Wie Kunst die Lebensfreude der Surseerin Conny Wagner zurückgebracht hat

Heute lebt Conny Wagner nur für die Kunst. Auch weil sie dank der Kunst überhaupt noch am Leben ist.

Ismail Osman
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In ihrem Element: die Künstlerin Conny Wagner. Bild: Dominik Wunderli (Sursee, 9. Juli 2019)

In ihrem Element: die Künstlerin Conny Wagner. Bild: Dominik Wunderli (Sursee, 9. Juli 2019)

Diese Geschichte beginnt dort, wo die letzte endete: im Januar 2013 im Strandbad Sursee. Der Himmel glasklar, das Wasser dunkel, die Morgenluft kühl. Weder der Autor noch die Künstlerin, über deren Ausstellung er vor Ort für diese Zeitung berichten wird, ahnen, was das neue Jahr bringen wird.

Über sechs Jahre sind seither vergangen. In einem Luzerner Café tritt Conny Wagner an den Autor heran. Es ist die gleiche Frau – und doch begrüsst er nicht die gleiche Person, von der er sich damals in Sursee verabschiedet hat. Was ist geschehen?

Der Kontrast ist knallhart. Alles an Conny Wagner schreit «Lebensfreude»: Die Kette und Ohrringe in Gänseblümchenform, das bunte Durcheinander des Paillettenkleids, das Funkeln des Glitzers im Lidschatten, ihr breites Lachen. Doch dieser personifizierte Frohsinn spricht über Krankheit, Verlust, Trennung, Angst, Wut und die Grenzerfahrung, am Rande des Todes zu stehen. Conny Wagner spricht offen, nicht alles soll öffentlich sein.

«Nach der Installation in der Badi ging es künstlerisch konstant weiter. Es folgten weitere Ausstellungen und Projekte. Gesundheitlich fühlte ich mich aber schon länger unwohl», erinnert sich Wagner zurück. So durchlebte sie etwa drastische Gewichtsschwankungen. «Mehrere Untersuche brachten zunächst nichts. Dann sass ich eines Abends in der Wanne und dachte: da ist was in meiner Brust.» Die darauffolgende Untersuchung sollte die Befürchtung bestätigen: Die 45-jährige hat Brustkrebs. Es ist Ende 2013.

Ein Leben bricht
auseinander

«Nach der ersten Schockstarre war es wie im Film: Das ganze Leben zieht an einem vorbei. Alles, was man sich bisher aufgebaut hat und man nun zu verlieren droht und all die Zukunftspläne, die sich in Nichts aufzulösen scheinen.» Zunächst will Wagner sich ihrem Schicksal ergeben. Die Aussicht auf einen langen Kampf mit der Krankheit raubt ihr viel Lebensfreude. Und doch: Da sind zwei Dinge, für die zu kämpfen es sich lohnt: die beiden Kinder und die Kunst.

Die Operation verläuft soweit erfolgreich. Es folgen Chemo und Bestrahlung. Die von Medikamenten und deren Nebenwirkungen geprägte Langzeittherapie lässt ihr bisheriges Leben jedoch Stück für Stück auseinanderbrechen.

«Da war ständig ein Druck im Kopf, ich hatte Herzprobleme und Schmerzen. Die Kraft reichte zum überleben, viel mehr ging nicht.»

Conny Wagner berichtet unter anderem von schweren Amnesie-Schüben, die ihr Kurzzeitgedächtnis zwischenzeitig blockierte. Freundschaften entfremden sich, die Ehe bricht und die Beziehung zu den beiden jugendlichen Kindern wird in Mitleidenschaft gezogen und ist heute nicht mehr dieselbe.

Aufbruch 
in neue Welten

Was bleibt, wenn alles andere wegfällt? Die Gesundheit, die bisherige Rolle als Hausfrau und Mutter, die Arbeit, das bisherige Selbstbild? Im Falle Wagners ist es ihre Kunst. «Ich habe nie aufgehört zu zeichnen. Aber es musste etwas passieren.» Konkret: Sie setzt ihre Medikamente ab – und nimmt ein erhöhtes Restrisiko eines Rückfalls in Kauf. Die gebürtige Surseerin bricht zwischenzeitlich all ihre Zelte in der Zentralschweiz ab und zieht 2016 in den Jura, in die Nähe ihres neuen Partners, Altnationalrat Andreas Gross.

Dort erholen sich Wagners Körper und Geist. Dann beginnt sie zu reisen. Sie begleitet Gross durch ganz Europa und darüber hinaus, lernt dabei neue Menschen und Kulturen kennen.

Dies wiederum fliesst in ihre Kunst ein: Die sozialkritischen Metaphern und Symbolik ihrer Arbeiten werden pointierter und politischer, ihr Ausblick und künstlerische Ambition globaler.

«Kunst kann über Sprachgrenzen hinweg kommunizieren. Diesen Austausch suche ich – mit dem Ziel, in fremden Ländern und Kulturen gemeinsame Nenner und wichtige Ansätze zu finden für einen gemeinsamen Frieden auf der Welt.»

Der Antrieb sei jedoch ein innerer: «Ich denke, es geht mir da, wie vielen, die eine Grenzerfahrung durchgemacht haben: Was ich tue, muss zu 100 Prozent Sinn ergeben», reflektiert Wagner.

Ein Fisch in 
neuen Gewässern

Und tatsächlich scheint diese «neue» Conny Wagner vorwärts zu machen: Vergangenes Jahr wurden Arbeiten von ihr zunächst auf der Schweizer Botschaft in Washington DC (USA) und danach in Hamburg ausgestellt. Unlängst waren Werke Wagners auch Teil einer Gruppenschau namens «The Crossroads of the World» im chinesischen Songzhuang, Beijing, wo sie Arbeiten zu den Themen Menschenrechte, Umweltschutz, direkte Demokratie und Freiheit ausstellte. Im aufblühenden chinesischen Markt sieht sie denn auch Potenzial für sich selbst. «Ich bin dabei, mir einen Namen aufzubauen – Ich nutze meine heutige Vogelfreiheit und stecke meine Ressourcen voll und ganz in dieses Ziel.»

Künstlerisch beschäftigt Sie sich derzeit intensiv mit dem Thema Wasser. Ausgangspunkt dafür ist ihr Besuch des Schiffsfriedhofes in der Mallows Bay (USA). Die Geschichte um die rund 230 dort versenkten Kriegsschiffe, berührten Wagner zu einem derzeit auf sieben Jahre ausgelegten Projekt.

Ob als Element oder Metapher, auch in vielen bereits bestehenden Arbeiten Wagners spielt Wasser eine zentrale Rolle. «Ich bin sowieso wie ein Fisch – am liebsten im Wasser», sagt die heute 50-Jährige. Das passt. Wagner ist schon immer gegen den Strom angeschwommen. Nun aber mit einer völlig anderen Vehemenz als die Person, die damals im Strandbad Sursee stand, je in der Lage gewesen wäre. Die vergangenen sechs Jahre haben Conny Wagner einen hohen Preis aberverlangt. Dafür scheint dieser Fisch nun dabei gänzlich neue Gewässer zu erreichen.

Hinweis: Mehr Informationen zu Conny Wagner: www.connywagner.ch