EIGNUNGSTESTS: «Vertrauen in Noten hat gelitten»

Lehrbetriebe setzen zunehmend auf private Eignungstests. Dabei stehen diese immer wieder in der Kritik. Das Problem: Schulzeugnisse sind für viele Lehrmeister heute kaum mehr verständlich.

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Wer eine Lehrstelle will, muss sich meistens einem Eignungstest unterziehen. (Bild: Getty)

Wer eine Lehrstelle will, muss sich meistens einem Eignungstest unterziehen. (Bild: Getty)

Roseline Troxler

Viele Firmen schauen bei den Schulabsolventen nicht nur auf die Zeugnisnoten oder beurteilen sie nach ihrem Schnupperpraktikum. Sie setzen auch auf Eignungstests. Solche werden von mehreren Firmen angeboten – etwa der Firma Multicheck. Hier können Schulabsolventen für 50 bis 100 Franken einen Eignungstest am Computer absolvieren. Eine ähnliche Prüfung bietet auch Basischeck an. Eine kostenlose Alternative ist der Stellwerktest, den Schüler in der 8. und 9. Oberstufe machen. Mit der Ausnahme von Uri absolvieren die Sekschüler aller Zentralschweizer Kantone mindestens einen dieser beiden Tests.

Laut der Dienststelle Berufs- und Weiterbildung haben Eignungstests vor allem bei Berufen mit hohen schulischen Anforderungen eine grössere Bedeutung. Christof Spöring, Leiter der Dienststelle, sagt: «Lehrbetriebe, welche viele Bewerbungen erhalten, legen bei der ersten Durchsicht tendenziell mehr Gewicht auf Zeugnisnoten und Eignungstests.»

Vielfalt der Tests ist gestiegen

Die verschiedenen Unternehmen verlangen von den Bewerbern oft unterschiedliche Tests. Fridolin Müller, Seklehrer und Vorstandsmitglied des Luzerner Lehrerinnen- und Lehrerverbands (LLV), bemängelt, dass sich Schüler einer Vielzahl von Tests stellen müssen und die Eltern häufig die Kosten tragen. «Man kann nicht den Test machen und dann gut vorbereitet für die Bewerbung sein», unterstreicht er. Die Vielfalt der Tests sei gestiegen. Auch innerhalb des Eignungstests gebe es Unterscheidungen – je nach beruflicher Ausrichtung.

Der Sinn solcher Tests wird immer wieder hinterfragt. 2013 erhielt die Firma Multicheck von der Gewerkschaft Unia einen Schmähpreis. Die Kritik: Der Test sei teuer, und man könne von diesem nicht mehr herauslesen als von den Zeugnisnoten. Auch Charles Vincent, Leiter der Dienststelle Volksschulbildung, sagt: «Den Einsatz spezifischer Eignungstests kann ich nachvollziehen. Allerdings gehe ich davon aus, dass Schnupperpraktika deutlich mehr aussagen als Tests, die ja nur eine Momentaufnahme darstellen.»

Zweifel an Aussagekraft der Noten

Dies sieht der Luzerner Gewerbeverband anders. Direktor Gaudenz Zemp sagt: «Da das Vertrauen in die Aussagekraft der Schulnoten gelitten hat, sind Arbeitgeber leider zunehmend gezwungen, zu diesem Mittel zu greifen.» Die mangelnde Vergleichbarkeit der Schulsysteme verschiedener Kantone und Länder macht die Beurteilung der Leistungsfähigkeit sehr anspruchsvoll. Sekundarlehrer Fridolin Müller kann dies nachvollziehen: «Viele Lehrmeister sagen, das Zeugnis sei nicht lesbar, was wahr ist.» Anders sieht dies Christof Spöring: «Die verschiedenen Niveaus in der Sekundarstufe ermöglichen ein differenziertes Abbild der Leistungen im Schulzeugnis. Dies erscheint aber manchen Lehrbetrieben zu kompliziert.»

Schule bietet eigenen Test an

Die Dienststelle Volksschulbildung hat auf die Entwicklung reagiert. Seit einigen Jahren wird in der 2. Sekundarschule der Leistungstest «Stellwerk 8» durchgeführt, in der neunten Klasse folgt seit 2010 «Stellwerk 9». Charles Vincent, Leiter der Dienststelle Volksschulbildung, sagt: «Der Stellwerktest wird heute in fast allen Deutschschweizer Kantonen durchgeführt. Deshalb wird er auch zunehmend von den Firmen anerkannt.» Lehrlingstests, welche die Leistungen der Schüler in den Unterrichtsfächern testen, wären durch den Stellwerktest eigentlich nicht mehr nötig, findet Vincent.

Gaudenz Zemp erachtet den Stellwerktest als zusätzliche Möglichkeit, Bewerber miteinander zu vergleichen. Er sagt aber: «Im Gegensatz zu den Stellwerktests kann der extern durchgeführte Multicheck nicht vorgängig geübt werden. Er liegt deshalb näher am effektiv messbaren Leistungsvermögen.» Laut Zemp sind die Werte von Multicheck durchschnittlich eine halbe Note unter den Zeugnisnoten und Stellwerkwerten. Fridolin Müller vom LLV sagt zum Stellwerk: «Die im Test erreichten Punkte können mit dem Anforderungsprofil des angestrebten Berufes verglichen werden, was hilfreich sein kann.» Er sieht im Test aber auch einen Nachteil. «Auf der 8. und 9. Stufe besteht die Gefahr, dass das Stellwerk zu einem heimlichen Lehrplan wird, weil die Lehrperson möchte, dass ihre Schüler möglichst überdurchschnittlich abschneiden.»

Unterschied bei der Zeitvorgabe

Christof Spöring sieht zwischen Stellwerk und anderen Eignungstests vor allem bei der Zeit einen Unterschied. «Der Stellwerktest lotet aus, was ein Schüler im Moment ohne grossen Zeitdruck maximal zu leisten fähig ist. Bei den meisten anderen Eignungstests müssen die Aufgaben innerhalb einer knappen Zeitvorgabe bearbeitet werden.»

Die Dienststelle Berufs- und Weiterbildung nannte vor fünf Jahren das Ziel, dass Lehrbetriebe künftig ganz auf den Stellwerktest setzen. Christof Spöring sagt dazu: «Die Dienststelle präferiert nach wie vor den Stellwerktest und begrüsst, wenn Lehrbetriebe in der Selektion auf diese Testergebnisse achten.»

Ungewissheit wegen Lehrplan 21

Fakt ist, obwohl mehr Firmen auf den Stellwerktest setzen, ist seine Zukunft ungewiss. Charles Vincent sagt: «Ich gehe davon aus, dass es den Stellwerktest auch nach der Einführung des Lehrplans 21 geben wird.» Entscheidungen seien aber noch nicht getroffen worden – zumal es bis zur Einführung des Lehrplans 21 auf der Sekundarstufe noch bis ins Jahr 2020 dauert. In anderen Kantonen ist das Stellwerk bereits durch ein neues Prüfungsverfahren ersetzt worden – so im Aargau, in Basel-Stadt, im Baselland sowie in Solothurn.

Bild: Grafik Martin Ludwig

Bild: Grafik Martin Ludwig