscheidung.» Für 40 Rappen kaufte ihm seine Mutter die ersten Briefmarken. Als er realisierte, dass jeder in der Nachbarschaft welche zu Hause hat, zog er von Tür zu Tür und begann mit der Sammlung. Zu zählen hat er lange aufgehört.

Neben der Prüfertätigkeit widmet sich Loertscher der Forschung auf seinem Spezial­gebiet – der Stehenden Helvetia. «Vieles ist in diesem Bereich noch unentdeckt, weil fast eine Milliarde solcher Briefmarken hergestellt wurde. Die eine oder andere Trouvaille wird sich schon noch finden lassen.»

Stephan Santschi

stephan.santschi@luzernerzeitung.ch