Römerswil verliert ein Polit-Urgestein – Felix Kolly geht in Pension und sagt leise «Adieu»

Der Römerswiler Gemeindeschreiber Felix Kolly geht in Pension. Jetzt hat er Zeit – auch um sein Rätoromanisch aufzubessern.

Ernesto Piazza
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Felix Kolly (64), Gemeindeschreiber der Gemeinde Römerswil.

Felix Kolly (64), Gemeindeschreiber der Gemeinde Römerswil.

Bild: Roger Grütter (Römerswil, 27. Februar 2020)

«Wie geht es deinem Mann», fragt Felix Kolly beim Schalter im Gemeindehaus und stösst mit dieser Frage einen kurzen Small Talk an. «Solche Begegnungen müssen Platz haben», erklärt er später. Während seiner nunmehr über 30-jährigen Tätigkeit als Gemeindeschreiber auf der Römerswiler Verwaltung ist Kolly einer grossen Zahl von Gesichtern begegnet, hat viele Gespräche geführt. Nun zieht er unter seine berufliche Tätigkeit einen Schlussstrich. Ende Juni wird er 65, Kolly geht in Pension.

In Pfeffikon besuchte der junge Felix die Primarschule. Später zog es ihn nach Beromünster an die Kanti. Diese brach er nach sechs Jahren aber ab und wusste vorerst nicht, wie es beruflich weitergehen sollte. Sein Vater war Zimmermann, sein Sohn entschied sich dann während der Rekrutenschule für eine kaufmännische Lehre. In der Bündnerzeitung stiess er beim Abverdienen auf ein Stelleninserat, das ihn auf die Gemeindeverwaltung in Tarasp, ins Unterengadin führte. Dieser Schritt ermöglichte ihm, zu arbeiten und während der Freizeit sein grosses Hobby, das Skifahren, intensiv zu pflegen.

Beteiligt an Umstellung auf Geschäftsführermodell

Später machte Kolly die Gemeindeschreiber- und Notariatsausbildung und fand – nach einigen Jahren in Neuenkirch – eine Anstellung als Substitut in Schüpfheim. Seine Liebe zum Bündnerland jedoch blieb. Es seien zwar nur zwei Jahre gewesen, sagt Kolly heute, «diese Zeit möchte ich aber keinesfalls missen». Sechs Jahre Latein und zwei Jahre Italienisch gaben ihm eine Grundlage für die vierte Landessprache. «Ich verstehe recht viel», erklärt er, ohne die Erwartungen allzu hoch hängen zu wollen. Nach einer weiteren Stelle als Substitut in Emmen wechselte Kolly als Gemeindeschreiber nach Römerswil.

Dort war er massgeblich an der Umstellung auf das Geschäftsführermodell – als zweite Gemeinde des Kantons – beteiligt. Zu Beginn seiner Tätigkeit in der rund 1800 Einwohner zählenden Kommune forderte ihn auch die gemeindeeigene Realisierung des Baugebiets Chäppeliacher – ein gemischtes Angebot von Einfamilien-, Doppeleinfamilien- und Mehrfamilienhäusern. An der Fusion mit Herlisberg war Kolly ebenfalls beteiligt. 2013 schaffte Römerswil mit einem Ja-Stimmen-Anteil von 84 Prozent die Gemeindeversammlung ab und ersetzte sie durch Urnengänge. Der Erweiterungsbau des Schulhauses war auch ein markantes Ereignis seiner Geschäftstätigkeit.

In Erinnerung bleiben wird ihm «die tolle Zeit» mit Gemeindepräsidentin Ruth Spielhofer, der ersten Frau in dieser Funktion in Römerswil. An ihr schätzte er speziell «den Umgang mit den Menschen». Diese Momente sog er umso mehr auf, da ihn eine Krebserkrankung im Jahr 2008 das Leben fortan von einer anderen Seite betrachten liess. Kolly schaffte den vollen beruflichen Wiedereinstieg, für den er «sehr dankbar» ist. Der Gesellschaftswandel sei sehr anspruchsvoll geworden. Darin sieht er eine grosse Herausforderung der jetzigen Zeit. Den ständig wachsenden Ansprüchen im Berufsalltag gerecht zu werden, der zuweilen aufkommenden «Wildwest»-Mentalität in einem Dienstleistungsbetrieb erfolgreich zu begegnen, werde immer schwieriger. Im «Gemischtwarenladen» die Details zu kennen, sei komplex. «Eine grosse Herausforderung war sicher, dass die Familie bei all den beruflichen Tätigkeiten nicht zu kurz kam», so Kolly.

Auslandengagements waren auch ein Thema

Der verheiratete Vater zweier Töchter ist kein Mann der lauten Töne. Die Kindheit hat ihn geprägt. Sie seien in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, erinnert er sich. «Doch ich hatte eine gute Jugendzeit.» Demütig und zufrieden sein, ist für ihn zentral. Kollys Bruder Thomas ist Botschafter in Afghanistan und Pakistan. Im Frühling wird er in den Kosovo wechseln. Ihn möchte er mal mit dem Velo besuchen. Auslandengagements waren auch bei Felix Kolly dann und wann ein Thema. «Das liegt bei uns offenbar im Blut», sagt er. So liebäugelte er mit einem Einsatz für das Rote Kreuz in Afrika, bewarb sich als Skilehrer in Neuseeland, ohne diese Ideen allerdings umzusetzen – bis auf einen halbjährigen USA/Kanada-Aufenthalt.

Der Geschäftsführer schätzte die vielfältige Tätigkeit und das Privileg, in einer «modernen, zeitgemäss aufgestellten Gemeinde» arbeiten zu dürfen, bei Entwicklungen mitzuwirken. Felix Kolly erlebte in Römerswil vier Gemeindepräsidenten. Während der Dorfkern auf dem Hügelzug Erlosen liegt, reicht die Kommune bis in die Talsohle, an die Grenze zu Hochdorf. «Das Gebiet ist etwas verzettelt, zum dortigen Teil der Bevölkerung besteht weniger Kontakt», erklärt er. Daran werde sich kaum etwas ändern. Obwohl beispielsweise schon Ideen zwischen Römerswil, Rain und Hildisrieden bestanden hätten, näher zusammenzuarbeiten.

Kollys Herz schlägt für das Unterengadin

Darauf, was ihm die Pensionierung bringt, ist er gespannt. Sicherlich freut er sich auf mehr Zeit für die Familie, aufs Biken, Langlaufen, Skifahren. Und sein Herz schlägt fürs Unterengadin. «Diese Gegend ist eine Kraftquelle.» Dort kann er auch sein Rätoromanisch aufbessern, die Natur geniessen. Ein Dorfkönig, wie Personen in diesen Positionen oft bezeichnet werden, wollte er nie sein. «Ich glaube, das ist gelungen», sagt Kolly und lächelt.