Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

(Bild: Fotograf unbekannt* / Archiv Jürg Studer)

(Bild: Fotograf unbekannt* / Archiv Jürg Studer)

Als die Krienser für ihr «Schlössli» in Luzern einmarschierten

Vor 56 Jahren protestierten 2000 Krienser mit dem «Marsch nach Luzern» für den Erhalt des Schlosses Schauensee. Alexander Wili kämpfte damals an vorderster Front mit.
Larissa Haas

Es ist Samstag, der 9. März 1963, kurz nach zwei Uhr, ein Frühlingsnachmittag. Alexander Wili sitzt nach einem intensiven Morgen vor seinem Zmittag, da klingelt sein Telefon. Dran ist Leo Balmer-Ott, Vertreter der St. Galler Immobiliengesellschaft Belsa AG: «Wir wollen verhandeln!», sagt er. Ein Satz, und Wili weiss: «Wir haben den Kampf gewonnen!» Gemeint ist der Kampf um das Schloss Schauensee, im Volksmund «Schlössli» genannt, das sich auf einer vom Pilatus abfallenden Felsnase so majestätisch über Kriens erhebt:

(Bild: Pius Amrein, Kriens, 20. Mai 2016)

(Bild: Pius Amrein, Kriens, 20. Mai 2016)

Wie es soweit kam? Alexander Wili, Mitgründer und damaliger Präsident des Aktionskomitees Pro Schauensee, beantwortet diese Frage so: «Der Gemeinderat hat damals einen riesigen Fehler gemacht.»

Der heute 88-Jährige sitzt in seinem Arbeitszimmer im fünften Stockwerk eines Mehrfamilienhauses, Blick auf die Schlossliegenschaft, ein Glas Epesses vor sich und Salzgebäck. «Es hätte auch alles in die Hose gehen können», sagt er, trinkt einen Schluck Wein und beginnt zu erzählen:

«Alles begann an einem Tag im Januar 1963», so Wili. In Kriens machte die Nachricht die Runde, dass das «Schlössli» mitsamt «Schlosshoger» verkauft worden sei. Käuferin: die Belsa AG. Verkäufer: der in Philadelphia wohnhafte Max Meyer von der altehrwürdigen Besitzerfamilie. Wili, damals Parteipräsident der Liberalen, war überzeugt, das Schloss sei «hinter dem Rücken des Gemeinderats und der Planungskommission» verkauft worden. Die Gemeindebehörde plädierte schliesslich auch für eine öffentliche Protestveranstaltung. Wili sagte der Firma den Kampf an:

«Die Belsa hätte die gesamte Liegenschaft mit
Einfamilienhäusern zugedeckt!»

Noch viel schlimmer seien aber die Verkaufskonditionen gewesen. Wili erklärt, dass die Firma für die 240'000 Quadratmeter grosse Schlossliegenschaft 1,5 Millionen Franken bezahlt hätte. Zwar damals viel Geld, aber im Verhältnis zum materiellen und symbolischen Wert des Kaufobjekts lächerlich. Dann rechnet Wili vor: «Die St. Galler hätten etwas mehr als einen Fünfliber pro Quadratmeter Schlossliegenschaft bezahlt – und das Schloss? Das hätte es noch gratis obendrauf gegeben!»

Deswegen liess er sich dazu «überreden», ein Aktionskomitee aus Vertretern der Zivilbevölkerung, Wirtschaft und Politik zu präsidieren und den höchst umstrittenen Kaufvertrag zu verhindern. «Alle sagten, ich solle das machen, da habe ich es halt gemacht», sagt Wili heute, doch damals hatte er noch nicht geahnt, dass er diese Entscheidung bereits am nächsten Tag, dem 23. Februar, wieder bereuen würde.

In der Presse wurde nämlich vermeldet, dass der Gemeinderat gelogen habe: Ihm sei bereits zwei Jahre zuvor ein Kaufangebot bekannt gewesen, habe dieses aber ignoriert, weil er von der Unverkäuflichkeit der Liegenschaft überzeugt war. Tatsächlich war diese Tatsachen unter Juristen umstritten, da das Schloss sich rechtlich im Eigentum eines Familienfideikommiss befand. Für das Aktionskomitee hatte die Vorgeschichte des Gemeinderats dennoch eine denkbar schlechte Ausgangslage zur Folge. Wili entschied sich deshalb für einen «Mehrfrontenkrieg»: Gegen den Gemeinderat, gegen die Verkaufspartner Meyer und Belsa und gegen seine politischen Rivalen, die an ihrer alteingesessenen Meinung festhielten.

Eine «irrsinnig pressante» Grossaktion

Die Idee für den «Marsch nach Luzern» entstand am Sonntag vor der Demonstration. Das Aktionskomitee sass nach der Sonntagsmesse zusammen und wusste: «So wie wir jetzt verhandeln, kommen wir nicht weiter.» Die beiden Vertragspartner hielten an ihrer Vision einer Grossüberbauung fest. Das Komitee sah nur noch einen Ausweg: «Eine Grossaktion!» – ein Marsch nach Luzern zum Regierungsgebäude. Das Ziel: Die Mitglieder des Grossen Rats (heute Kantonsrat) davon überzeugen, den Vertrag nicht zu genehmigen – die Zustimmung des Parlaments war aufgrund der speziellen rechtlichen Ausgangslage nötig.

«Uns hat es irrsinnig pressiert weil wir wussten, dass uns nicht mehr viel Zeit blieb», erinnert sich Wili und erzählt, wie er als damaliger Schulpflegepräsident ein gewaltiges Ass im Ärmel hatte. Per Expressbrief habe er die Lehrer dazu aufgefordert, mit ihren Schülern am Marsch teilzunehmen. «Nur die Erstklässler blieben von mir verschont.» Auf die Frage, ob dieser Schnellschuss heute noch machbar wäre, winkt Wili ab:

«Die ganze Schule für einen Protest aufbieten? Lehrer und Schüler zu zwingen, mit mir nach Luzern zu marschieren? Um Himmels Willen, nein. Ein Missbrauch der Schule! Undenkbar. Absolut undenkbar!»

Kinder beim Marsch nach Luzern. (Bild: Fotograf unbekannt* / Archiv Jürg Studer)

Kinder beim Marsch nach Luzern. (Bild: Fotograf unbekannt* / Archiv Jürg Studer)

Einer, der am 9. März, dem Tag des Marsches, gern dabei gewesen wäre, ist der Historiker Jürg Studer aus Kriens. Der damalige Kantischüler musste an diesem Samstag aber zur Schule. Dennoch kann er sich erinnern, wie sich morgens um halb Zehn etwa 2000 Menschen für ihren «Bittgang» in die Stadt versammelt haben. Es sei «wahnsinnig» was an diesem Tag passierte, als die Feldmusik, Lehrer und Schüler, Trachtenmädchen, die Harmoniemusik, Behördenmitglieder, die Gallizunft, der Fahnenwald, das Aktionskomitee und schliesslich die breite Bevölkerung nach Luzern zog.

(Bild: Ernst Scagnet/LZ)

(Bild: Ernst Scagnet/LZ)

Man spielte, sang und hielf Transparente in die Luft: «Wir wollen das Krienser Schlössli erhalten», «Skifahrer und Wanderer rettet den Schlosshügel», «Tut um Gottes Willen etwas Tapferes».

(Bild: Fotograf unbekannt* / Archiv Jürg Studer)

(Bild: Fotograf unbekannt* / Archiv Jürg Studer)

Vor dem Regierungsgebäude wurden Reden gehalten und eine Bittschrift deponiert. Die Forderungen: Nichtgenehmigung des Kaufvertrags zwischen den beiden Vertragspartnern und Kauf des Schlosses durch die Gemeinde Kriens.

(Bild: Ernst Scagnet/LZ)

(Bild: Ernst Scagnet/LZ)

(Bild: Fotograf unbekannt* / Archiv Jürg Studer)

(Bild: Fotograf unbekannt* / Archiv Jürg Studer)

Deutliches «Ja» zum «Schlössli»

Die Behauptung, der Marsch hätte «nationales Aufsehen» erregt, halten vielleicht einige für übertrieben – ist aber nicht all zu weit hergeholt: Das Schweizer Fernsehen sowie etliche Radiostationen wussten immerhin über den Bittgang von Kriens nach Luzern zu berichten. Einer, der just zu dieser Zeit die Nachrichten hörte, war Leo Balmer-Ott, der Vertreter der Käuferfirma Belsa. Er erfuhr von den Menschen vor dem Regierungsgebäude, den Referaten, der aufgebrachten Bevölkerung. Beeindruckt von diesem Engagement, griff er zum Telefon und es kam zum eingangs erwähnten Verhandlungsangebot.

Am gleichen Tag lag der neue Vertrag auf dem Tisch, und keine zwei Monate später stimmte das Krienser Stimmvolk über den Schlosskauf für 1,5 Millionen Franken ab. Die Entscheidung fiel mit 1885 Ja- zu 550 Nein-Stimmen deutlich aus. Mit «illegaler und legaler Kraft», wie Jürg Studer Wilis Initiative lachend beschreibt, hat es die Bevölkerung von Kriens geschafft, eine Schlittel- und Skipiste, ein Naherholungsgebiet, ein Kulturgut und Wahrzeichen der Gemeinde zu bewahren. «Heute würde ich dafür verhaftet», davon ist Wili überzeugt, um dann aber mit aufgehobenem Finger zu betonen, dass er es soweit gebracht habe, dass sich «sogar» der Gemeinderat entschuldigen musste.

Die Geschichte des Schlosses Schauensee

(std) Die Anlage Schauensee wurde vermutlich im 13. Jahrhundert als Burg von der Luzerner Familie Schnyder erbaut. Später zerfiel diese und stand rund 200 Jahre leer. Erst um 1595 wurde sie vom Luzerner Hans von Mettenwil erworben und als Landschloss neu aufgebaut. In der Folge kam es zu mehreren Besitzerwechseln, 1749 ging das Gut an die Familie Meyer. Sie erweiterte das Schloss 1750 im Ostteil und wandelte es 1835 in ein Familienfideikommiss um.

1962 wurden die Pläne für eine neue Überbauung bekannt. Juristen waren sich zwar nicht einig, ob der Besitz eines Fideikommiss‘ überhaupt verkauft werden darf. Trotzdem wurde 1963 der Verkauf an die Belsa AG beschlossen. Der Grosse Rat (heute Kantonsrat) musste diesen noch bewilligen. Als Protest gegen diese Pläne kam es zum «Marsch nach Luzern». Danach kaufte die Gemeinde Kriens das «Schlössli», 1965 wurde es unter Denkmalschutz gestellt. Mehr Infos auf www.schloss-schauensee.ch.

Das Schloss Schauensee im Jahr 1957:

(Bild: Hans Schläpfer/LZ, 1957)

(Bild: Hans Schläpfer/LZ, 1957)

Und heute:

(Bild: Jürg Studer, Kriens)

(Bild: Jürg Studer, Kriens)

Doch es gibt noch weitere schöne Schlösser im Kanton Luzern. Eine Auswahl historischer Bilder finden Sie hier:

*Wissen Sie, wer der Urheber oder Fotograf des Bildes ist? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail hier.

Haben Sie selbst auch historische Bilder?

Verstauben Ihre alten Familienfotos auf dem Estrich? Haben Sie Bilder von Ereignissen von früheren Generationen? Dann laden Sie Ihre schönsten Archivbilder – bevorzugt in guter Auflösung – unter folgendem Link hoch: Leserbild-Upload. Für die nächste Bildergalerie suchen wir Archivbilder der Feuerwehren oder Polizeien der Zentralschweiz.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.