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Ein Hauch von 68er-Feeling weht durch die Senioren-WG

Bis im Jahr 2030 wird mehr als jede zehnte Person älter als 75-jährig sein. Das ruft nach neuen Konzepten im Bereich des Wohnens im Alter. Der Luzerner Unternehmer Lathan Suntharalingam zeigt, wohin diese Reise führen könnte.
Thomas Heer
Eine gesellige Runde: Erwin Widmer (Mitte) wohnt zusammen mit anderen Senioren in einer WG. (Bild: Philipp Schmidli, Egerkingen, 2. April 2019)

Eine gesellige Runde: Erwin Widmer (Mitte) wohnt zusammen mit anderen Senioren in einer WG. (Bild: Philipp Schmidli, Egerkingen, 2. April 2019)

Erwin Widmer sitzt auf einem Stuhl am Esszimmertisch in der Viereinhalbzimmerwohnung an der Egerkinger Einschlagstrasse. Der 87-Jährige lebt seit knapp einem Jahr an diesem Ort. Er erzählt, weshalb er hierher in die Alterswohngemeinschaft zog: «Letztes Jahr verstarb meine Frau. Zusammen bewohnten wir ein eigenes Haus, das ich mittlerweile jedoch verkauft habe.» Der Pensionär, der noch immer selber Auto fährt, sagt auch, er würde –vorausgesetzt seine Gattin wäre noch am Leben – noch heute in den eigenen vier Wänden leben. Aber mit der Alternative in der Wohngemeinschaft sei er auch zufrieden, und diesen Eindruck vermittelt der Rentner auch auf den Besucher aus Luzern.

Als Ende der 1960er-Jahre im deutschsprachigen Raum die ersten Kommunen entstanden und deren Bewohner wie Rainer Langhans oder Uschi Obermaier aufgrund ihres freizügigen Lebensstils zu Personen des öffentlichen Interesses wurden, sorgte das vor allem im etablierten Bürgertum vielerorts für rote Köpfe. Wohngemeinschaften, wie die Kommunen heute heissen, sind mittlerweile aber längst in der ­gesellschaftlichen Mitte angekommen und vor allem im Bevölkerungssegment der Auszubildenden nicht mehr wegzudenken

Die Bewohner können ihren Tag selber einteilen

Lathan Suntharalingam, Geschäftsleiter Spitex Seeblick (Bild: Philipp Schmidli, Egerkingen, 2. April 2019)

Lathan Suntharalingam, Geschäftsleiter Spitex Seeblick (Bild: Philipp Schmidli, Egerkingen, 2. April 2019)

Als sich Lathan Suntharalingam daran machte, für betagte Menschen alternative Lebensformen zu suchen, lag der Quell der Inspiration nicht bei den Kommunarden der 60er-Jahre. Der Luzerner Ex-SP-Kantonsrat ist heute Unternehmer im Gesundheitsbereich und beschäftigt mit seinen Firmen rund 150 Personen. Er sagt: «Ich suchte nach etwas, das zwischen der Betreuung zu Hause und dem Alters-Pflegeheim liegt.» Für seine Firma Home-­Vita GmbH definierte er laut Handelsregister folgenden Zweck: «Etablierung von neuen Wohnformen für ältere Menschen, insbesondere das Anbieten von Wohngemeinschaften.

In Egerkingen hat Suntharalingam eine ganze Etage in einem Mehrfamilienhaus gemietet. Diese umfasst eine Zweieineinhalb-, eine Dreieinhalb- sowie eine Viereinhalbzimmerwohnung. Insgesamt leben sechs Personen in diesen Räumen. Rund um die Uhr ist mindestens eine Betreuungsperson vor Ort. Für die Bewohnerinnen und Bewohner sorgen Fachpersonen für die Haushaltführung, das Kochen, aber auch die Pflege.

In der WG von Erwin Widmer gibt es keinen festen Zeitplan, den es einzuhalten gilt. Die Gestaltung des Tagesablaufes ist Sache jedes Einzelnen. Das heisst, wer inhouse essen will – es gibt Frühstück, Mittag- und Abendessen –, kann dies tun, muss aber nicht. Es gibt auch keinen Zapfenstreich. Und wer Geselligkeit will, begibt sich in die Gemeinschaftsräume. Als Rückzugsraum dient das eigene Zimmer, welches jedem Bewohner und jeder Bewohnerin zur Verfügung steht.

Das Bauprojekt von Egerkingen, in das sich Lathan Suntharalingam mit seinem Betrieb eingemietet hat, wurde von einer Firma der Bonainvest-Holding-Gruppe realisiert. An diesem Unternehmen sind namhafte Aktionäre wie die Pensionskassen von Migros und Coop beteiligt.

Gemäss Suntharalingam braucht es zum Gelingen eines WG-Projektes für Betagte auch den Goodwill des Immobilienbesitzers sowie der Verwaltung. Denn nur so kann gemäss dem Luzerner Unternehmer verhindert werden, dass die Kosten für die Pensionäre ins Uferlose wachsen. Die Zuwendungen aus AHV und Pensionskasse sollten laut Suntharalingam in der Regel den Preis für den Aufenthalt decken. Ernst Widmer zum Beispiel bezahlt pro Monat 4500 Franken.

Für die Aufwendungen der Pflege kommt die Krankenkasse auf. In die Alters-WG nimmt Suntharalingam auch schwer pflegebedürftige Personen auf. Einzig bei Patienten mit fortgeschrittener Demenz winkt der Fachmann ab. Gemäss Suntharalingam bestehe ein grosses Bedürfnis nach Alters-WGs. Projektanfragen aus den Kantonen Basel-Landschaft, Thurgau und Aargau lägen derzeit bei ihm vor. Gemäss «Luzerner Zeitung» vom 14. Februar könnte bald  auch in Meggen eine solche Wohnform entstehen, die der Unternehmer Beat Märchy realisieren will.

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