Ein Jahr Schülerstreiks: So geht es mit der Luzerner Klimabewegung weiter

Die Luzerner Klimajugend plant für 2020 weitere Aktionen. Dabei hofft sie auf Know-how vom Frauenstreik – und will vermehrt auf dem Land punkten. Das Problem: Dort sieht man Demos gar nicht gerne.

Robert Knobel
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Wo alles begann: Am 18. Januar fasste die Klimabewegung in Luzern Fuss.

Wo alles begann: Am 18. Januar fasste die Klimabewegung in Luzern Fuss.

Boris Bürgisser

Am 18. Januar 2019 ist die Klimabewegung definitiv in Luzern angekommen: An jenem Freitag gingen erstmals hunderte von Schülerinnen und Schülern auf die Strasse, um Massnahmen gegen den Klimawandel zu fordern. Die Demo-Teilnehmenden schwänzten dafür die Schule oder liessen sich dispensieren. Bei der zweiten Auflage am 2. Februar waren es dann schon 2000 Menschen, die mit Transparenten und Kartonschildern durch die Stadt Luzern zogen – unter ihnen zahlreiche Familien und Senioren. Es folgten nationale Demos, etwa in Bern mit bis zu 100'000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. In Luzern flachte das Interesse an den Demos allmählich wieder ab; im Oktober schafften es die Organisatoren gerade noch, etwa 250 Personen zu mobilisieren. 

Wie weiter? Diese Frage stellt sich deshalb für «Klimastreik Zentralschweiz», wie sich die lokale Klimabewegung nennt. Dass es weiter gehen muss, steht für sie ausser Frage. Denn der Kampf gegen den Klimawandel sei noch längst nicht gewonnen: «1 Jahr Klimastreik – nichts erreicht»: Unter diesem Slogan soll die nächste Demo laufen. Anfang Januar haben sich etwa 50 interessierte Jugendliche in Luzern getroffen, um die Aktivitäten fürs 2020 zu planen. Ein wichtiges Ziel sei, die Öffentlichkeit noch stärker zu erreichen, sagt Mirjam Hostetmann (20).  Im Hinblick auf den nationalen «Strike for Future» am 15. Mai sucht man deshalb den Kontakt zu anderen «Demo-erprobten» Gruppierungen, etwa den Organisatorinnen des Frauenstreiks oder auch Gewerkschaften. Diese hätten grosse und gut funktionierende Netzwerke, von denen auch die Klimabewegung profitieren könnte.

18. Januar 2019: Die Klimabewegung fasst Fuss in Luzern.
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Schülerinnen und Schüler demonstrieren für eine griffige Klimapolitik.
Im Januar gingen hunderte Demonstrierende auf die Strasse. Hier am 2. Februar waren es bereits viele mehr.
Nebst Schülerinnen und Schülern waren auch viele Familien mit von der Partie.
Diese Forderungen wurden erhört, wie die nationalen Wahlen im Oktober zeigten.
Die freitagliche Klimademo am 6. April.
Eine Ansage vor tausenden Demonstrierenden beim Pavillon am Schweizerhofquai im April.
Wie geht's jetzt weiter? Eins ist klar: Die Rufe der Klimajugend sind noch nicht verhallt.
«System Change»: Politische Parteien gehören nicht zur Zielgruppe der Klimaaktivistinnen.
Der nationale Frauenstreik im Juni vermochte schweizweit über 150'000 Menschen zu mobilisieren. «Klimastreik Zentralschweiz» sucht Kontakt zu den Organisatorinnen.

18. Januar 2019: Die Klimabewegung fasst Fuss in Luzern.

Boris Bürgisser

Politische Parteien sind für die Jungen keine Option

Politische Parteien hingegen gehören eher nicht zur Zielgruppe. Das mag erstaunen, ist es doch die Politik, welche konkrete Massnahmen zugunsten des Klimas beschliessen muss. Doch hier sind sich die Exponenten der Luzerner Klimabewegung überraschend einig: Politische Parteien spielen bei der Erreichung der Ziele eine untergeordnete Rolle. «Es ist nicht unsere Aufgabe, auf Parteien zuzugehen», sagt Mirjam Hostetmann. Und Tavia Celato (18) fügt hinzu:

«Wir müssen Wählerinnen und Wähler mobilisieren, nicht Parteien.»

Wie auch immer: Tatsache ist, dass die Klimabewegung den ökologischen Parteien 2019 zum Wahlsieg verholfen hat – sowohl in Luzern als auch national. Tatsache ist auch, dass ein Grossteil der Klimaaktivisten aus dem Umkreis von linken und grünen Parteien stammen. Tavia Celato bedauert dies: «Die Klimakrise gehört nicht ins Links-Rechts-Schema. Es gibt viele Leute, denen das Klima sehr wichtig ist, die aber in den übrigen Bereichen ganz anders denken als eine linke Partei. Diese Offenheit ist ja gerade das Coole an der Klimabewegung.» Insofern ist es naheliegend, wenn die Jugendlichen die Fühler zu den Organisatorinnen des Frauenstreiks ausstrecken. Denn diesen ist genau dies gelungen: Eine breite Volksbewegung auf die Beine zu stellen, welche sämtliche politische Lager erfasste. Weiteres Ziel für 2020 ist der Entwurf eines «Climate Action Plans». Darin will der Klimastreik mit Hilfe von Fachleuten konkrete Forderungen und Lösungsvorschläge definieren.

Diese Schülerinnen meinen es ernst.

Diese Schülerinnen meinen es ernst.

Boris Bürgisser

Sicherheitsverantwortliche wachen über Demo-Teilnehmer

Die Klimabewegung in Luzern hat weder feste Gremien noch klar definierte Verantwortungsträger. Organisiert werden die Demos jeweils von einer etwa 20-köpfigen Koordinationsgruppe. «Mitmachen und mitentscheiden können alle, die Lust haben», sagt Milena Hess (19). Mobilisiert werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer jeweils über mehrere Chats, die insgesamt rund 500 Personen erreichen. Für die Demos werden jeweils zwei Personen als offizielle Ansprechpersonen für die Polizei bestimmt. Hinzu kommen mehrere Sicherheitsverantwortliche, welche die Demo-Teilnehmer jeweils zu korrektem Verhalten anhalten. Viel zu tun hatten diese bisher nicht, da die Demos in Luzern immer friedlich blieben. Anderswo stand die Klimabewegung zuweilen in der Kritik, weil einige Exponenten auch vor illegalen Aktionen nicht zurückschreckten. Insbesondere die Gruppe «Extinction Rebellion» sorgt mit spektakulären Aktionen für Aufsehen – etwa indem sie die Limmat in Zürich grün einfärbte oder in Bern Strassenkreuzungen blockierte. 

In Obwalden mag man's nicht anonym

Um weitere Bevölkerungskreise für sich zu gewinnen, will die Klimajugend zunehmend auch in ländlichen Gebieten Fuss fassen. Das ist gar nicht so einfach. Denn dort gelten andere Regeln, wie der Obwaldner Robin Studer (20) weiss:

«Auf dem Land können Demos schnell einmal als Angriff verstanden werden.»

In einem Kanton, in dem jeder jeden kennt, gebe es wenig Verständnis für anonyme Menschenansammlungen, so Robin Studer. Die Landbevölkerung bevorzuge persönlichere Formen der Meinungsäusserung – zum Beispiel, indem man Workshops organisiert oder die Leute auf der Strasse direkt anspricht. Robin Studer sagt dazu: «Ich bin selber ein Landmensch und möchte, dass die Leute verstehen, was wir für ein Anliegen an unsere Zukunft haben.»

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