Ein neues Berufsbild entsteht: Wie die Digitalisierung die Übersetzer fordert

Kostenlose Online-Übersetzungsdienste setzen Übersetzer zunehmend unter Druck. Ist ihre Qualität derart gut, dass bald die Maschine den Menschen vollständig ersetzt? Zwei Luzerner Sprachexperten nehmen dazu Stellung.

Pascal Studer
Hören
Drucken
Teilen

«Man darf keine Angst haben – das nützt nichts.» Patricia Kamer hat im Sitzungszimmer des Übersetzungsbüros Apostroph an der Töpferstrasse 5 in Luzern Platz genommen. Seit 2007 arbeitet die diplomierte Übersetzerin in der Branche, war zunächst kurz selbstständig, ehe sie nach einem kurzen Abstecher nach Deutschland zum Luzerner Übersetzungsbüro wechselte. Hier ist sie nun dafür zuständig, dass das Unternehmen mit der Digitalisierung Schritt haltet. Ihr Widersacher und Verbündeter zugleich: die künstliche Intelligenz.

Patricia Kamer erkennt für ihre Branche Chancen in der Digitalisierung.

Patricia Kamer erkennt für ihre Branche Chancen in der Digitalisierung.

Bld: Eveline Beerkircher, Luzern,
6. Februar 2020

Abgesänge ihrer Branche wegen des technologischen Fortschritts hat Kamer schon oft gehört. Letztlich waren es jedoch nicht mehr als Unkenrufe – die Maschine konnte den Menschen bislang nicht ersetzen. Doch die Digitalisierung schreitet rasant voran, erkenntlich zeigt sie sich in der Übersetzungsbranche durch Online-Programme wie Deepl, linguee oder dict.cc. Besonders Erstgenanntes ist sehr ausgereift: Ganze Texte werden innert Sekunden kostenlos in neun verschiedene Sprachen übersetzt, unter anderem ins Englische, Spanische oder Französische. Aber auch exotischere Sprachen wie Niederländisch, Polnisch oder Russisch können ausgewählt werden. Stirbt nun ein ganzes Berufsbild aus? Kamer fürchtet sich nicht sofort vor jedem Hype. Kunden, die einfache Texte übersetzen liessen, habe man aber schon vor einiger Zeit verloren. Kamer betont auch:

«Die neuen Programme sind wirklich gut – und das stimmt nachdenklich.»
Andreas Mäder.

Andreas Mäder.

Bild: PD

Nicht nur Kamer, deren Ausbildung die Sprachen Englisch, Spanisch, Französisch und ihre Muttersprache Deutsch beinhaltete, spürt den Innovationsdruck, der von den Übersetzungsprogrammen ausgeht. Auch Andreas Mäder ist nicht entgangen, dass neue Konkurrenten die Branche prägen. Seit 2003 bietet der Gerichts- und Behördendolmetscher sowie studierte Naturwissenschaftler seine Sprachdienste in Englisch, Polnisch und Deutsch an.

Mäder ist selbstständig tätig, sein Büro liegt an der Sternmattstrasse in Luzern. Er stellt fest, dass die Nachfrage nach Übersetzungen in den vergangenen Jahren abgenommen hat. Gleichzeitig habe aber das Volumen an Lektoraten zugenommen. Lassen Kunden Texte kostenlos online übersetzen, um sie anschliessend trotzdem von einem erfahrenen Kenner redigieren zu lassen? Für Mäder ist dies eine gewagte These: «Die direkte Verknüpfung zu machen, ist schwierig.» Man erfahre nämlich nicht, ob ein Kunde die Übersetzungsdienste neu kostenlos im Internet durchführe.

Die Krux des schnellen Übersetzens

Darin verbergen sich auch allerlei Fallstricke. Ein Blick in die Forschung bestätigt zwar, dass die aktuellen Übersetzungsdienste um einiges besser sind als frühere Systeme. Allerdings ist gemäss der Sprachexpertin Maureen Ehrensberger-Dow die Qualität nur oberflächlich überzeugend. Die Professorin für Übersetzungswissenschaft an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) sieht diesbezüglich ein Gefahrenpotenzial. «Man hat empirisch festgestellt, dass die Sprache täuschend fliessend sein kann.» Dies bedeutet: Die Übersetzung klingt zwar gut, gibt aber möglicherweise die Bedeutung des Originaltexts nicht wieder.

Maureen Ehrensberger-Dow.

Maureen Ehrensberger-Dow.

Bild: PD
«Es besteht die Gefahr, dass eine nicht überarbeitete Übersetzung wirr oder gar lächerlich wirkt.»

Allfällige unzulängliche Übersetzungen haben dabei nicht nur negative Folgen auf das Image einer Organisation. Vor allem in spezifischen Bereichen wie Sicherheit, Recht, Diplomatie oder Medizin könnten falsch übersetzte Texte sogar zu Sach- oder Personenschäden führen.

Diese Ansicht teilt Patricia Kamer. Auch sie weist auf das Problem der intelligenten Übersetzungstools hin: «Oft macht das Programm kleine Fehler, die man auf den ersten Blick nicht sieht – beispielsweise doppelte Verneinungen.» Man müsse genau hinschauen, ob in der Übersetzung wirklich das steht, was man aussagen will.

Dennoch beweisen die Zahlen: Das Geschäftsmodell funktioniert. Exemplarisch zeigt dies Deepl. In den vergangenen Jahren hat das Kölner Startup regelmässig Gewinne im sechsstelligen Bereich erzielt, 2016 und 2017 waren die Überschüsse gar siebenstellig. Sowohl in der Praxis, als auch in der Ausbildung von Übersetzern hat man entsprechend auf die neuen Impulse reagiert. An der ZHAW wird beispielsweise den Studierenden beigebracht, mit maschinellen Übersetzungssystemen umzugehen und falls angebracht das geeignete System einzusetzen.

Auch das Übersetzungsbüro Apostroph bietet seit vielen Jahren computerunterstützte Übersetzungen an. So ist es gemäss Kamer möglich, Übersetzungen mithilfe sogenannter «CAT-Tools» – also Programme, die den Menschen unterstützen – durchzuführen. Für selbstständige Übersetzer sieht die Lage derweil etwas anders aus. Mäder korrigiert heute mehr Texte, die zuvor von Maschinen übersetzt wurden. Daraus resultieren Einbussen. An absoluten Zahlen sind diese jedoch schwierig zu beziffern, da die Ansätze von Mäder stark variieren. Klar ist jedoch, dass Lektorate bis zu 30 Prozent günstiger sind als Übersetzungen, der ökonomische Druck steigt entsprechend. Mäder ist allerdings überzeugt, dass sein Beruf eine Zukunft hat. Er findet: «Erfahrene Übersetzer bleiben im Markt.»

Datenlecks bei Online-Übersetzungsdiensten festgestellt

Eine Frage bleibt allerdings ungeklärt: Wie gut werden die eingegebenen Daten geschützt? Kamer ist überzeugt: «Übersetzungsdienste aus dem Internet sind nicht sicher.» Sie habe bereits von Fällen gehört, in welchen Unternehmen sensible Texte online übersetzen liessen, die anschliessend in Suchmaschinen gefunden wurden.

Auch Peter E. Fischer kennt solche Fälle. Der Experte für Informationssicherheit und Datenschutz der Hochschule Luzern sagt: «Grundsätzlich ist alles, was im Internet eingegeben wird, nur so sicher, wie es geschützt wird.» Dies bedeutet: Bei kostenlosen Anbietern geht man als Nutzer immer ein Risiko ein, dass die Daten von Hackern abgefangen, von Suchmaschinen erfasst oder vom Unternehmen verkauft werden. Fischer erzählt beispielhaft von einer grossen Industriefirma, deren Offerte für eine Gasturbine von einem Mitbewerber abgefangen und anschliessend unterboten wurde. Auch dass die Dienste kostenlos sind, sieht er differenzierter:

«Niemand bietet seine Dienstleistung gratis an. Bezahlt man nichts, ist das Produkt der Mensch.»

Damit meint er: Die Unternehmen verdienen mit dem Handel von Daten.

Doch sind sich die Firmen dieser Gefahr bewusst? Der international tätige Pharmakonzern Roche geht dem Problem aus dem Weg, indem er über einen eigenen Übersetzungsservice verfügt. Dieser arbeitet aber gemäss Unternehmensangaben mit externen Anbietern zusammen. Diese haben wiederum Verträge mit Roche abgeschlossen, in denen unter anderem Vertraulichkeitsvereinbarungen oder Regeln für Datenschutz verankert sind. Auch die Luzerner Versicherung Concordia hat einen internen Übersetzungsdienst und braucht keine Tools aus dem Internet.

Zurück an die Töpferstrasse. Eine Branche steht unter Druck, der Zahn der Zeit nagt merklich. Warum sollte man da noch Übersetzer werden? Patricia Kamer lächelt und sagt:

«Aus Freude an der Sprache.»

Diese Passion lodert noch immer in ihr – wie übrigens auch in vielen anderen. An der ZHAW schliessen jährlich zwischen 20 und 25 Studierende ihr Masterstudium in Fachübersetzen ab.

Mehr zum Thema

Mensch oder Maschine: Wer kriegt in Zukunft die Jobs?

Digitalisierung – Automatisierung – Künstliche Intelligenz: Sie gehören zu den derzeit grössten Hype-Themen. Wie aber beobachtet man den technischen Fortschritt in unserer Region? Exponenten aus Forschung, Wirtschaft und Gewerkschaft geben Einblicke.
Ismail Osman