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Kantonal-Musiktag: Ein «Kringel» für jeden Fehler

52 Vereine messen sich am Luzerner Kantonal-Musiktag im Konzertsaal. Dabei geht es nicht um Noten und Ranglisten, sondern um eine möglichst positive Beurteilung des Experten. Ein Augenschein.
Stephan Santschi
Toni Scholl beim Benoten der Musikgesellschaft Ballwil an Kantonal-Musiktag in Eschenbach. (Bild: Boris Bürgisser, 2. Juni 2018)

Toni Scholl beim Benoten der Musikgesellschaft Ballwil an Kantonal-Musiktag in Eschenbach. (Bild: Boris Bürgisser, 2. Juni 2018)

Sein Pensum ist eindrücklich. Gestern um 9 Uhr hörte er sich das erste Konzert an, am Abend um 21.36 Uhr das letzte. Toni Scholl ist einer der Experten am 59. Luzerner Kantonal-Musiktag in Eschenbach. 12 Musikvereine wird er am Ende des Tages bewertet haben, «wenn ich zu Bett gehe, habe ich ein Medley der verschiedenen Melodien in den Ohren», erzählt Scholl und lacht. Der 54-jährige Deutsche gilt als Kapazität in der Branche. In Mannheim an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst bildet er Dirigenten aus, darüber hinaus leitet er unter anderem die Bläserphilharmonie Baden-Württemberg, mit der er kürzlich auf China-Tournee war. «Ich bin hier, um Kollegen fachlich Auskunft zu geben, um gute Orchester zu hören und nette Menschen zu treffen. Mir macht das noch immer riesigen Spass», sagt Toni Scholl. Im Gegensatz zum Luzerner Kantonal-Musikfest, das alle fünf Jahre stattfindet, gibt es am jährlichen Musiktag keine Noten und Ranglisten, sondern nur die Einschätzung eines Experten.

Sein Arbeitsplatz im Schulhaus Neuheim verteilt sich auf zwei Bereiche. Zuerst sitzt er auf der provisorischen Empore in der zum Konzertraum umfunktionierten Dreifachturnhalle. Von hier aus hat er einen guten Blick auf die Bühne, wo die Harmoniemusik- und Brassbandvereine ihre Vorträge zum Besten geben. Vor ihm liegen die jeweilige Partitur und ein Schreibblock, in der Hand hält er einen Bleistift.

Lob, Kritik und Vorschläge für Verbesserungen

Scholl verfolgt die Auftritte Takt für Takt, kritzelt Kreise, Striche und Wellen auf die Notenblätter und ergänzt sie zuweilen mit kurzen Bemerkungen. Balance, In­tonation, Zusammenspiel und Klangfarbe – diese Begriffe fallen häufig. Und dann sind da die Kreise oder «Kringel», wie Scholl sie nennt. Sie markieren Abschnitte, die ihm nicht so gut gefallen haben. Davon gibt es jede Menge.

Blick über die Schulter von Experte Toni Scholl. (Bild: Boris Bürgisser, Eschenbach, 2. Juni 2018)

Blick über die Schulter von Experte Toni Scholl. (Bild: Boris Bürgisser, Eschenbach, 2. Juni 2018)

Eine Formation hat ihre Performance gerade beendet, das Publikum applaudiert, der Experte macht eine letzte Notiz und klatscht mit. Seine Einschätzungen teilt er den Protagonisten kurz darauf im Besprechungs­zimmer mit – an seinem zweiten Arbeitsplatz. Auf Stühlen und Bänken sitzen die Musikanten, vorne am Tisch wartet der Dirigent gegenüber von Scholl auf das Gespräch. «Ich lobe, kritisiere und gebe Vorschläge für Verbesserungen. Mit dem Alter bin ich diplomatischer geworden. Schliesslich sind das keine Profis, sondern Leute, die nach der Arbeit unglaublich viel Energie in die Musik investieren», erklärt er.

Schritt für Schritt geht er die Takte durch, die Kritik ist detailliert: «Schönes Flötensolo», «die Röhrenglocken waren sehr gut getroffen», «den Auftakt der Oboe habe ich nicht gut gehört», «die Klarinetten waren zu hoch», «der Trompeter produzierte eine Gurke», «die Balance zwischen Flügelhorn und Bariton war nicht optimal» – und so weiter und so fort. Thematisiert werden auch die Bewegungen der Dirigenten oder optische Mängel: «Lasst die Wasserflaschen und Handtaschen draussen, sie stören das Gesamtbild.» Erstaunlich ist, wie er ein Dutzend Instrumente heraushören und beurteilen kann. «Das ist keine Hexerei, ich mache ja seit 35 Jahren nichts anderes», winkt Scholl ab. Viele der Stücke habe er selber schon dirigiert, zudem kenne er den Grossteil der Komponisten persönlich – das erleichtere die Arbeit.

Dirigenten nehmen Kritik positiv auf

Nur wenige Dirigenten würden die Kritik nicht akzeptieren, sagt Scholl. Die meisten seien dankbar für die Inputs. Eine kleine Umfrage bestätigt ihn. «Sehr konstruktiv, ich bin froh, wurde das Gespräch aufgezeichnet, das waren so viele Infos», sagt Martial Kuhn (35) von der Musikgesellschaft Ballwil. «Super, damit kann ich als Dirigent etwas anfangen», meint Domenico Emanuele (52) von der Musikgesellschaft Harmonie Sempach. «Er ist ehrlich, menschlich, und man spürt: Er ist der Chef», findet Damian Ehrler (21) vom Musik­verein Hitzkirch.

Und dann bricht er wieder auf, nach einer kurzen Pause kehrt Toni Scholl auf die Empore zurück, um sich die nächste Darbietung anzuhören. Auch heute wieder, wenn die Vorträge ab 8.30 Uhr fortgesetzt werden.

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